Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Ich bin überzeugt davon, das; eine gut organisierte Vltreaugemeinschnft großen Etiles als Etappe auf dem Wege za einer Eesamtorgauisatiou der WohltätigteiLsvereine zn betrachten sein und daß sich a n s der bloßen B u r e a n ge m e i n [ chaft bei geeigneter Handhabung I ch l r«e ßlich ein e I n t e r e > s e n g e nt einschast, ein wirkliches „W o h l s a h r t s a m t" entwickeln würde. Motizen über luden aus dem jgrieswechle! zwilchen Varnhsgen und lriner Schmetter sowie aus verwandten Luellen. Von Ludwig Geiger. I. er dem Christentum entstammende bekannte Schriftsteller Karl August Barnhagen von Ense und seine Schwester Rosa Maria, von denen der erstere seit 1819 dauernd in Berlin, die letztere seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis zn ihrem Tode 1839 in Hamburg lebte, waren durchaus in christlichem Kreise ausgewachsen. Beide aber bewegten sich viel in jüdischen Zirkeln, ja wählten ihre Lebensgefährten aus dem Judentum! Barnhagen heiratete die bekannte Rahel Levin, Rosa Maria den aus Königsberg stammenden jüdischen Arzt Assur, der sich ihr zuliebe Assing nannte und das Christentum annahm. Tie beiden Geschwister, die in sehr naher Verbindung stehen, sprechen in ihrem vollständig erhaltenen Briefwechsel, der von 1893 bis zum Tode der Maria Assing geht (Varnhagens Nachlatz in der Königlichen Bibliothek in Berlin), natürlich vielfach von den Mitgliedern der neuen Familie, in die sie eingetreten waren: Varnhagen von den Brüdern seiner Frau, Markus Theodor Robert, einein Kaufmann, und Ludwig Robert, dem bekannten Dichter. Rosa Maria ihrerseits redet von einem Bruder ihres Gatten, der in Hamburg lebte, und von einem anderen, Simon Assur in Berlin, dem sie besonders zugetan war, und der auch gelegentlich in Varnhagens Hause verkehrte. Zwischen den aus der gleichen Glaubensgemeinschaft stammenden Ehehälften I. D. Assing und Rahel bildete sich ein echtes Freundschaftsverhältnis, während Rosa Maria, die mit der Heirat ihres Bruders mit einer unschönen, 18 Jahre älteren Frau nie recht einverstanden war, ihrer Schwägerin ziemlich kühl gegenüberstand, sie auch nur zweimal im Leben, bei einem kurzen Allsenthalt Rahcls in Hamburg und bei einem längeren Besuch, den Rosa Maria in Begleitung ihrer Töchter Ottilie und der bekannteren Ludmilla in Berlin machte (1830), sah. Ter Briefwechsel der beiden Geschlvister, der selbstverständlich unendlich reich an persönlichen Mitteilungen ist, hat seine Hauptbedeutung in zahllosen literarischeil Notizen, die die allgemeine deutsche Literatur bctreffeu, gewährt aber auch für unsere Zwecke reiche Ausbeute. Denn Rvsa Maria und Varnhagen,standen schoil vor ihrer Verheiratung jüdischen Kreisen ziemlich nahe. Varnhagen seinerseits bewegte sich von 1803 an hauptsächlich in jüdischen Zirkeln, in den Familien Ephraim, Salomon (Saling), Eohen, Hertz. Ter Sohn der Erstgenannten, Heiinanu Ephraim, der sich später Hermann Eberty nannte, war sein Freund. Von ihm, der auch in seiner Frühzeit dichterische Anwandllingen bcsatz, haben sich inanche Briese an Varnhagen und ferner auch viele Aeutzerungeu über ihn in den Briefen Varnhagens an die Freunde erhalten, speziell an Ehamisso, dem Ephraim am Anfang des 19. Jahrhunderts sehr nahestand. Dennoch entsprach er den Evlvartungen nicht, die die jugendlichen Kameraden von ihm gehegt hatten. Er verbrachte sein Leben in zielloser Tätigkeit, verheiratete sich später, entzog sich aber in seinen reiferen Jahren dem Freundeskreis, dem er in jugendlicher Schwärmerei zugetan gewesen war. Aus der Familie Salomon, die später den Namen Saling