Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Lehrern und Lehrerinnen, zahlreiche Vertreter der Gemeindeverwaltung und Schulkommission und ein stattlicher Teil der Gemeinde selbst füllten das festlich erleuchtete Gotteshaus. Nach dem mit Chorbegleitung verrichteten Nachmittagsgebet durch Kantor Cohn sang der Chor den 113. Psalm, woraus der Leiter der Religionsschule, Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal, die Kanzel bestieg. Ergab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick mit ehrender Erwähnung des Leiters der Schule in den ersten fünf Jahren ihres Bestandes, jetzigen Seminardirektors Dr. L a z a r u s. (Kassel), und der früheren Lehrkräfte, darunter der in gesegnetem Andenken gebliebenen verstorbenen Volksschullehrer M. Goldschmidt und Oberlehrer Dr. A r o n, und schloß daran herzlichen Dank für den hingebenden Eifer des zeitigen Lehrkörpers und das fördernde Interesse der gegenwärtigen Gemeindeverwaltung sowie den Hinweis auf die in dem letzten Jahrzehnt erfolgte Ausdehnung der Religionsschule durch Angliederung zweier Filialen in Nippes und in Ehrenseld. Sodann wies der R-edner mit Nachdruck auf die den Neligionsschulen in den Großgemeinden immer mehr erwachsenden Schwierigkeiten hin und brachte feine Gedanken über die gedeihliche Fortentwicklung der Schule zum Ausdruck in Anlehnung an eine der ältesten und kraftvollsten Lehrergestalten Israels, den durch das Passahfest nähergerückten Propheten Elias. Wie jener „das Herz der Eltern zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Eltern zurückbringt" (Maleachi 3, 24), so muß zwischen Schule und Haus ein enger und inniger Zusammenhang hergestellt werden; wie jener seinem Jünger Elisa Anteil am Gottesgeist nur dann verspricht, „wenn er den Lehrer sieht, auch wenn er von ihm genommen ist" (2. Könige 2, 10), so muß der Schüler, zumal einer Religivnsschule, auch nach dem Verlassen der Anstalt ihrem Geist treu bleiben und von des Lehrers Wort int Leben sich führen lassen. Das leitete zu der feierlichen Entlassung von zwölf Zöglingen über, zehn der Hauptanstalt und zwei der Filiale Nippes, denem wie üblich, die von der Gemeinde gestifteten schönen Gebetbücher tnit herzlicher Ermahnung und segnenden Worten überreicht wurden, worauf der vom Chor gesungene 150. Psalm die eindrucksvolle Feier beschloß. S£2 Seesen a. H., 12. April. Aus den gedruckten „ Mitteilungen", die die hiesige Iacobson - S ch u l e an Stelle des üblichen Schulberichts veröffentlicht, ergibt sich, daß die Anstalt int verflossenen Schuljahr trotz der Einberufung einiger Leherer ins Heer den Unterrichtsbetrieb unter nur unwesentlichen Einschränkungen des Lehrplans hat aufrechterhalten können. Der Schülerbestand war mtf der Höhe der Friedensjahre (über 300 Schüler, darunter die Hälfte Alumnatsschüler). Aus den beiden Untersekunden der Realschule und des Reformrealghmnasiums wurden 41 Schüler (darunter 7 auf Grund einer Notprüfung) mit dem Zeugnis der Reife für die Obersekunda einer Vollanstalt bzw. dem Berechtigungsschein" entlassen. Der Gesundheitszustand der Schüler war trotz der Kriegsernährung so günstig wie kaum je in den letzten zehn Jahren. Eine zeitgemäße Einrichtung hat die Direktion damit getroffen, daß die auf dem Lande wohnenden Eltern der Schüler ersucht wurden, deren Kameraden aus den Großstädten für die Dauer der Ferien bei sich aufzunehmen. Einige Landwirtsfamilien haben bereits für die Osterferien der Aufforderung entsprochen, und es ist zu hoffen, daß noch andere dem Beispiele folgen werden. Auf diese Weise finden die Großstadtknaben in völlig ländlicher Umgebung gute Erholung und Verpflegung, und es wird ihnen die Möglichkeit geboten, einen Einblick in landwirtschaftliche Betriebe zu gewinnen. Anderseits sollen die Knaben vom Lande nach dem Kriege bei ihren großstädtischen Mitschülern gastliche Aufnahme finden, um die gesunden Genüsse der Stadt (Theater, Museen u. dgl.) kenuenzulernen. Die Schule hat die älteren Schüler zur Teilnahme an den Jugendwehrübungen, die in Ermangelung des geregelten Turnunterrichts für die körperliche Ertüchtigung so außerordentlich förderlich sind, angehalten und ebenso zur Beteiligung am vaterländischen Hilfsdienst angeregt. Die Werbungen der Schüler zur Zeichnung der Kriegsanleihe^ waren, recht erfolgreich, für die vierte Kriegsanleihe hat die Schule die Zeichnung von 112125 Mark vermittelt. Ter Verein ehemaliger Jacobson-Schüler hat eine Freibücherei gegründet, aus welcher die unbemittelten Stadtschüler Lehrbücher kostenlos erhalten; den Freizöglingen des Schülerheims werden die Lehrbücher aus Stistungsmitteln gestellt. L2 Frankfurt a. M., 12. April. Atu 1. Nim d. I. feiert Herr Oberkantor Jakob Großkop-f sein 2ojähriges Ortsjubiläum in Frankfurt