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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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184 verbreitet ist die Vorstellung, daß Jesus uns auf Grund seines eigenartigen religiösen Bewußtseins Gott als den liebenden Vater erkennen gelehrt hat im Gegensatz zu dem zorneifrigen Gott, den die Religion Israels verehrte. Aber diese Ansicht beruht auf einer durchaus einseitigen Auffassung des Alten Testaments, welches die Grundlage für die Religion Israels bildete. Dieses hat die Liebe und Gnade seines Gottes in so weihevollen Tönen gepriesen, daß wir (evangelische Christen) noch heute für sie in unseren Liturgien und Liedern keinen reicheren Ausdruck zu finden wissen als die Worte der Psalmen und Propheten. Andere halten für den Mittelpunkt der Lehre Jesu eine neue sittliche Forderung. Aber Jesus hat seine Grundfovderung der Gottes- und Nächstenliebe in alttestamentliche Worte gekleidet; und wenn man als das spezifisch Neue in der von ihm geforderten Sittlichkeit die Feindesliebe nennt, so vergißt man, in wie rührenden Beispielen das Alte Testament diese vorgeführt, und in wie goldenen Sprüchen es sie eingeschärft hat. Nach der unbestreitbar echten Ueberlieferung ist Jesus nicht mit einer neuen Religionslehre oder mit einer neuen sittlichen Forderung ausgetreten, ufw." & Unser bayerischer L. ^.-Mitarbeiter schreibt uns: In München starb mit 12. April, vom Schlag gerührt, der dortige Kardinal-Erzbischof Dr. v. Bettinger int 67. Jahre: eine bedeutende Persönlichkeit in Kirche und öffentlichem Leben, ein höchst gewandter und einflußreicher Diplomat, früher, als Domkapitular in Speycr, sogar der Mittelpunkt rücksichtsloser parteipolitischer Agitation im Sinne der Zentrnmsrichtung, ein streitbarer Kirchensi'trst des streng römisch-katholischen Dc-gmas gegenüber allen anderen Bekenntnissen und der leisesten modernistischen Regung im eigenen Lager. Unleugbare Tatsache bleibt es auch, daß seit seiner Erhebung an die Spitze des bayerischen Katholizismus 1909 in dem katholischen Klerus des Landes wie in der dortigen ultrautontauen Partei der offene tute der versteckte Antiseiniti s m it s entschieden im Wachsen begriffen ist. * Wir freuen uns, unseren Lesern wiederum einen Bericht mitterlen zu können, den Herr Feldvabbiner Dr. B a e ck erstattet hat und den das „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlicht. Er ist ebenso wie alle seine Vorgänger voll von Anregungen und gewährt tiefe Einblicke in das jüdische Seelenleben. Er lautet folgendermaßen: Von Mitte Februar bis Mitte Mürz habe ich, itoben tleinerett Andachten, an elf Orten Gottesdienste abgehalten. Daneben haben mich meine Wege auch mehrmals nach jüdisck^n Gemeinden int rückwärts gelegenen Gebiete geführt. Es ist gelotst von Interesse, auf sie wieder einmal die Aufmerksamkeit hinzulenken. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß der Krieg hier in die jüdische Gemeinde vielerlei Schäden gebracht hat. Sie hat sie zahlreicher und schwerer erfahren als die anderen Schichten der Bevölkerung, zumal die bäuerliche, für die das Leben wohl begrenzter geworden ist, aber seinen gewohnten Gang im ganzen behalten konnte. Das litauische Torf erscheint, nach dein Urteil der Kenner des Landes, in dieser Kriegszeit nicht wesentlich anders als in den Friedensjahren. Dagegen ist es unter den Mängeln und Nachteilen, die die jüdische Gemeinde erlitten hat, nicht der geringste, daß der Eindruck, den man jetzt unter diesen außergewöhnlichen Verhältnissen von ihr gewinnt, leicht zu einem falschen Schluß führen kann. Sie hat nicht nur von ihrem Raum, sondern auch von der Gestalt ihres Daseins vieles durch den Krieg verloren. Schon durch eins tritt sie verändert vor den Blick. Fast überall sind die, welche ihre Führenden waren, die, welche durch jüdisches Wissen oder allgemeine Bildung, durch soziale Bedeutung oder wirtschaftliche Leistung voranstanden, fortgeführt worden oder auch geflohen. Biele Gemeinden sind ohne ihre Rabbiner und Lehrer, ohne ihre alten Vorsteher und Verwalter. Sie sind also ohne ihre eigentlich repräsentative Klasse. Ob diese immer und überall auch der beste, der wertvollste Bestandteil gewesen ist, braucht hierbei gar nicht geprüft zu werden. Sie fehlt jedettfalls, und das Bild, das die Gemeinde bietet, ist so zum mindesten ein unvollständiges. Sie muß geringer und unvornehmer, auch ungeordneter erscheinen, als sie in ihrer alten Wirklichkeit ist. Sie