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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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189 lieber diese Frau Philippine Cvheü, mit der Varnhagen in sehr intimem Verhältnisse stand, hat sich aus späterer Zeit ein Bericht seiner Gattin Rahel erhalten. Er zeugt von einer ganz ungewöhnlichen Duldsamkeit dieser Frau. Während sonst Frauen manchen Geschlechtsgenossinnen, denen der eigene Mann während seiner Junggesellenzeit nahe gestanden, nicht eben günstig gesinnt zu sein Pflegen, spricht sich Rahel in einer außerordentlich liebevollen vornehmen Weise über die Frau aus und sucht für sic auch die Teilnahme anderer zu erwecken. Sie schreibt nämlich in der ungedruckten Stelle eines Brieses an Frau v. Grotthus vom.2. April 1814 in Ergänzung zu der in „Rahel, ein Blich des Andenkens" (Band 11 S. 169) abgedruckten Notiz folgendes: „Kanst Du etwas geben, so gib es einer, die ich Dir Vorschlägen werde, wenn Du es nach meinen Worten ebenso rechtmäßig findest als ich. Es ist die Cohen geb. Bernhardt. Ihr Unglück geht ins Große, nur ihr Charakter und meine Verehrung für sie mag es übersteigen. Im herbsten an die größte Niedrigkeit streifenden Mangel weiß sie den vielen Kindern Unterricht zu verschaffen, Respekt und Ordnung einzuflößen, Reinlichkeit zu beobachten. Sie klagt und spricht nie, darbt aber auf solche Weife, daß sie täglich schwächer wird, und ändert sie nichts, nicht zwei Jahre mehr lebt. Die langen Anstrengungen der preußischen Untertanen und Hamburgs Untergang haben ihr die spärlichen Unterstützungen, mit denen sie sich durchquälen konnte, auch entwendet, also sie leidet reell durch den rasenden Krieg wie ein Verwundeter, wie ein Geplünderter. Ich füge Dir nichts mehr hinzu, als daß ihr ganzes Schicksal ein historisches, nicht abzuwendendes, alttestamentarisches, ja der F l u ch ist, dem die Kinder seiner Anhänger vergeblich aus allen Erdpunkten entfliehen." Endlich muß von den jüdischen Berliner Frauen, in deren Umgang sich der junge Varnhagen außerordentlich wohl fühlte, Frau Fanny Hertz erwähnt werden, die Gattin eines reichen Bankiers, der von Berlin nach Hamburg, später nach England übersiedelte und dann wieder nach Hamburg zurückkehrte. Auch das Verhältnis zwischen Fanny und Varnhagen gehörte zu den romantischen Freundschaften, in die Leidenschaft sich mischte. Freilich fehlen zur Aufklärung dieser eigenartigen Beziehungen die Dokumente, denn die zahlreichen Briefe, die zwischen ihnen gewechselt wurden, sind ivohl vernichtet. Aus den Briefen der Rosa Maria ergibt sich, daß Varnhagen lange von der reichen Frau unterstützt wurde und daß er in der Epoche bis 1810 ihr ungemein zärtlich anhing, daß aber ein Bruch erfolgte, sei es aus dem Grunde, daß Fanny nun gewissenhafter ihrer Pflichten eingedenk war, sei es, daß Varnhagen sich durch seine Verbindung mit Rahel anderen Frauen entzog. Fanny Hertz hatte recht traurige Schicksale. Sie starb 1829, nachdem sie zuletzt geisteskrank gewesen war. Durch den Bruder wurde Rosa Maria auch mit Frau Hertz bekannt, lebte lange Jahre mit ihr in innigem Verkehr, der sich, manche kleine Störungen abgerechnet, bis zum Tode von Frau Hertz erstreckte. Aber auch sonst unterhielt Rosa Alarm einen starken Verkehr mit Juden. Sie war vor ihrer Verheiratung, die erst im Jahre 1816 stattfand, nämlich in den Jahren 1805/11 Erzieherin in jüdischen Häusern zu Hamburg, bei den Familien Oppenheim pnd Dehn, und nahm, als sie 1811 ein eigenes Pensionsinstitut begründete, mit Vorliebe jüdische Schülerinnen auf, pflegte auch nach ihrer Verheiratung den Umgang mit jüdischen Familien, nicht bloß mit den Angehörigen dieser ehemaligen Pensionärinnen, sondern auch mit manchen anderen. Unter