Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
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-198 ist, so war dies doch für Steinheims, besonders für die Frau ein schmerzlicher Abschied. Die Begebenheiten der Zeit werden auch dort oft lebhaft besprochen, wie denn überhaupt niemand der herzlichsten Teilnahme sich erwehren »darf. Unter anderen Gästen trafen wir auch dort öfters Dr. Rießer, einen lebhaften unterrichteten jungen Mann von gebildetem äußeren Wesen, der'kürzlich eine Schrift über die bürgerliche Stellung d e r I u d e n herausgegeben hat, die sehr gut fein soll und schnell die zweite Auflage'erlebte. Sollte sie Dir Vorkommen, so sehe sie doch an, wenn Dich der Gegenstand interessiert. Uebrigens ist Rießer ganz, wie die jungen Leute jetzt überhaupt sind, bei welchen Geist, Kraft und Verstand vorwalten, ohne daß man sie deswegen alle klug nennen könnte; dazu ist Rießer Jurist, der scharf unterscheidet und sondert und stets vorn Gesichtspunkt des Rechts ausgeht. An ein Hervortreten des Gefühls und Innigkeit des Gemüts ist bei der heutigen Jugend kaum zu denken " Außer diesen interessanten Bemerkungen über eine Familie und deren Gäste enthalten die Briefe Rosa Marias und ihres Mannes auch einige Erwähnungen jüdischer Verhältnisse und Zustände. Die erste ist ein Stimmnngsbcricht der Rosa Maria ans dem Jahre 1816, 21. Februar: „Du hast keinen Begriff, welchen Luxus jeder Art hier jetzt die Juden treiben, die sich in den letzten Jahren ungeheuer bereichert haben. Sie dürfen nun überall wohnen und eignen sich in der Stadt und auf dem Lande die schönsten Häuser zu. Außerordentlicher Sinnengenuß, Schein und Schimmer ist ihnen das Höchste, wonach sie streben. An deutschen Sinn, Verstehen ihrer Zeit ist bei diesen gar nicht zu denken; alles ist bei ihnen oberflächlich» für die äußere Sinnenwelt berechnet, und heutigentags kann man ebensowohl von ihnen sagen wie darnals Christus: Sie sind eben wie die übertünchten Gräber, wie denn überhaupt manches derart noch jetzt auf sie anwendbar ist." Dieser Bericht der Rosa Maria darf nicht ohne eine Beinerkung bleiben, denn es muß darauf hingewiescn werden, daß sie, ohne daß man sie irgendwie eine Judenfeindin nennen darf, doch in den bei Antisemiten gewöhnlichen Fehler der Verallgemeinerung verfällt. Es ivird sich nicht leugnen lassen, daß zu jener Zeit einzelne Juden unpatriotisch dachten und dieselben oder andere allzu großen Luxus trieben. Das sind Folgeerscheinungen eines schnell gewonnenen Reichtums; man ist aber nicht berechtigt, derartige Ausnahmebestimmungen und widerliche Bekundungen einzelner als allgemeine Auffassungen hinzustellen und sämtliche Juden des mangelnden Patriotismus und übertriebener Verschwendung zu beschuldigen. Ein anderer Bericht findet sich in den Briefen der Rosa Maria 1830. Zu diesem ist zu bemerken, daß der erste Abschnitt sich auf den bekannten Judenkrawall in Hamburg bezieht, der zweite es mit Heinrich Heine zu tun hat, der, wie schon erwähnt, zu den Lieblingen der Briefschreiberin gehörte. (Viele andere Bemerkungen über Heine, die aus Rosa Marias Feder stammen, sollen an anderem Orte veröffentlicht werden.) Dieser Bericht aus dem Jahre 1830, 10. September, lautet: „Die Kunde von den Exzessen in unserer Stadt wird Dir wohl auch zugegangen sein. Es scheint nun gottlob alles vorüber und der Aufruhr war nur vom Pöbel erregt, durchaus planlos und unsinnig. Die einen schrien gegen die Juden, die meisten gegen die neuen Steuern und eine kleine Partei in St. Georg gegen den Pastor Rautenberg daselbst. Unsere sonst so friedliche Stadt war in lebhafter Bewegung und. ein Volkshaufe, der lärmend und pfeifend am Abend über den Alten Steinweg zog, als wir gerade bei Birkenstock waren, machte auf mich einen widerlich-schauerlichen Eindruck. In unserer Straße blieb es ganz ruhig, wie überhaupt meist am Tage. Erst in der Dunkelheit wurden