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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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185 bem fällt zuerst die ungehemmte Regsamkeit auf, der unverbrauchte Tätigkeitsdrang, der immer und für alles bereit zu stehen scheint. Man hat ihm gegenüber oft den Eindruck, als sei die Beschaffenheit der Tätigkeit ihr Was und ihr Wie, etwas Gleichgültigeres für ihn, als suche er die Tätigkeit auch um der Tätigkeit willen, um -bewegt und erregt zu sein. So erscheint sie oft wie ein bloßes Hin und Her, wie etwas Zweckloses und Zielloses. Auch in Friedenszeiten bietet das noch nicht entwickelte Wirtschaftsleben für diesen Willen, der immer auf dem Sprunge steht, keine genügende Erstreckung, und er kommt darum, oft nur zu einer Vielgeschästig-- teit, bisweilen zum unsteten Müßiggang; wenigstens hat die bodenständige Kleinstadtliteratur ihn häufig so gezeichnet. Im Kriege. ist ihm das Gebiet der Arbeit noch mehr eingeengt oder ganz verschlossen, und so wirkt alles Tun oft wie ins Leere hinausureifend, wie eine Bewegung ohne Bedeutung. Die Regsamkeit dleibt immer, selbst wo es nichts zu schassen gibt; auch darin spricht sich diese Naivität aus. Es wäre billig, darüber zu lächeln oder \u spotten. Es ist doch ein starker naiver Lebensdrang und Lebensmut, ein unverwüstlicher Glaube an den kommenden Tag, der sich Per offenbart. Ihm brauchte nur sein fruchtbarer Acker bereitet;u sein. Das ist die große Hoffnung, die große Aufgabe der Zukunft, dieser Bewegtheit ihre Bahn zu bereiten, ihr das Feld der Arbeit Ul geben und sie so zur Schaffenskraft werden zu lassen und zugleich jene Naivität, jene unbekümmerte Frische zu erhalten. Es liegt in ihr — in der einen wie in der anderen; sie sind im Grunde eines —r so viel Unverbrauchtes, so vieles, was werden will und seiner Tage wartet. So manche Hilfsbereitschaft will ihr entgegen kommen. Aber alle Güte und alle Fürsorge fängt damit an, daß man den Willen hat, kennenzulernen und zu begreifen, die Gerechtigkeit gegen die Seele zu üben. Auch hier ist die Gerechtigleit der Beginn von allem, was bestehen soll. Es ist zu wünschen, daß solche Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen. * Mit dem Schicksal der Juden im Osten beschäftigten sich lnanche Meldungen deutscher Zeitungen. Gegen die Ausführungen des Herrn Dr. N a t h a n, die wir in der vorigen Uebersicht Wiedergaben, richtet sich ein Artikel von Max Cohen im „Berliner Tageblatt": „Deutschland, Polen und die Juden." Uns kommt es weniger darauf an, die Polemik gegen Nathan hier wiederzugeben, als das Positive der Ausführungen hervorzuheben, das Herr Cohen zu sagen hat. Zur Charakteristik seines Standpunktes mögen die folgenden Stellen dienen: Geradezu gefährlich aber würde es sein, wenn gewisse Zugeständnisse autonolner Art an Voraussetzungen geknüpft würden, die rein religiöser, orthodox-ritueller Natur sind. Das würde die bestehende Absonderung zu einer dauernden machen und ohne Rücksicht auf die politisch-wirtschaftliche Entwicklung eine Verewigung des Ghettos bedeuten. Die sich ihrer besonderen Nationalität bewußten Juden Polens sind in ihrer überwiegenden Mehrheit in religiösen Dingen tolerant, das religiöse Bekenntnis und seine Intensität ist für sie Privatsache. Eine Verquickung autonomer und ritueller Fragen würde den inneren Kampf vervielfachen. Die den polnischen Juden anstehenden Rechte müssen unabhängig von irgendwelcher Form des religiösen Bekenntnisses gewährt werden. Eine Assimilierung der Juden nach westeuropäischem Neuster (die wir, nebenbei bemerkt, für Westeuropa auch wünschenswert erscheint) kommt in Polen vorderhand gewiß nicht in Betracht. Darüber sind sich alle wirklichen Kenner des Landes einig. Es bleibt daher gar ltichts anderes übrig, als sowohl den Juden wie auch den anderen in Polen wohnenden - nationalen Minderheiten eine wahre und echte Autonomie zuzugestehen. Eher wird man in Polen eine ruhige Enttvicklung kaum erwarten dürfen, und für die cmd) in der polnischen I Bevölkerung nicht gerade seltene national-chauvinistische Stimmung würde