Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229303--73060-3285520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
195 Das deutsche Volk hat durch solche Anspannung seiner Kräfte gezeigt, daß es seiner großen Aufgabe gewachsen ist. Statt des ersehnten Frühlings haben die letzten Tage leider bewiesen, daß auch der diesjährige April sein altes Vorrecht, wetterwendisch zu sein, in traurigstem Maße erfüllt. Alls einige sonnenbeglänzte Tage sind Hagelschauer und Kälte gefolgt; die zarten Blüten, das saftige Grün, die sich hervorgewagt haben, werden, wenn auch nur auf Stunden, von weißen Flocken bedeckt. Will es denn gar nicht Frühling werden! Ein Sehnen gcht durch die ganze Menschheit nach Frühling, Liede und Freiheit; soll dieses Sehnen gar keine Erfüllung finden? Wir harren und hoffen; möge dieses Harren und Hoffen endlich verwirklicht werden. # Unser Mitarbeiter L. F. schreibt uns: Unser Artikel „Einigkeit in der bayerischen I u d e n h e i t" in Nr. 13, S. 148, hatte am Schluß von dem erfreulichen Zusammenschluß der bisher ganz unabhängig nebeneinander lebenden israelitischen Gemeinden in der Rhein Pfalz berichtet. Dazu können wir nun weiter mitteilen, daß die Vorstandschaft dieses neuen Verbandes d e r i s r a e l i t i s ch e n K u l t u s g e m e i n d e n d e r P f a l z am 16. April zu Neustadt a. d. H. versammelt war, um die endgültige Wahl vorzunehmen. Diese fiel auf die schon in Aussicht Genommenen, an der Spitze die Herren Joseph, Wolfs, Strauß (siehe unsere Angaben S. 149). Die demnächstigen Arbeiten des Verbandes wurden hierauf besprochen. In seinem Schlußwort betonte der erste Vorsitzende, Privatmann Albert Joseph (Landau): „Kein Opfer ist uns Israeliten in diesem Kriege zu groß. Zu schwer. Wir brachten und bringen es gern dem Vaterlande. Ein ehrenvoller glücklicher Friede, der alle Wunden heilt, ist unsere heiße Hoffnung. Dann aber verlangen wir völlige Gleichberechtigung in Staat und Gemeinde mit unseren christlichen Mitbürgern. Wo gleiche Pflichten erfüllt werden, können gleiche Rechte wohl nicht versagt werden." * lieber die Lage der I u d e n i n R u ß l a n d sind noch zwei Zeitungsstimmen zu erwähnen. Sie lauten: R e: ch tsglei ch heit f ü r Rußlands Jude n. K o p e n h a g e n, 18. April. In der Sitzung des russischen Mimsterrats am 7. April ist ein von: JustiZminister Kerenski vorgelegter Gesetzentwurf über die Aufhebung aller Rechtsbeschränklingen für Juden und andere Fremdstämmige einstimmig angenounnen worden. Der Hauptausschuß des Jüdisch-Sozialistischen Bundes in Petersburg hat an den Hauptausschuß der finuländischeu sozialdemokratischei1 Partei und an die sozialdemokratische Fraktion des fiuütändischen Landtages gedrahtet, das jüdische Volk erwarte von der Sozialdemokratie Finnlands ein Eintreten für die Aushebung der Rechtsbeschränknugen der Juden und die Einbringung eines entsprechenden Antrages im finuländi scheu Landtage. Das Blatt des Petersburger Arbeiterrates „Jstvestia" tadelt es, daß die finntändische Verwaltung gerade in den Tagen der Revolution alle Juden aus den finnischen Badeorten auf Grund früherer Verordnungen ausgewiesen hat, und sagt, es werde ein Schandfleck für Finnland bleiben, daß es diese Gesetze nicht gleich nach der Revolution abgeschafft habe. ' I u d e n p o g r o m e i n S ü d r n ß l a n« d. Kopenhagen, 12. April. In einer ganzen Reihe von Städten Südrußlands ist es zu Judenpogromen .gekommen. Angeblich sind die Anstifter dieser Pogrome Mitglieder des Perbandes der Schwarzen Hundert. Tie blutigsten Pogrome ereigneten sich tu Cherson, Odessa und Kischinew. Hier waren Tausonde von Personen mit dem Aufspüren von früheren