Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 solchen Werke widmet. Bedauern muß ich nur, daß der Verfasser keine andere Versweise gewählt, da die gegenwärtige mir für ein Gedicht von so langem Atem keineswegs günstig scheint und vielleicht schuld ist, daß das Ganze nicht recht in die große Lesewelt übergeht. Die lyrischen Stellen haben große Vorzüge vor den übrigen. Ich wollte für den „Gesellschafter" eine Anzeige davon machen. Aber da ist mir Karl von Reinhard zuvorgekommen, und obwohl er wenig gesagt, so hat er mir doch damit den Platz vorweg genommen. Ein anderes Blatt ist mir gerade nicht zur Hand. Sollte sich aber doch noch ein guter Ort ergeben, so werde ich nicht verfehlen, ihn zu benutzen. Auch der Frau Doktorin Steinheim bitte ich mich bestens zu empfehlen; ich bin Euren Freunden, die so viel Güte für mich hatten, mit herzlichstem Dank ergeben." Das hier erwähnte Buch „Sinai" war im Jahre 1828 in Altona erschienen. Die Besprechung Assings ist mir bisher nicht bekannt geworden. Ob Varnhagen dem Wunsche des Schwagers, auch seinerseits eine Rezension zu schreiben, nachgekommen ist, kann ich nicht erweisen. fgÖJjgjgf Ein Kurimtpirl mit hindernillen. Humoreske von M. Pulvermann. (t>. Forts.) eißt du, Uscher", begann Melle schüchtern; „es war gewiß der leibhafte Aschmedai, der Teufel in eigener Person, der uns diesen Schabernack gespielt! Er hatte wohl Angst, daß wir ihm Konkurrenz machen und die Menschen vom Bösen abwenden werden! — Er hatte gesehen, wie alle sich mit uns gefreut, wie der Chossen, den doch bei der bevorstehenden Hochzeit die Sache am meisten anging, kein Auge von uns verwendet — und da wurde der Satan wütend und neidisch und hat uns das ganze Spiel verdorben. -- Ach, meine arme, arme, wunderschöne Moral . . ." „Häng' dich auf mit deiner verschwarzten Moral", brach Uscher los. „Moral hin, Moral her! Du kannst sie dir in Oel und Essig einpöckeln; denn bei der schonen Einnahme, die wir hatten, wird sie uns wohl morgen als Frühstück, Mittag- und Abendbrot dienen müssen!" „Uscher," versuchte Melle ihn zu beschwichtigen; „laß doch nur nicht den Mut sinken . . ." „Einsinken sollst du wie Korach mit seiner Rotte! Geh von der Tür weg, du Schlemiehl! Willst du dich aus den Tod erkälten?" Noch eine ganze Weile tobte er so weiter, bald die heftigsten Vorwürfe ausstoßend, bald die größte Fürsorge bekundend, bis auch er, von dem Fasten und den Anstrengungen des Tages erschöpft, aus den Stuhl niedersank. Melle hatte den ganzen Schwall der Vorwürfe schweigend über sich ergehen lassen; teils weil er, als Urheber des ganzen Unglückes, diese als gerechtfertigt anerkennen, teils auch, weil er seine ganze Aufmerksamkeit einem Topf mit Kartoffeln zuwenden mußte, die er bei dem schwachen, winzigen Feuer nicht gar bekommen konnte. Endlich waren diese so weit, und da auch Uscher mittlerweile das Schimpfen eingestellt hatte, so hielt er seine Zeit für gekommen; jetzt war die Reihe an ihm. Er setzte die dampfende Schüssel vor Uscher hin und sprach: „Hier hast du sie, du Fresser! Stopfe dir den Magen voll, damit du endlich aufhörst. An etwas anderes denkst du doch nicht, als nur essen, essen und jeden Tag wieder essen! — Und warum bist du denn eigentlich heute so ganz meschugge? Bist du denn heute vom Fasten gestorben? Nein! Nun, dann wirst du morgen vom Hungern auch nicht sterben! Uebrigens hast du doch jetzt die volle Schüssel vor der Nase stehen, da