Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aeußerlich präsentiert sich dieses Büchlein sehr schon. Der Druck ist gut, die Illustrationen, Porträts und Genrebilder sind meist sehr ansprechend, nur ein allegorisches „Prinzessin Sabbath" von Wilhelm Wachtel ist durchaus nicht nach meinem Geschmack. Wenn die Kunst dieses Mannes, wie es in einem ihm gewidmeten Aussatz heißt, wirklich „die jüdische Kunst eines jüdischen Künstlers der Renaissance" ist, dann habe ich gegen diese ganze Richtung (eine jüdische Kunst kenne ich überhaupt nicht) das schwerste Bedenken. Der Inhalt des Buches besteht aus einem jüdischen Kalender und eingestreuten Aussprüä^n hervorragender Männer, aus Biographien, poetischen Beiträgen und anderem, einem Fragmente eines neuen Dramas von Zweig, „Der Abtrünnige", geschichtlichen und politischen Aufsätzen. Rach dieser Probe scheint das Drama äußerst interessant zu lverden. Es handelt sich nicht um einen beliebigen Abtrünnigen, sondern um einen aus dem Osten stammenden Juden, der aus Ueberzeugung Christ geworden, als Christ durch Frömmigkeit und Fanatismus sich hervorgetan, Bischof wurde, aber seine Lausbahn freiwillig unterbrach, sich an einen kleinen Ort versetzen ließ und dort zur tteberzeugnng gelangte, daß er noch innerlich Jude sei, und dadurch zum Entschlüsse kam, auch äußerlich wieder Jude zu werden. Mitgeteilt wird nur eine Hauptszene, in der dieser ehemalige und zukünftige Jude als Bischof feinem Vorgesetzten und Kardinal eine Beichte ablegt, von ihm aber nicht, wie er es möchte, erlangt, zur Strafe und Buße von dem Volkshaufen ermordet zu lverden, sondern dazu gezwungen wird, zu verschwinden und ein neues Leben zu führen. Entwickelt sich das Drama nach dieser Szene, so kann es ein merkwürdiges Seelenbild werden; doch ist nach dein auf dem Titel befindlichen Zusatz „vier Zwischenspiele" und nach dem Vorgänge des früheren in unserer Zeitung denmächst zu behandelnden Dramas Zweigs „Ter Ritualmord" zll fürchten, daß and) hier wieder das Beiwerk dem eigentlichen Drama Schaden bereiten wird. Tie Mitwirkenden des Kalenders sind im wesentlichen Zionisten, und die Aufsätze tragen daher mehr oder weniger zionistisches Gepräge; am meisten ist dies der Fall in mehreren Beiträgen, die über Palästina handeln. Daß ich eine solche Tendenz nicht lobe, brauche ich nicht erst zu versichern; mich darüber zu ereifern, finde ich keine Veranlassung. Rur über einen Beitrag möchte ich ein ernstes Wort sagen. Das ist die Novelle von Scholem Alaichem: „Ein verfrühter Pessach, eine Geschichte, die sich auf der großen Welt begeben kann". Es ist eine Schnurre: wie ein verachteter polnischer Jude, der nach manchen Fehlschlägen in dem Städtchen Narrenberg von dem Verkauf von Luachs (jüdischer Kalender) sein Leben gefristet hatte, auf den witzigen Einfall kommt, sich alte Kalender für einen Spottpreis zu verschaffen und sie für teures Geld zu verkaufen. Die ganze Stadt oder vielmehr die darin wohnende jüdische Bevölkerung richtet sich danach und kommt erst zur Erkenntnis ihres Irrtums, als eines ihrer Mitglieder zufällig nach Berlin reist und von dort aus seine Mitglieder über den Irrtum aufklärt, während natürlich der Betrüger selbst längst das Weite gesucht hat und ncrck) Anrerika entflohen ist. Diese Schnurre kann man belächeln. Sieht man jedoch etwas tiefer, so muß man sich darüber ärgern. r>oni künstlerischen und vom deutsch-jüdischen Standpunkte an. Vom künstlerischen, denn welche Naivität gehört dazu, den Glauben zu erregen, daß die Mitglieder einer großen Gemeinde allesamt den gekauften Kalender so wenig ansehen, um nicht gleich den Irrtum zll bemerken, und ferner, daß eine immerhin ansehnliche Stadt so von allem Verkehr abgeschnitten sein sollte, daß erst durch die zufällige Reise eines Mitglieds der Betrug entdeckt wird. Auch darin scheint mir ein recht unkünstlerisches Verfahren zu liegen, daß einem Gauner seine verdiente Strafe geschenkt, ja daß er geradezu als Triumphator dargestellt wird. Viel schlimmer ist aber die Sache vom deutsch-jüdischen Standpunkt, denn der tiefere Sinn der Geschichte ist doch wohl der: die Deutschen sind so dumm (denn so werden sie auch in ihrem Verhältnis zu ihrem Rabbi und dieser selbst in seiner Unwissenheit und Dreistigkeit geschildert), daß ein geriebener russisch-jüdischer Händler ihnen alles vormachen, auf ihre Frömmigkeit, aber noch mehr aus ihre Dummheit spekulieren kann. So stellt sich diese ganze Erzählung, die nicht etwa eine ganz kurze Anekdote ist, sondern beinahe einen Druckbogen einninunt, als ein stark ziollistisches Bespötteln deutscher Kultur und deutschen Wesens dar, und man muß verwundert die Unverfrorenheit anstaunen, mit der deutschen Lesern eine solche Verspottung vorgesetzt wird. L. 6. — I n Russisch-Polen. Ein Kriegstagebuch von Hermann Struck. 