Polizeibeamten beschäftigt. Diese hatten sich teilweise in geschlossenen jüdischen Berkaussständen v'rschanzt und schossen von hier aus auf die Menge. Darauf plünderte der Mob sämtliche jüdische Verkaufsstände mW Läden und mißhandelte oder lynchte die erreichbaren Juden. So wurden in Cherson mehr denn 250 Inden und jüdische Frauen ermordet. Auch aus Kischinew und Odessa trafen telegraphische Hilferufe der Juden beim Kriegsmimsterium ein. Die Ballern in Südrußtaud zeigen sich unzufrieden. daß den Juden die Gleichberechtigung dlirch die nelle Negierung verliehen ist. Auch aus Kiew und aus dem Flecken Brussilow werden Nachrichten von Pogromen gemeldet. * lieber russisch-jüdische V e r h ä l t n i s s e schreibt das „Berliner Tageblatt": Ein russischer Schriftsteller, der in den okkupierten Gebietell Galiziens und der Bukowina tätig war, hat sich schriftlich an den Fürsten Lwow und an Miljukow gewandt, indenr er die schlechte Lage der dortigen Bevölkerung, besonders der Juden, schildert, die unmenschlicher Behandlung von seiten der russischen Behörden ausgesetzt waren. Die Juden wurden aller Rechte beraubt, die sie als österreichische Untertanen genossen. Man hat sie aus ihren Diensten entlassen, ihr Gut und Gold konfisziert, ihre Synagogen zerstört lind aus vielen Städten und Dörfern die ganze jüdische Bevölkerung vertrieben. Der Berfasser des Memorandums ersuchte nun die provisorische Regierung, etwas zu tun, um die Stellung der Juden zli verbessern. Darauf wllrde der bekannte liberale Politiker Fürst Paul Dolgoruki znm Generatgouverneur von Galizien ernannt. * Die Zeitungen melden ferner von starken revolutionären Unruhen, die wilder und blutiger sein sollen als die im März. Jedenfalls vermehrt sich dort das Chaos, und die Verwirrung hindert das russische Heer tatsächlich an jedem Eingreifen. * Unsere Heeresverwaltung meldet von neuerlichen großen Erfolgen unserer U-Boote und von einer beträchtlichen Tätigkeit unserer Fliegertruppe. Direktor Molk Oeritz, lkönigsberor i. Or. Z u seinem 2 5 j ä h r i g e n A m t s j u ft i I ä it m. Von C&erfefrctfir 2. R ofcutfjot (.(Uhiieisberfl i. Pr.). m 28. April d. I. begeht Herr Direktor Adolf P c r i tz die offizielle Feier feines wegen der Kriegsverhältnisfe verschobenen 25jährigen Amtsjubiläums als Leiter des „Israelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz zu Königsberg i. Pr.". Zugleich mit diesem Feste feiert der Jubilar auch den Tag, an dem er Vvr 25 Jahren mit seiner treuen Lebensgefährtin den Bund fürs Leben geschlossen hat. Es ist ein an Arbeit und Erfolgen reiches Leben, auf welches der Jubilar heute zurückblickcn darf. Vorgebildet auf t»er Berliner Lehrerbildungsanstalt, hat er seinen Lehrern, insbesondere den: von ihm hochgeschätzten Direktor, welcher ihn einst in die großen Erzieliungsprobleme eingeführt hat, eine dankbare Verehrung in seinem Herzen allezeit bewahrt. Eine ideal angelegte Natur, hat er den Glauben an den Sieg des Guten im Menschen trotz mancher Enttäuschungen nicht verloren. Von Pestälozzischem Geiste beseelt, werden darum die ihm anvertrauten jungen Pflanzen mit Liebe und Milde ans ernster, religiöser Grundlage zu sittlichen Menschen erzogen und zum Kampfe für das Leben vorbereitet. Er, der so viel Liebe gesät, hat auch Treue geerntet. Darum scharen sich die längst im Leben stehenden eheinaligen Zöglinge der Anstalt um ihn ivie nur einen verehrten und geliebten Vater. Besonders rührend sind die Beweise treuer Aichänglichkeit derjenigen, die jetzt draußen für die Ehre und die Größe des Vaterlandes kämpfen. Doch unser Jubilar hat neben seiner anstrengenden Berufsarbeit noch Zeit gefunden, überall für die allgemeinen An-