ist jetzt ge wissermaßen deklassiert. Dazu kommt, daß selbst die, welche zurückgeblieben sind, durch die Bürde dieser Tage materiell und sozial nach und nach herab gedrückt wurden. Handel und Wandel mußten stillstehen, mancher Weg mußte versperrt bleiben, und das Land, in dem man lebte, wurde so kleiner. Auch in den Häusern wurde es enger, die mili tärischen Bedürfnisse erforderten ihren Platz. Verirrte und Ge flüchtete aus dem Kampfgebiet verlangten ihre Unterkunft: das Heim, das man besaß, mußte zur Herberge werden. Auch die ge wohnten Verbindungen des geistigen Strebens, die Beziehungen des Bildungsverkehrs find unterbrochen. Alles ist beschränkter ge worden, es hat seinen Raum, seine Weite verloren, es hat nur noch seine kleine Kammer. So kann zu allem Leid, das der Kriea über die jüdische Gemeinde hier verhängt hat, auch das treten, das; sie ein ungerechtes Urteil erfährt, daß sie für niedriger, kümmet licher gehalten wird, als sie in der Wahrheit ihres Wesens ist. Eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Umgebung ist dazu dem Juden hier im Osten seit altem eigentümlich. So sehr Herkommen, Sitte und Brauch das Leben bestimmen und regeln, so ist es doch anderseits wieder völlig unbekümmert ttnd frei. Die kon ventionellen Vorschriften ttnd Sorgen, die im Westen dem äußerlichen Zusammenleben ein Gepräge geben, gelten hier wenig. Alles behält seinen häuslichen Charakter. Man hat die Empfindung, aU begleite einen jeden sein Heim, in welchem er wohnt, die Welt, in welcher er zu Hause ist, auch aus seine Wege hinaus, als sei er dort unter den anderen und doch nicht tntter anderen, sondern da heim bei sich: als umgebe ihn überall, wo er ist: ein unsichtbarem Etwas, so daß er sich auch draußen innerhalb der eigenen Wände meint. Die Grenze zwischen Haus und Straße hat sich verwischt. Diesem unbekümmerte Umhergehen hat sich in der Indengasse entwickelt, die ja nur eine große Familie zusmnmenschließt. Aber der Krieq hat dennoch die besondere Art gebracht: denn er erzeugt in denen, die unter ihm int Alltäglichen leiden, leicht einen gewissen Fatalismus gegenüber allem Aeußeren und Aeußerlichen, diese Empfin düng, daß das alles zwecklos wäre. Sie kann zum Fatalismus in der Wohnung und der Kleidung werden. Auch dadurch erscheint dem Fremden das Leben der jüdischen Gemeinde nicht so, wie em in Wirklichkeit ist, und das oberflächliche Urteil muß daher unge recht werden. Die unbesorgte Gleichgültigkeit, die das Draußen nicht empfindet hat ihre tiefe Wurzel: sie kommt aus der unberührten Naivität hei vor. Diese völlige Naivität, die durch nichts beirrt wird, ist vielleichl das Bezeichnendste an diesen jüdischen Männern der kleinen Stadt Sie sind wie der Wald ihres Landes, in dem alles frei und wni emporwächst, int Unbekümmerten der Natur. So sind dien Menschen auch, so gehen sie ihren Weg. Bei all der Nührigkei ttnd Beweglichkeit ihres Denkens, die keine Stumpfheit aufkommet läßt, ist ihnen alles ein Selbstverständliches, alles wird als selbst verständlich getan, alles als selbstverständlich hingenommen, selbst wenn es ein Mißgeschick, ein Fehlschlag oder eine Not ist. Daruu gibt sich auch alles mit völliger Offenheit. Wie die Häuser immei offen stehen, so daß jeder eintreten kann und, ohne zu fragen, ein tritt, so stehen auch die Gemüter offen. Nichts versteckt sich, selbs die Hintergedanken liegen eigentlich offen zutage. So manche ver schlungenen Wege, und auch krumme und dunkle, gegangen werden man geht sie gewissermaßen ini Freien und nicht im Verborgenen Selbst das Unrecht behält meist seine Naivität, und man fühlt fiel ihr gegenüber entwaffnet. Sie bleibt immer der Untergrund. Wob sind diese Menschen in ihrer Art und ihrem Blick älter als di Menschen ringsumher, Geschichte und Schicksal sprechen aus ihnen wohl lebt die Neigung zum Sinnen und Grübeln ttnd Deuteln u den einen, die zur Berechnung und Schlauheit in den anderen Aber auch das alles bleibt immer in der Naivität, und eben daruu erscheinen diese Seelen dem, der ihnen fernsteht, entweder so un verständlich oder so kompliziert, als sei diese Seele ein Jargon Nur, wen die Sympathie ihr naheführt, wird sie begreifen. Eines erschwert vielleicht das Verständnis; es ist die eigentüin liehe Beweglichkeit, in der diese Naivität sich kundgibt. Sie lebt i> einer stetigen, wachen Aktivität, die an ihren Werktagen nie zn Ruhe gelangen will. Wer in den Umkreis der Gemeinde eintriil

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