23 Originallithographien. Verlegt bei Julius Bard zu Berlin 1915. Die in diesem Buche vereinigten Skizzen werden durch den Zeichner mit folgenden Worten eingeführt: „Es sind bescheidene Skizzen, die hier geboten lverden, schnell erhaschte Eindrücke, an denen nicht gefeilt lvurde. Sie waren nicht dazu bestimmt, ein solches Buch zu bilden — doch eine Anregung des Verlegers bewahrte sie vor dem Zerflattern und einte sie in schlichtem Gewände." Nach meiner unmaßgeblichen Meinung hätten die Landschaftsbilder, die wirklich nur in ein paar Strichen hingeworsen sind, ohne Schaden wegbleiben können. Dagegen sind die jüdischen Typen: Kuchenverkäufer, Zeitungsverkäufer, Lastträger u. a. sehr charakteristisch. Es tut mir leid, nicht einzelne dieser flott gezeichneten Bilder hier wiedergeben zu können; die Kunstliebenden unter unseren Lesern seien ans die Verössentlichung, von der nur 390 Exemplare ans der Handpresse hergestellt sind, hingewiesen. Sie könnten manchem jüdischen Hause und namentlich unseren jüdischen Bibliotheken als Schmuck dienen. L. G. Zn r Vorge schichte der In de n e m anz ip a t i o n in N a s s a u. Bon Tr. Adolf Kober, Stadt- und Bezirksrabbiner in Wiesbaden. Sonderabdruck aus der Festschrift zum 70. Geburtstag Martin Phitippsohns. Breslau, Buchdruckerei A. Favorke. 1916. Unter Vorgeschichte der Emanzipation versteht der Verfasser die Zeit um den Ausgang des 18. Jahrhunderts. Die Persönlichkeit, die sich besondere Mühe zur Herstellung geordneter besserer Zustände der Juden gab, war der Bankier Tobias Boas. Er, von einzelnen Genossen unterstützt, setzte durch, daß die fast unerschwinglichen Schutzgelder ermäßigt! wurden. Auch die Söhne des genannten, schon im Jahre 1782 verstorbenen Boas wirkten in seinem Sinne, erstrebten namentlich und erreichten teilweise auch eine bessere Erziehung der Jugend; merkwürdig ist bei diesem Streben, daß es bei der Landesherrschaft Unterstützung fand, während die niederen Regierungsorgane sich allen Besserungen in der Lage der Juden widersetztcn (übrigens ein Vorgang, den man auch Zll anderen Zeiten und in anderen deutschen Gebieten wiedersindet). Durch die Franzosen, die am Ende des 18. Jahrhunderts die Herrschaft der nafsauischen Gebiete erlangten, wurde der Leibzoll abgeschafft und in dem Großherzogtum Frankfurt, zu dessen Gebiet nassauische Landesteile geschlagen wurden, wurden den Juden große Erleichterungen gelvährt, namentlich eine Minderung der Abgaben. Aber alles dies --- die letztgenannten Erleichterungen schwanden mit der Wiederherstellung der alten Zustände — ist in der Tat nur eine Vorgeschichte, denn eine wirkliche und volle Emanzipation wurde erst im Jahre 1849 erreicht. Kobers Arbeit ist eine fleißige und gewissenhafte Studie. L. G. — Die A g nn a - Gesetz e. Von Rabbiner D r. Unna (Mannheim). I. Kausfmnnn (Frankfurt a. M.). 21 S. Ein Ueberblick über die Bestimmungen betreffend die Wiederverheiratung der sogenannten Aguna, d. h. der Frau, die über den Verbleib, Leben und Tod ihres Mannes eine sichere Nachricht nicht erlangen fmm. Das jüdische Ehegesetz hat hier einen Ausgleich zweier wichtiger Grundsätze vorzunehmeu: aus der einen Seite die Heiligkeit einer etwa noch bestehenden Ehe zu wahren, ans der anderen Seite der Verlassellen Frau das Leben nicht unnütz zu erschweren und ihr im Interesse der Sittlichkeit und Bevölkerungspolitik die Mederverheiratung zll erleichtern. Das Problem ist durch die Fülle derer, deren Männer infolge der Teilnahme am Kriege vermißt lverdell, ohne daß über ihren Tod durch Angenzengen eine verbürgte Mitteilung gemacht lverdell kann, von aktueller Bedeutung. In dem Heftchen, dessen Erlös für die Unterstützung von Kriegswaisen bestimmt ist, ist, ohne daß die Bestimmungen kritisch untersucht lverden, eine einfache Zusammenstellung der Bestimmungen der maßgebenden Dezisoren gegeben; aus der Responsenliteratur sind einzelne Gutachten wiedergegeben, die für die Entwirrung des Knotens in strittigen Fällen von besonderem Interesse sind. Die schlvierigste Frage ist die, ob Bekundungen über den Tod, die vorgenommen wurden, ohne daß eine jüdische Gerichtsbehörde nqch den hierfür überlieferten Grundsätzen die Zeugnisse prüfen konnte, als ausreichend gelten könnten, um auf sie hin einer -erneuten Eheschließung die religiöse Weihe und damit die Zustimmung des jüdischen Gesetzes zu geben. Hier lveigt sich der Verfasser, allerdings unter Hinweis auf die Vorsicht, die geboten ist, weil in dem gegenwärtigen Kriege amtliche Todesmeldungen sich nachträglich als irrig erwiesen, zu der Entscheidung, daß „bei nichtjüdischen Behörden angenommen wird, daß sie mit Rücksicht auf ihren amtlichen Charakter ihre Auskunft nur nach gewissenhafter Prüfung des Sachverhalts und im Hinblick auf ihre amtliche Verantwortlichkeit geben werden, ihre Mitteilungen deshalb als geeignete Unterlagen für die Entscheidung dienen können". Diene mann (Ratibor).