diesen Familien ist namentlich die des Dr. Steinheim zu erwähnen. Des viel-, ja allseitigen S. L. Steinheim, Arztes, Dichters und Philosophen, ist in diesen Blättern schon vielfach Erwähnung getan, zuletzt noch in dein Austatz „Zunz und Hamburg". Steinheini lvar der Arzt der Mutter Rosa Marias, die 1826 starb. Er war mit Assing sehr befreundet, mit dem er vielfach botanisierte. Die Kinder des Asftngschen Hauses, Ottilie und Ludmilla, nannten Steinheims Onkel und Tante und standen, nachdem sich beide aus Hamburg entfernt hatten, mit ihren Wahlverwandten in enger Korrespondenz. Ueber Steinheims, namentlich ihre musikalischen Abende, enthalten die Briefe, welche das Assingsche Ehepaar auch bei den zwei Reisen, die Rosa Maria mit ihren Töchtern nach Süddeutschland und Paris machte, wechselte, außerordentlich zahlreiche Notizen. Assing spricht von der Sorgfalt, die die Freunde ihm, dem Zurückgebliebenen, erwiesen, beklagt sich aber nicht selten über die allzuvielen musikalischen Genüsse, die er in dem befreundeten Hause zu erleiden hatte, da bei den Soireen die Sachen, die vvrgetragen wurden, ihm nicht behagten und die Kräfte unzureichend schienen. In einem anderen Briefe vom 27. August 1835 schreibt Assing: „Mit Steinheims Buch, seinem Begriffe der Offenbarung, kann ich mich durchaus nicht befreunden; er möchte, so scheint es mir, die ganze Welt verjuden, ist stolz aus das Judentum. Das Buch ist übrigens übel gearbeitet. Wie ein Hund läuft er denselben Weg wieder zurück, mehrmals hin und her. Vor dieser Verjudung bewahre Gott. Sein Buch wird bald vergessen sein." Gemeint ist Steinheims großes Buch über Offenbarung, mit dem auch Zunz nicht vollkommen einverstanden war. Ausgiebiger über Steinheim ist der Briefwechsel zwischen Rosa Maria und ihrem Bruder Varnhagen. Ich lasse die Stellen in chronologischer Reihe folgen und füge nur wenige Bemerkungen hinzu. Rosa Maria schreibt: „29. August 1823. Von unfern: Steiicheiin ist nun auch sein großes Gedicht „Sinai" erschienen. Es enthält viel Schönes, manches ganz Vorzügliche und freut mich ganz ungemein; denn da meine Erwartungen nicht sehr groß waren, sah ich seinem Erscheinen mit einiger Beklommenheit entgegen; um so erfreulicher und überraschender war der Eindruck und meine Freude nicht gering, cs laut und mit Wahrheit loben zu können. Die Rezensenten von Metier werden wohl genug daran zu tadeln finden, aber auch vieles müssen gelten lassen. Er hat mir ein Exemplar für Dich gegeben, das Tu bestens erhalten sollst, und läßt Dich bestens grüßen." Assing fügt hinzu: „Steinheims Gedicht, von dem ich, weil mir diese Gattung der Poesie nicht zusagt, nicht viel erwartete, hat mich freudig überrascht; zumal sind mir die menschliche»: Verhältnisse darin durch ihr reines idyllisches Wesen höchst anziehend, in der Wüste selbst bin ich erquickt. Erhebt er sich aber in den Himmel und läßt die Engel Gesang und Musik inachen, so verschmachte ich vor Unbehagen und Langeweile. Mir ist das Werk im ganzen sehr lieb, es ist ein treuer Abdruck und Erguß der reinen Seele meines lieben rein menschlichen Freundes. Eine kurze Anzeige davon hast' ich im „Haniburgischen Correspondenten" gemacht. Wenn Du meine Ansicht über seinen Wert teilst, so tu mir den Gefallen, lieber Freund, und zeige es in einem Blatte an." Varnhagen antwortet darauf: „21. Oktober 1823. Den besten Dank und freundlichsten Gruß an Herrn Tr. Steinheim für sein schönes Gedicht! Ja, gewiß verdient cs dieses Beiwort; die schönste menschliche Gesinnung liegt dem Ganzen zugrunde, und auch ohne die einzelnen Schönheiten, die in großer Anzahl hervorleuchten, würde man den Dichter um die glücklichen Stunden beneiden dürfen, die er einem

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