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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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191 auch nicht einmal seine kleinste Sorge sein soll. „Und du, Schlennhl, hast wohl auch keine andern Sorgen?" Melle fühlte sich zu schwach, um mit einem ähnlichen Kosenamen zu antworten, und mehr als alles andere mußte dieser Umstand Uscher überzeugen, wie sehr krank Melle war; dieses aber veranlaßt« ihn, Melle noch mehr Tücher um den Hals zu wickeln, noch mehr heiße Umschläge zu machen, noch mehr Kleidungsstücke aus sein Bett zu häufen und überhaupt hintereinander alles zu versuchen, was die alten Weiber in der ganzen Nachbarschaft ihm rieten und was nur irgendwie Linderung und Erfolg versprach. (Fortsetzung folgt.) Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Bon Anna Goldschmidt. (8. Fortsetzung.) (Nochdruck verboten.) sah entsetzt auf Günther, der in diesen: Augenblick den * Kopf so tief gesenkt hielt, als habe er einen Schlag darüber bekommen. Und das hatte der mit dem frohen Herzen gesagt, der, über dessen freimütige Lustigkeit ich mich die ganze Zeit staunend gefreut hatte?! So, hatte ich bei mir gedacht, kann nur einer von den Glücklichen sich bewegen und lachen und reden, der nie den Stachel mißwollender Beurteilung gefühlt oder gefürchtet hat, dem man nie gesagt hat: sei brav und bescheiden. Noch braver und bescheidener als all deine Mitschüler, sonst heißt es gleich: der Jude ist vorlaut. Ist das nun die Kehrseite davon? Bringt diese forsche Unbekümmertheit um das Urteil Dritter, diese liebenswürdige Sicherheit auch ein derbes Unbekümmertsein um die Gefühle anderer mit sich? Eins wunderte mich am meisten. Weder Assessor Wagner noch Günther schienen etwas bei Dr. Schulz' Taktlosigkeit zu finden. * „Und siehst du. mein Tochter, das wird dir der liebe Gott auch nicht vergessen, daß du so bekowet zu deiner alten Tante bist. Warte 's nur ab, du kriegst auch noch dein Teil. Der liebe Gott hat viel zu verschenken." . Ja, liebe Tante, aber was denn? Sieh, Vater kann er doch nicht wieder lebendig machen, also was soll er mir denn schenken? Auf was vertröstest du mich denn immer so beinahe feierlich? Um was tue ich dir denn so leid? Tante ist Gott sei Dank mit allem zufrieden, was ich gemacht habe. Zwar stöhnt sie fortwährend, wieviel bequemer und vorteilhafter und angenehmer es sich in Roschmin leben und wirtschaften ließ, aber das schmälert mein viel zu sehr überschätztes Verdienst nicht. „Siehste, mein Tochter, das haste von deine Mutter selig, die war ja auch so fein, und alles, was sie nur.anfaßte, hat Chein gehabt. Spaß, die Familie, aus der sie stammt! Was meinste, Kind, dein seliger Großvater, war das c Haus!" Ach, und dann kommen die alten Geschichten. Dann setze ich mich gleich viel näher an Tante heran und rühre mich nicht, damit sie im Zug bleibt. Ich höre sie zu gern. Und Paula läßt das Handtuch, an dem sie stopft, leise seufzend in den Schoß sinken und legt den Kopf gähnend über die Stuhllehne zurück, mit einem Gesichtsausdruck, der verzweifelt ist vor lauter Gelangweiltheit. Rosa, die Kleinere, aber wirst mir einen ihrer lachenden Blicke zu — es stört sie gar nicht, daß ich sie dann groß und ernst anschaue — und macht, daß sie hinauskommt. „Damals war ein Bankier noch was, weißte. Wenn heute einer e paar Groschen hat, macht er n Bankhaus auf. Aber damals — wenn mein seliger Vater zu Rosenberg Söhne gegangen ist —, du weißt doch, daß wir auch in Schildern wohnten hat er schon draußen vor der Straßentreppe den Hut abgezogen vor lauter Respekt. Aber