ailnahm, entstammte Julie (seit dem Ende der 20er Jahre Gattin des Sprachforschers Heyse und Mutter des Dichters Paul. Heyfe) eine Freundin Varnhagens, wie sie schon frühzeitig eine besonders liebe Gefährtin der Rahel gewesen war. lieber die Briefe Julies an Rahel habe ich kürzlich in Diesen Blättern ausführlich gehandelt. Die ältere Schwester der Julie, Rebekka, die in späteren Jahren den Namen Regina Frohberg annahm, trat Varnhagen gleichfalls nahe, da sie mit Rahel eine Zeitlang innigst verbunden gewesen war. Während Julie eine höchst geistvolle und witzige Frau war, die ihre» Verstand und ihre Anmut nur in ihren Briefen leuchten lies;, hatte Regina, die unendlich weniger Geist besaß als ihre jüngere Schwester, literarische Ambitionen, und während Julie, die freilich ziemlich häßlich war, ihr Herz zum Schweige» verurteilte und einen einfachen braven Gatten wählte, machte Regina Frvhberg, verheiratet mit dem jüdischen Bankier Friedländer, bald, geschieden, den ganzen Liebestaumel der Romantik mit. Sie hatte diese Erlebnisse ziemlich durchsichtig in eine;» Roman „Marie oder die Folgen des ersten Fehltritts", Dresden 1810, in drei Bänden geschildert: ein Roman, über den ich ausführlich in der „Zeitschrift für Bücherfreunde" 1917 gehandell habe. Später ging sie nach Wien, schrieb eine unendliche Masse Romane, auch eine unbedeutende Sammlung von Sprüche», die ich jüngst an dieser Stelle zu charakterisieren versuchte. Varnhagen schätzte ihre schriftstellerischen Qualitäten sehr gering ein, beurteilte ihren ersten Roman, dessen Titel viel schlimmere Dinge erwarten läßt, als er wirklich darstellt, ungemein herb, teils aus wirklicher Prüderie, die er mehr in seinen literarischen Urteilen als in seinem Leben ivalten lies;, teils aus Zorn darüber, daß Regina auch seine geliebte Nahei in diesem Roman vorgebracht hatte. Zu diesen; Zorn war indes kein richtiger Grund vorhanden, da Rahel, die mii Regina Hunderte von Briefen wechselte, von denen bisher nur ein geringer Teil bekanntgeworden ist, in diesem Roman außer ordentlich warm geschildert war. Auf diese Briefe Nahels und Reginas denke ich in anderem Zusammenhang zurück zukommen. Tie dritte der Salomonschen Schwestern, die schöne Ata rianne, machte durch ihre Schönheit schon auf den Jüngling Varnhagen großen Eindruck und entzündete den reisen Man» derartig, daß er nach dem Tode der unendlich geliebten Gattin Rahel ganz ernstlich ihre Hand begehrte. Ueb.er diese Heiratspläne hat sich Varnhagen sehr ausführlich unter Abdruck alle; Dokumente in dem letzten Bande seiner „Denkwürdigkeiten dceigenen Lebens" ausgesprochen, auch ein Brief an Rosa Mari«; enthält darüber authentisches Material. Ter nicht gerade jugendliche Bräutigam (er war damals 51 Jahre alt) hatte seiner Schwester seine Verlobung und den Termin der ehelichen Verbindung angezeigt, mußte aber kurz vor dem be stimmten Zeitpunkt von der Auflösung des Verhältnisse berichten. Am intimsten aber stand Varnhagen nüt Fran Philippinc Eohen geb. Bernhardt (aus der Familie des Chefs von Moses Mendelssohn), Gattin eines aus Holland stammende» reichen Kaufmanns. Frau Cohen wurde am Anfang des 19. Jahrhunderts von allen jungen Dichtern eifrigst gefeier; sie war eine schöne Frau von üppigen Formen, bei der nur die etwas starke Rase an den jüdischen Ursprung erinnerte, ei» tapferes Weib, das nüt wahrhafter Kraft die schwierige Lage, in die die Entfernung und der Bankrott ihres Mannes sie versetzt hatten, ertrug und ihre Töchter in trefflicher Weise erzog. Sie und eine ihrer Töchjer empfingen von Varnhagen regelmäßige Beweise seiner niemals erloschenen Freundschan und Dankbarkeit.