Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie in seinem Charakter sich die besten Tugenden, deren ein Weiser sich rühmen mag, vereinigten, so war auch sein Schaffen rein und wahr, kraftvoll und zielbewußt. Sein Beruf hatte ihn — wie ein Trauerredner treffend bemerkte — in den Gerichtssaal geführt, an jene Stätte, wo Leidenschaften aller Art zu Dramen sich türmen, da wie in einem Seziersaal die bösen Triebe bloßgelegt werden, die uns innewohnen. Aber seine Menschenliebe hat durch all das Häßliche, das er gesehen, das er in der Schilde- I mng erlebt, nicht gelitten. Und all die bitteren Empfindungen, -ie in ihm wogen mochten, sie klärten sich auf der Warte seiner I Betrachtungen zu tiefem Mitleid ab mit den Opfern selbst, mit den Opfern der Gesellschaft. Wie oft wußte er durch seine eigenartigen, im Gewände schlichten, aber um so eindringlicher wirkenden Darlegungen in dem weiten «reife der Leser feines Blattes reines Mitgefühl zu erregen, wo Abscheu vielleicht allzu hart geurteilt hätte. In diesem Sinne tonnte er als Vorbild der Berichterstatter seines Faches gelten, als Vorbild auch in der musterhaften Hingebung an alle Mühen und Beschwerden unserer hastenden, unserer atemlosen Arbeit. Mit diesen herrlichen Eigenschaften hat > fieuda als langjähriges Mitglied der Verwaltung des Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia" sehr viel Gutes j und Bleibendes geschaffen. Es ist bezeichnend für den Ernst der Berufsauffassung, die ihn zeitlebens beseelte, daß er als junger Journalist in der „Concordia" die Anregung gab zur Gründung eines beruflichen Ehrengerichtes, jener aus auserlesenen I Schriftstellern bestehenden Körperschaft, die darüber zu wachen Ihat, daß in ihren Reihen kein Unwürdiger die Feder führe. lAber auch wo es galt, bedürftigeren Berussgenossen oder deren iWitwen und Waisen in Erfüllung ihrer sozialen Pflicht beizu- | ftcljen, bekundete er eine Menschenliebe, die nur wenigen eigen Es war der schönste Lohn seiner Berufstätigkeit, daß in l diesen fachlich und sachlich berufenen Kreisen chm die uneingeschränkte Anerkennung seiner strengen und gerechten Pflicht- Icrsüllung, seiner Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit Izuteil wurde, und als die Wiener Anwaltschaft vor wenigen »Wochen ihm eine seltene Ehrung veranstaltete, da fiel das »ebenso ehrende wie gerechte Wort, daß Neuda in seiner vier- Izigjährigen Tätigkeit es immer verstanden habe, allen Parteien »gerecht zu werden, und damit der Rechtsprechung in Oesterdeich unschätzbare Dienste erwiesen habe. Moritz Neuda, mit allen Fasern seines Herzens dem Väter- Iglauben anhängend, war einer der edelsten und besten Männer Iseiner Gemeinde, an deren Angelegenheiten er, ohne besonders lut die Oeffentlichkeit zu treten und, wie es jetzt üblich ist, einer Ibestimmten Richtung anzugehören, den regsten Anteil nahm. |ifr war ein treuer Anhänger und Förderer der jüdischen Gesamt- Mit und ein ausgesprochener Gegner jeder Parteiblidung, die jnur, wie er oft zu sagen pflegte, zur Zersplitterung der Kräfte Moritz und somit zum Nachteil der Gesamtheit führe. Mit großem Eifer aber beteiligte er sich an der Leitung verschiedener jüdischer Vereine und Wohlfahrtsinstitute und hat einen großen Teil seiner Arbeitskraft und seines Fühlens dem Judentum gewidmet. Moritz Neuda war ein Onkel des ihm im Tode vorangegangenen bekannten Wiener Verteidigers Dr. Max Neuda und ein Neffe des berühmten und hochgelehrten Rabbiners Dr. Adolf Schmiedel. Seine Mutter Fanny Neuda, eine Schwester des Letztgenannten, ist als Verfasserin verschiedener Gebet- und Andachtsbücher (Techinoth) noch heute in den weitesten Kreisen wohlbekannt. Die hohe Wertschätzung, deren sich der Verblichene in der Wiener Gesellschaft erfreute, kam bei seinem Leichenbegräbnis, das sich zu einer imposanten Kundgebung gestaltete, zum lebhaften Ausdruck. Von nah und fern eilten die vielen Freunde und Kollegen, namentlich aus juristischen und schriftstellerischen Kreisen, herbei, um ihrem ausgezeichneten Führer das letzte. Geleit zu geben. In -der Zeromonienhalle des Zentralsriodhofes hielten die Herren Dr. Julian Sternberg namens der Redaktion der „Neuen Freien Presse" und Dr. Julius Stern namens des Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia" tiefempfundene Trauerreden. Beide betonten die unendliche Fülle von Güte und Menschlichkeit, die mit der Persönlichkeit des Verblichenen in die Tiefe gesenkt wurde. Ja, Moritz Neuda war eine Persönlichkeit. Darum wird die Erinnerung an ihn nicht so leicht aus dem Gedächtnis der Mitlebenden schwinden. „Was vergangen, kehrt nicht wieder, — Aber ging es leuchtend nieder, — Leuchtet» lange noch zurück!" Svttzrn iidkr Juden sus drm Vrirfwrchsrl swischrn Vsrnhsgrn und srinrr Schwester sowie sus verwandten Lurllen. Von Ludwig Geiger. II. IIJ ie die gesellschaftlichen Freuden, so Neuda. Vv' teilten Assings mit Steinheims auch die Lektüre. Von dem Urteil der letzteren über Heines „Reisebilder", I. Teil, meldet Rosa Maria, die von der Person und den Werken des Dichters überhaupt, so auch von dieser Arbeit sehr entzückt war, folgendes: „Steinheim ist am ärgsten dagegen aufgebracht. Steinheims Frau, sonst so ziemlich der Nachhall von Steinheims Urteil, hat diesmal auch eine eigene Meinung und hat das Buch mit großem Interesse gelesen und gesteht ihm wenigstens viel Schönes zu." Endlich aber ist eine Stelle Rosa Marias zu erwähnen, die besonders wichtig ist, nicht bloß, weil sie ein hübsches Stimmungsbild, sondern well sie eine nicht unwichtige Bemerkung über Rießers epochemachende Erstlingsschrist enthält. Sie lautet folgendermaßen: „13. Mai 1831. Nur die Sonntagabende bei unseren Steinheims machen bisweilen eine Unterbrechung in unseren stillen Tagen; dort fanden wir stets eine heitere belebte Gesellschaft. Schon seit mehreren Jahren besteht diese Einrichtung in ihrem Hause, an jedem Sonntagabend Gäste bei sich zu sehen, wozu wir ein für allemal für den ganzen Winter eingeladen sind, wo man sich der gastfreiesten Ausnahme und einer vortrefflichen Bewirtung zu erfreuen hat. Dr. Leopold Meyer, Steinheims > Pflegesohn, ist in dieser Zeit nach Warschau gegangen, um! dort als Arzt eine Anstellung zu suchen. So geraten und j lobenswert für den jungen Mann dieser Entschluß zu neunen