den Kowet hat ihn Gott nebbich nich mehr erleben lassen, daß sein Sohn, sein Moritz, die Tochter von Rosenberg Söhne zur Frau bekommen hat. Das hat mir immer recht weh getan. Meine Mutter hat's noch erlebt — aber wie das so is — die Mutter selig war 'ne einfache Frau und nu die hochgebildte Schwiegertochter; en groß Naches haben se alle beid nicht gehabt von die Verbindung." Ich fasse Tantes liebe Hand: „Erzähl' weiter, Tante." Ich bin ihr so dankbar, daß sie nie etwas anderes als Gutes von meiner Mutter sagt/ Ich weiß doch, Mama hat nicht so recht etwas wissen wollen von Tante Phine. Und dann geht es kreuz und quer in der Verwandtschaft herum, und ich muß aufpassen, daß ich die Namen nicht durcheinander werfe. „Und was nun der Vater von dein seligen Großvater war, der hat Ehrenstein gehießen." Was? Nicht so wie sein Sohn? „Das war damals nich anders, Kind. Ich habe mal dürfen als Kind Schürzcnzeug hintragen. Das hatte die alte Frau Ehrenstein, deine Urgroßmutter — Gingham, ich sehe heute noch's Muster, so blau mit so 'ne roten Pünktchen —, verstehste — mer hat's heute auch wieder so ähnlich —, deine Urgroßmutter bei mein Vater für ihre Dienstmädchen gekauft, 's war keine große Sache, und ausgesucht hat se 'ne Stunde uiw gehandelt hat se wie en altes Marktweib — aber wie das so is, die seligen Eltern haben doch den ganzen Tag von dem Geschäft geredt, und der alte Schlesinger — du sollst solange hier sein wie er dort — aber auch den Toten kann mer die Wahrheit nachsagen —, er war e böser Mensch. Er hat meinem seligen Vater geschadet, wo er nur konnte. — Wie's immer is; es heißt zwar: „Der Gerechte wird bestehen, und der Bösewicht wird vergehen wie Spreu." Aber er is doch c reicher Mann geworden, und mein seliger Vater hat sich nebbich gequält bis zu seinem Tode. Aber den Tag hat er 'ne große nekome gehabt. Der alte Schlesinger hat drüben in seiner Ladentür gestanden und hat ganz grüngelb ausgesehen vor Kinnesinne, weil de reiche Frau Ehrenstein bei uns in Laden gewesen.is. Er hat mich denn 'reingerufen, weil er gedacht hat, er wird mich können aussragen, aber ohßer hat er e Wort von mir 'rausgekriegt. Spaß, hat der gedacht, was die reiche Frau for en Posten bei uns gekauft hat!" „Ja, Tante, du wolltest doch erzählen, wie du zu meinen Urgroßeltern, den reichen Ehrensteins, kamst." Der Kopf am Fenster fährt zu mir herum, und ein paar bitterböse Augen blicken mich vorwurfsvoll an. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Lehrlt n b Lesebuch der i s raelitischen Religion. Ein Buch für die Schule und das Haus von F. Steinem. Verlegt bei I. Kauffmanu, Frankfurt a. M. 1914. Preis 1,20 M. — Der Verfasser hat den interessanten Versuch unternommen, die gesamte Neligionslehre des Judentums im Anschluß an die zehn Gebote darzustellen. Freilich ist die Ausführung nicht recht gelungen. Verdient auch fraglos der gewählte Weg Beachtung, so erfordert einerseits das Eindringen in ein solches Schema eine allzu ausgeklügelte, oft unnatürliche intib sehr weit hergeholte Auslegung der einzelnen Gebote, und anderseits müssen natürlich wichtige Grnndlehren der Religion und Fragen jüdischer Weltanschauung unberücksichtigt bleiben. Da überdies das Büchlein auch in vielen Einzelheiten des Stoffes und der Darstellung einen sehr starken Widerspruch heraussordert, kann man in ihm kaum ein brauchbares Unterrichtsmittel erblicken. F. G. — JüdischerRationalkalender auf das Jahr 5677, 1916—1917. 2. Jahrgang. Herausgegeben von Otto Abeles und Ludwig Bato. Wien 1916. Verlag „Jüdische Zeitung".

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