Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 die es sich handelt, in Gebieten zusammengehäust, die, wie auch der Ausgang des Krieges sein möge, größtenteils dazu bestimmt sind, ihren Herrscher zu wechseln oder wenigstens Politische Selbständigkeit zu erlangen. Dies ist für Polen bereits eine Gewißheit, für Galizien ebenso wie für die Bukowina und vielleicht für Beßarabien eine hohe Wahrscheinlichkeit. Was endlich Rumänien betrifft, so hat dort die jüdische Frage einen internationalen Charakter angenommen seit der auf dem Berliner Kongreß 1878 ausgesprochenen Schaffung der Unabhängigkeit Rumäniens. Dort würde der künftige Friedenskongreß die einfache und unvermeidliche Aufgabe haben, endlich die Verwirklichung der durch Artikel 44 des Vertrags von 1878 festgesetzten Emanzipation der Juden durchzuführen. Dieser historische Vorgang vernichtet alle rein formellen Einwendungen, die einzelne Regierungen auf dem Kongreß gegen die Behandlung der jüdischen Frage erheben konnten." Eine sehr wichtige Nachricht verbreitet das Haager Jüdische Korrespondenzbureau: Am 15. März fand in Rom eine Versammlung der Vertreter aller jüdischen politischen Ausschüsse Italiens statt. Die Versammlung war durch die Jüdische Gemeinde von Nom einberufen worden, um die schwebenden jüdischen Fragen zu besprechen. Gegenstand der Verhandlung war in der Hauptsache eine Konferenz der Vertreter der jüdischen Organisationen der Ententeländer, woran wo- . möglich auch die Juden Rußlands und Amerikas teilnehmen sollen. Sie soll direkt nach den Osterfeiertagen durch die Alliance Jsraelite Universelle in Paris einberufen werden. Es wurden folgende Beschlüsse auf der Konferenz in Rom gefaßt: Tie Vertreter der italienischen Juden wünschen, daß sofort nach Rückkehr des Friedens die politische und soziale Gleichstellung der Juden aller Länder proklamiert wird. Palästina wird den Juden entsprechend ihren historischen Idealen zur Kolonisation und Massenein-Wanderung unter der Oberherrschaft der Macht angewiesen, die über Palästina zu verfügen hat. Die Versammlung gibt dem Jüdisch-italienischen Gemeindebund zur Erwägung, die praktische Arbeit auf dem Gebiet der jüdischen Fragen fortzusetzen und die italienische Regierung auszusordern, in dieser Hinsicht die Initiative zu ergreifen. — Weiter teilt das Jüdische Korrespondenzburean mit, die Intervention der Vereinigten Staaten an der Seite der Alliierten bringe das so wichtige amerikanische Judentum in eine ganz neue Lage und verändere auch Zeit und Umstünde der Abhaltung des großen jüdischen Kongresses, der nach einer langen Vorbereitung für den Monat April in Washington angesetzt war. Bekanntlich sind die führenden Personen Brandeis, Morgenthau, Strauß und Morris Hilquitt. Das Kongreßbureau teilt nun telegraphisch aus New Jork mit, daß der jüdische Kongreß am 2. September abgehalten wird, daß die Vorbereitungen hierfür bereits wert gediehen sind und das Wahlsystem vollständig ausgearbeitet ist. Die Wahlen, an denen sich jeder Jude und jede Jüdin Amerikas beteiligen können, sollen am 10. Juni stattsinden. Dazu ist aus anderen Zeitungen folgendes nachzutragen: Ein Kongreß russischer Juden. Haag, 11. April. Das hiesige Jüdische Korrefpondenzbureau meldet, daß das jüdische Zentralkomitee einen Kongreß der russischen Inden nach Petersburg einberufen hat. Ferner meldet ein gelegentlicher Korrespondent aus Kopenhagen: Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß vor einigen Tagen eine jüdische Abordnung bei dem neuen russischen Ministerpräsidenten Fürst Lemberg (russisch Lwow) vorsprach, um die Frage der für die Zeit nach dem Kriege befürchteten Einwanderung ö st e r r e i ch i s ch e r und deutscher Juden zu besprechen. Von verschiedenen Seiten ist bereits eine scharfe Grenzsperre in Vorschlag gebracht worden, während anderseits in Moskau und Petersburg Protestresolutionen gegen diesen Vorschlag angenommen wurden. Die Zionisten sind offenbar entschlossen, sich auf die Seite der neuen russischen Regierung zu stellen, wie wir durch folgende Nachricht der „Frankfurter Zeitung" belehrt werden: _ T i e Haltung der Juden. I>. Stockholm, 8. April. (Prio. Tel.) In Petersburg, Jekatennoslau und Odessa fanden zürn erstenmal öffentliche, von Tausenden besuchte zionistische Versammlungen statt. Diest beschlossen, die Interimsregierung mit allen Mitteln zu unterstützen. Der Jentralhilssausschuß berief einen Kon groß aller jüdischen Bürger Rußlands nach Petersburg ein. Laut Petersburger Telegrcvphenagentur verlang ten die Redner auf der in Odessa ab gehaltenen Versammlung, daß die Be dingung eines Ansiedlnngsgebietes fih die Juden in Palästina auf das Pro gramm des künftigen Friedenskon grosses gesetzt werde. Diese frohe Stimmung der Zionisten ist daraus zu erklären, daß am 3. April die provisorische Regierung einen Ukas über die vollständige Gleichstellung der Juden unterzeichnet hat. Infolge dessen sind von den Juden an den Ministerpräsidenten Lwow Depu tationen geschickt worden, die dir Aufgabe hatten, den Dank der Juden auszusprechen, und die von dem Minister sehr erfreulich. Erklärungen erhielten. Freilich scheint es, als wenn | die Gefahr für die Juden in! Rußland keineswegs verschwunden sei. Darauf deutet ein! Artikel des „Berliner Tageblatts" hin, in dem es heißt: In Balty, dem bekannten Ghetto, herrscht panikartige Stim; inung, weil das „Schwarze Hundert" Pogrome vorbereitet. Militär wurde abgesandt, um die Pogrome zu verhüten. Ein Leitartikel der „Birschewyja" befürwortet eine ernstliche Gegenrevolution und nm die Intelligenz an, das Volk aufzuklären, damit den Aufwiegelung^ versuchen der gegenrevolutionären Agenten entgegengearbeitet würde. Sonst könnten sich Judenpogrome wie im Jahre 1905 ereignen. Ferner ist folgende Nachricht einer anderen Zeitung von ' großer Bedeutung: Stockholm, 10. April. Wie mir von beteiligter Seite mitgeteilt wird, findet in Peters bürg mit kommenden Sonntag eine Delegiertenversammlung der „In bischen Bünde für Rußland, Polen und Litauen" statt. Die jüdisch sozialdemokratischen sogenannten Bunbisten haben bekanntlich schon in der russischen Revolution von 1905 eine maßgebende Rolle gespielt. Die bevorstehende Konferenz wird sich mit folgenden drei Fragen be fassen: Verhalten zur Kriegsfrage, Verhalten des Bundes zum Ar beiter- und Soldatenverband und drittens zur nationalen Autonomie. Leldrabbmer Dr. Albert Schweiger