a. M., und am gleichen Tage kann dieser weithin 'bekannte und von seinen zahlreichen Freunden hochgeschätzte Sänger auf eine 40jährige Wirksamkeit als Kantor Zurückb-licken. Das Geschick machte es ihm nicht leicht, diese Stellung zu erreichen. Aus recht kleinen Verhältnissen hat er sich mühsam emporgerungen. Als Sohn eines Kantors, der nicht das Glück hatte, mit irdischen Gütern gesegnet zu sein, wurde er in Sassov (Oesterreich) geboren. Schon als zehnjährige in Knaben verschaffte ihm seine glockenreine und seelenvolle Sopranstimme Aufnahme als Meschorer bei dem damals berühmten Kantor I e r u chi m H a k o t o n in Berditschew. Als solcher mußte er seinem Meister Inhalten", d. h. frei aus eigener Stimmung und Erfindung Zeitweise in den Gesang des Vorsängerseinfallen. Darin konnte natürlich nur ein bedeutendes Talent tnit feinem musikalischen Gehör etwas Wertvolles leisten. Nach mehrjährigem Aufenthalt ging er von dort zu denr in Odessa wirkenden' Oberkantor Bach m a n n , wo er mit großem Eifer musikalischen Studien oblag und sich ein beträchtliches jüdisches Wissen aneignete. Reiche Anregung erhielt er dort von feinen Studiengenossen, von welchen ich nur die späteren bedeutenden Kantoren Tuen mann (Wien), Stabinskh (Berlin) und Minkorski (Odessa) nennen will. Im Jahre 1877 nahm der Jubilar seine erste Stellung als Kantor an. Nach wechselvolletn Aufenthalt in Sentlin., Agram. Neusohl, Essegg und Teplitz (Böhmen), wo er sich in seinem Fache weiter ausbildete und vervollkounmtete, erhielt er 1889 einen Nus an den Großen Tempel an der Tabakgasse in Budapest. Sein Probevortrag, der für das entpstndungsvolle Verständnis der Gebete zeugte, fiel glänzend aus. Großkopf begeisterte die Zuhörer durch seine ausgezeichnet geschulte, wohlklingende und umfangretche Stimme. Der große Ruf unseres Jttbilars bewirkte, daß er int Jahre 1892 nach Frankfurt a. M. berufen wurde, wo er seither als einer der berühmtesten deutschen Kantoren zur Verherrlichung des Gottesdienstes wirkt und sich in der Gemeinde einer geradezu volkstütnlich zu nennenden Beliebtheit erfreut. In Fachkreisen weiß man neben seiner wunderbaren Simone auch seine gediegenen musikalischen Kenntnisse zu würdigen. Nach außen hin ist Großkopf wenig hervorgetreten. Bon seinen Kompositionen hat er nur wenige, wie z. B. feilt „Hochzeitslied", dem Truck übergeben. Sein Hauptwerk „Sennroth LJakob", das nach sachverständigeut Urteil „in rein ntusikalischer Hinsicht alle Anerkennung verdient", zeigt neben fließender Stinttnführuug tmd natürlichem ntusikalischen Satzbatt das tiefe religiöse Gemüt des Komponisten. Diese religiöse Empfindung verstand er aus seine zahlreichen Schüler zu übertragen, die, zum Teil in großen Städten cuit* tierend, ihm ihre Ausbildung verdanken. So ist es unserem Jubilar, dem für seine Verdienste um das Rote Kreuz im vorigen Jahre das k. tt.!. Ehrenzeichen II. Klasse verliehen wurde, beschieden, znrückzublicken auf eine mit großer Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit und mit seltenen: Erfolge ausgeübte Tätigkeit als I. Kantor au der Hauptshnagoge unserer Gemeinde. Er hat sich ein bleibendes Verdienst erworben, indem er es verstanden hat, dem Gottesdienst einen weihevollen, religiös-innigen Charakter zu verleihen. Möge es dem gütigen Menschen, dem Meister im Fache und lieben Kollegen vergönnt sein, bei geistiger Frische und körperlicher Gesundheit noch viele Jahre weiter zu wirken und sich der ungeteilten Hochschätzrmg tlttd Verehrung seiner Gemeinde, Kollegen und Freunde noch lauge ztt erfreuen. S. S ch e u e r tu a u n. Gksterreich-Angsrn. z. Wien, 12. April. In der vor kurzetn hier abgehaltenett Generalversam nt lung des Vereins zur R e t t tt n g verlassener jüdischer Kinder Galiziens ttnd der Bukowina ergriff der Leiter des Kriegshilfsbureaus des Ministeriums des Innern Dr. Eduard Pri nz von und zu Liechtenstein das Wort tmd sagte: Er habe sich verpflichtet gefühlt, in der Generalversammlungdes Vereins ztt erscheinen, um hier seinen lebhaften Dank für die so erfolgreich eingeleitete Aktion auszusprechen. Tcr Gedanke, das Hinterland zttr Unterstützung der unglücklichen Kinder der vom Krieg heimgesuchten Länder zu mobilisieren, sei allerdings — zunächst auf konfessioneller Basis — von diesem Verein aus- Mganaen, nachdem die Kriegswaisenfürsorge in Galizien nach den besonderen dortigen Verhältnissen von der Statthalterei konfessionell getrennt durchgeführt wird. Das Kriegshilfsbureau, welches pflichtgemäß sich mit der Bewilligung zu dieser Sammlung ztt befassen gehabt habe, habe geglaubt, im Interesse der Einigkeit zwischen den Kou- Mjioiteit tmd Nationen die gleichzeitige Einleitung einer Sammelafliott des gesamten Hinterlandes zugunsten aller notleidenden Kinder