eine solche nationale Autonomie der Minderheiten von be- 'anftigend-regulierender Wirkung sein. Nachdem Cohen dann aus neue Schriften von G o t h e i n und Book hingewiesen hat, von denen wir unseren Lesern Rechenschaft geben werden, sobald sie uns zugekommen sind, schließt er seine Ausführungen mit folgenden Worten: Die jüdische Bevölkerung ist für die Entwicklung des polnischen Wirtschaftslebens unentbehrlich, und sie hat vor diesem Kriege eine ebenso bedeutsame Rolle in der Abwicklung des russisch-deutschen Wirtschaftsverkehrs gespielt, wie sie das im wiederhergestellten Frieden aufs neue tun wird. Auch von diesem Gesichtspunkte aus wäre es falsch, ihre berechtigten Wünsche nicht zu erfüllen. Niemand, der sich die Mühe gegeben hat, die polnischen Dinge kennenzulernen, kann bezweifeln, daß die Juden die Anerkennung und den Schutz ihrer nationalen Rechte mit aller Inbrunst einer sich ihres Volkstums bewußten Nation verlangen. Und das jüdische Volk in Polen hat ein Recht darauf, daß auch ihm der Weltkrieg die langersehnte Freiheit und den Eintritt in die am Fortschritt der Menschheit schassende Reihe der Nationen bringt. Das würde nicht nur zum Besten der Juden selbst dienen, sondern auch dem polnischen Staate zum Heile gereichen und im wohlverstandenen Interesse des Deutschen Reiches liegen. Ich gebe diese Darlegungen ohne weiteren Kommentar. Es wird sich Gelegenheit finden, später darauf zurückzukommen. Hier nur so viel, daß es mir scheint, als wenn das Nationalelement von dem Verfasser zu stark betont würde. & Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben: Englische Hetze gegen die russischen Juden. H a a g, 13. April. Der Petersburger Vertreter der „Times", der den Kriegsminister Gutschkow nach Riga begleitete, macht in einer Depesche von dort einen rMxkwürdigen Angriff aus die russischen Inden. Er sagt: „Die Nachrichten aus Dorpat sind weniger befriedigend. Die jüdischen Studenten ander Universität errichteten ihre eigene Miliz und verwarfen die Autorität der lokalen Miliz und der provisorischen Regierung. Unter den: Einfluß der Anarchie, die dadurch entstand, kam es zu Blutvergießen und Plünderung. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß die Juden sich nicht gut aufsühren. Sie sind freie Bürger Rußlands geworden, verraten aber kein Gefühl der Verantwortlichkeit, das ihrer neuen Stellung angemessen wäre. Aehnliche Klagen gehen mir auch aus Petersburg zu. Heißblütige und hysterische junge Juden spielen leider die schlimmsten Demagogen und den äußeren Feinden Rußlands in die Hände." Sollen drohende Pogroms im voraus für die englische Öffentlichkeit gerechtfertigt werdend Die Schilderung der Verhältnisse in Dorpat ist eine handgreifliche Lüge, da die dortige Universität nur 40 jüdische Studenten ausweist. * Ein sehr wichtiges französisches Aktenstück wird uns aus der Schweiz mitgeteilt. Es lautet in deutscher Uebersetzung: „Die Liga zur Verteidigung der unterdrückten Juden in Paris hat dem Nationalrat der sozialistischen französischen Partei eine Denkschrift über die jüdische Frage überreicht, in der es heißt: „Wir sprechen Ihnen den Wunsch aus, daß der künftige Friedenskongreß die bürgerliche und politische Gleichheit der Juden in allen Ländern ausspricht, in denen sie bisher noch nicht anerkannt ist, ebenso wie dort, wo die Juden bedeutende Minderheiten bilden, direkt aus eine freie Entwicklung ihrer nationalen Kultur. Zur Unterstützung dieser Bitte unterbreiten wir Ihnen die nachstehende Betrachtung: 1. Im Prinzip müßte der Kongreß, der zur Herstellung eines auf Recht und Gerechtigkeit begründeten Friedens-und im besonderen aus das Recht und die freie Entwicklung der kleinen Nationalitäten berufen ist, ein Ende bereiten der dauernden Verletzung des Rechtes, deren Opfer die Juden in Osteuropa sind. 2. Faktisch ist der gesetzliche Zustand der dortigen jüdischen Bevölkerung infolge des Weltkrieges eine internationale Frage geworden, durchaus mit demselben Anspruch wie der politische Zustand Polens. Tatsächlich sind die jüdischen Massen, um

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