Tätlichkeiten besonders gegen das Stadthaus verübt, in welchem Fenster eingeworfen und die Türen gesprengt wurden. Auch Laternen wurden in dessen Unlgegend zerschlagen. Nur am letzten Sonntag Nachmittag war es so arg auf dem Hamburger Berg, daß das Militär zu schießen genötigt war, wodurch mehrere getötet oder verwundet wurden. Aber seit dieser Zeit hat sich der Lärm sehr gegeben, auch sind viele verhaftet worden und unter diesen das allerniedrigste Gesindel; hoffentlich ist alles vorüber." In demselben Brief heißt es: „Eben war Dr. Heine bei mir und läßt Dich bestens grüßen. Uebrigens ist er durch die Ereignisse der Zeit sehr aufgeregt und hat in voller Begeisterung mehreres Politische geschrieben, worin er aber, wie er sagt, durch die Verhältnisse in Hamburg häßlich gestört wurde. Er ist empört über die Austritte, und dies mit Recht, denn sie tragen den Charakter der größten Pöbelhastigkeit. Auch seinem Onkel Salomon Heine wurden von einem Haufen sämtliche Fenster eingeworsen. Dabei ist dieser einer der wohltätigsten Menschen, von dem man vorigen Winter die bedeutendsten Beiträge zur Unterstützung der Armen erhielt." Sodann sei eines Berichts von Assing Erwähnung getan, der sich auf die Cholera bezog, die damals in Hamburg wütete. Darin wird zunächst bemerkt, daß die Cholera die Juden verschont habe, in einer nachträglichen Berichtigung aber erwähnt, daß sie auch unter den Juden vielfach gewütet hat. Auch andere jüdische Persönlichkeiten in Berlin und Hamburg kommen in den Briefen vor. Aus Varnhagens Epistel ist die Bemerkung (27. November 1835) hervorzuheben: „Wir haben hier am 29. Abraham Mendelssohn-Bartholdy verloren, ein bewährter Freund von mir. Ich war acht Tage ganz hin davon. Lea faßt sich in tiefstem Schmerz mit aller Kraft, aber ich bin auch für sie nicht ohne Sorge." Häufiger berichtet Rosa Maria über ihren jüdischen Verkehr. Unter den jüngeren Schriftstellern nämlich, die in Asfings Hause verkehrten, befanden sich seit 1835 besonders die Mitglieder des „Jungen Deutschland". Nun sind ja allerdings dir Hauptvertreter dieses Kreises durchweg Christen, aber dem eigentlichen Führer dieser sogenannten literarischen Schule. Karl Gutzkow, stand ein jüdischer Literat Ludwig Wihl (1807 bis 1882) nahe, und gerade über ihm erhalten wir wichtige Beiträge. Wihl steht durch Heines Spöttereien in schlechtem Andenken, verdient aber, wie Ludwig Fränkel in seiner größeren Skizze („Allgemeine deutsche Biographie" Bd. 42, S. 469/72! gezeigt hat, eine gerechtere Würdigung. Ueber ihn schreibi Rosa Maria am 11. Juni 1838: „Gutzkow hat uns kürzlich einen seiner Freunde zugeführt, Dr. Ludwig Wihl, einen jungen Mann aus der Gegend von Düsseldorf, Schriftsteller und Dichter, der von Paris kommt und wie alle, die dort waren, mancherlei von dort zu erzählen hat. Er ist ein lebhafter munterer Mensch von offenem harmlosen Sinn, der große Freude an der Poesie hat und zumeist an seiner eigenen, die er auf eine so liebenswürdige selbstgefällige Weise äußert, daß man sich mit seiner Freude über jedes Lob und jeden Erfolg nur mit freuen kann. Diese sucht er nun gern zur Spracht zu bringen. Einige Kompositionen seiner Lieder hat er gleich den Kindern zum Spielen gebracht, und einen schmeichelhaften Brief von Rückert trug er lange bei sich, um ihn jedem vorzulesen, der ihn hören wollte. Doch geschieht dies so ohne alle Anmaßung und bricht bei ihm wie reine Freude so gutmütig und natürlich hervor, daß man wohl manchmal darüber lächeln muß, aber nie unangenehm davon berührt wird. Es ist zum Teil ein Mangel an Takt, die Freude, die andere über solche Dinge ebensowohl empfinden, aber für schicklicher halten, nicht ausbrechen zu lassen, so unverhohlen blotzzugeben. Er ist erst seit acht Tagen hier, war aber schon mehrmals bei uns und scheint sehr gern bei uns zu sein, aber wir sind ihu> schon recht gut. Seine Freundlichkeit, Gutmütigkeit, Offenheit