wirst du schon satt werden. Morgen ist doch auch noch Purim, und da werden wir noch genug verdienen — so eine wunderschöne Moral kann nicht unbelohnt bleiben." Ihre Absicht war es also gewesen, aus dem morgigen Tag so viel herauszuschlagen, um wenigstens einen Teil des heutigen Verlustes wieder einzubringen; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Aschmedai, der böse Satan, war ihnen aus den Fersen, und ihr schönes Vorhaben fiel abermals ins Wasser. Der schnelle und schneidende Temperaturwechsel gestern abend — aus der überheißen Stube bei Leiser Bäcker plötzlich und unsanft in die kalte Lust auf der Straße versetzt — hatte Melle die schönste Halsentzündung eingetragen, so daß er am nächsten Morgen kein verständliches Wort hervorbringen konnte und nur ein heiseres Gekrächze hören ließ. Armer Melle! Unter ähnlichen Umständen wurde auch schon manchem wirklichen Theaterdirektor ein Strich durch die Rechnung gemacht! Was Wunder, daß Uscher wie ein wildgewordener Stier tobte und raste und den armen Melle mit einer Flut der bittersten Schmähungen förmlich überschüttete. Natürlich vergaß er dabei keinen Augenblick, den leidenden Gefährten mit rührender und zärtlicher Aufmerksamkeit zu hegen und zu pflegen und nichts unversucht zu lassen, was dem Kranken irgendwie eine Linderung hätte verschaffen können. Als er am nächsten Morgen aus dem Tempel nach Hause kam, erkannte Melle aus den ersten Blick, daß er einen Sack voll Neuigkeiten mit sich bringe, die er auch unaufgefordert bald auszukramen begann. „Weißt du schon, Melle, daß der verflossene Choosen, Nachme Klinker, abgereist ist?" „Wie soll ich es denn wissen?" war Melles heisere Gegenfrage. „Oder meinst du vielleicht, daß er sich bei mir verabschiedet hat?" Enttäuscht über die ganz uninteressante Neuigkeit, da er, nach Uschers Siegermiene zu urteilen, mindestens von einem Verdienst von wenigstens einem halben Rubel zu hören erwartete, fügte er noch ärgerlich hinzu: „Und ist er wirklich abgereist, so wird er auch bald wiederkommen, wie das doch oft bei seinen Geschäftsreisen der Fall ist." „Weißt du das so ganz gewiß, du übergroßer Chochem?" fing das übliche Gezänke an. „Ich aber sage dir, er wird nicht wiederkommen! Was sollte er denn auch noch hier machen? Sein Haus und sein Geschäft hat er gestern schon an Leib Klappke verkauft, und ehe die Leute noch ausgeschlafen hatten, war Nachme Klinker schon auf und davon. Leib hat es mir selbst erzählt, und du kannst dir denken, daß der gute Leib Klappke sich dabei keinen Schaden getan hat; denn er hatte es bald bemerkt, daß Nachme unter allen Umständen Knall und Fall von hier fort wollte — und jetzt ist er weg, und kein Hahn kräht nach ihm, und man weiß auch nicht einmal, wohin er ist." Gegen diese bestimmten Tatsachen konnte Melle seinen Zweifel nicht mehr aufrechterhalten. Immerhin aber war das ganze Ereignis so rätselhaft und so geheimnisvoll, daß er sich nicht enthalten konnte, ungläubig den Kopf hin und her zu bewegen, soweit sein steifer Nacken und die unförmige Tücherwulst, die Uscher ihm um den Hals gewunden, dieses zuließen. „Was man nicht alles hört in der Welt!" murmelte er leise vor sich hin. „Vielleicht gibt Gott, daß Refoel doch noch das schöne Blümchen heiraten kann!" Uscher brauste wieder aus. „Meine größte Sorge soll Refoel sein!" grollte er, während er durch eine geringschätzige Miene andeuten wollte, daß es eben nicht seine größte und