Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Feldgrauen. Das Elend, das man im Spital sieht. Eine 98 jährige ist dort, die wieder ganz zum Kind geworden ist und hell jauchzt, wenn man ihr Bonbons bringt; und andere, die nie mehr lachen können. Und diese armen, jammervollen Menschenreste werden künstlich erhalten, zur eigenen Qual, zu keines Menschen Freude, menschenunwürdig in ihrer Hilflosigkeit, — aber draußen zerschießt man das junge, blühende Leben, die Blüte des Landes, an die sich tausend Hoffnungen und Freuden knüpfen. „Und der Krieg ist das Erhabenste?" Günther, Günther, wo bist du nur, du und deinesgleichen! * Tante Phines Wohnung sieht urgemütlich aus. Ich beobachte die Handwerker gut, wenn auch nicht so gut und andauernd, wie Tante für richtig hAt. Den Umzug nehme ich ihr ab, sie soll alles freundlich und behaglich finden, wenn sie kommt. Cilli tippt sich an die Stirn. „Höherer Meschuggas!" sagt sie. Nein, Cilli, glatter Egoismus. Ich will mir mein zweites Mutterhaus hübsch einrichten. Ich denke immer, wenn Tante erst da ist in ihrer lieben, traulichen Sicherheit und Bestimmtheit, da werde ich viel ruhiger werden und einen lieben Hali haben. Verkehr habe ich ja genug. Schon Günther allein sorgt, daß ich nicht vereinsame. Zwei Freunde von ihm waren auf Urlaub hier, — er hat sie mir gleich gebracht. Ein ganz anderer Schlag als er, — ich wunderte mich, daß es seine Freunde waren, Leute, die in ruhiger Selbstverständlichkeit ihre Pflicht tun, aber auch ein Gespräch über die Kriegslage ohne Gereiztheit und Verstiegenheit führen können. „Nee, ich wäre nicht döse, wenn der Frieden jetzt ausbräche," sagte der Jüngere, Dr. Schulz, und dabei lachte er über sein ganzes frisches Gesicht. „Was, Alter, du hättest eventuell auch die Nese Plein?" Und der Aeltere, der sich nicht gleich so ungeniert gab. sagte mit einem etwas erschreckten Blick auf mich: „Man kann es ja auch anders ausdrücken, aber, ja, Frieden möchten wir schon alle." Der Jüngere hatte vergnügt aufgelacht bei dem Verweis. Sein unbekümmertes, häufiges Lachen hat mir imponiert. Wer ein Jahr mit im Feld gewesen ist und nach allem, was er gesehen hat, noch so lachen kann, der muß mit einem gottgesegneten Temperament begnadet sein. Ich beklagte mich bei dem Fremden ein wenig über Günther, daß er doch so gar nicht über den Kummer himvegkommen könne, nicht selddienstfähig zu sein. Ich dachte, wenn ihm die beiden Feld-; grauen, mit dem Eisernen Kreuz Geschmückten sagen würden,! daß er mit seiner reichen Arbeit hier dem Vaterland ebenso nützen könne, das müsse ihn endlich, endlich beruhigen. Da sagte der Jüngere, der mit dem frohen Herzen: „Da denke ich nun wie Günther. Ich glaube, wenn ich nicht 'raus gekonnt hätte, ich hätte mir etwas angetan." (Fortsetzung folgt.) Mchrrrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Nordland - Bücher. Herausgegeben von Heinrich Goebel. Berlin, Morawe u. Scheffelt Verlag. 1. Konstantinopel. Aus dem Tagebuch einer jungen Türkin. Von Elsa Lindberg-Dovlette (Berlin). 2. Gedichte von Jens Peter Jacobsen. 3. Sidbjörn Obstfelder. Tagebuch eines Pfarrers. 4. Lichte Rache. Roman von Jacob B. Bull. Polen und Juden. Zeitgemäße Betrachtungen von Dr. Max Rosenfeld. 1917. R. Löwit Verlag, Berlin und Wien, Kaiserworte. Ausgewählt von Dr. Friedrich Everling. Verlegt bei Trowitzsch u. Sohn (Berlin). 1917. Das Warenumsatz-Stempelgesetz nebst amtlichen Auslegungen und gemeinverständlichen Erläuterungen von P. Ch. Martens, Handelslehrer in Hamburg. L. Schwarz u. Co., Berlin 8, Dresdener Straße 80, Gesetzverlag. Wilnaer Sammelbuch, umter der Redaktion von M. Schabad. 1. Band: Wilna Kinder-Heiman, 1916. (Irr hebräischem Druck, zum Teilen jiddischer Sprache.) Alle Israeliten sind Bürgen, einer für den andern. Von Dr. Armin Abeles, Wien. Lehr- und Lesebuch der israelitischen Religion. Ein Buch für die Schule und das Haus von F. Steinem. Verlegt bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1914. Wenn die Schakale feiern. Skizzen aus der Russenzeit in Galizien. Weimar 1917. „Weckruf"-Verlag. Preis 1,20 Mark. Nationalfonds-Vibliothek. Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina von Jmgr. Agr. Jakob Oettinger. Herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalsonds, den Haag, Heulstraat 5. In Kommission beim Jüdischen Verlag, Berlin. . Die Juden und die Gebildeten unserer Tage. Von Dr. Julius Simon, Berlin. Preis 15 Pfennig. 1916. Druck und Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S. Die bunte Reihe. Roman von Fritz Mauthner. Kronenverlag G. m. b. H., Berlin SW 68. N. O. Halbmonatsausgabe des „Korrespondenzblattes der Nachrichtenstelle für den Orient", III. Jahrgang, Nummer 9. Ausgegeben am 5. Februar 1917. Lehrbuch der hebräischen Sprache für Schul- und Selbstunterricht. Mit SchlüM und Wörterverzeichnis von Moses Rath. Praktische Methode zur Erlernung der hebräischen Sprache in Wort und Schrift. Einführung in die Literatur. Zweite, vielfach verbesserte und vermehrte Auslage. Wen 1917. Selbstvertag des Verfassers. Aus sterbenden! Zeiten.. Novellen von Doris Mittner. Grellstem u. Co. G. m. b. H., Leipzig. Sprechssal. Von -Herrn Rabbiner Tr. Plato in Hamburg erhalten wir mit Bezug auf den Artikel von „Iwri" in voriger Nummer ein sehr ausführliches Schreiben, aus dem wir einige Stellen hier folgen lassen: „Die Frage der Hülsenfrüchte ufw. ist nun für den, der quellenkundig und sinnig nachspürt, mit den tiefsten Problemen der Naturwissenschaft und vielleicht der ältesten Naturphilosophie, mit der Frage der Entwicklung der Arten im Pflanzen- und Tierreich und in der Menschheit eng verbunden; ja sie bildet in ihrer Wurzel katexochen. . . . Die Voraussetzung des Jaawetz bildet der Gedanke, das; der Gebrauch schädlich sei ilnd daß er das rituelle Backen der Mazzoth verhindere. Es würden zu große Quantitäten gebacken, ohne Sorgfalt, und da könne leicht „chomez werden"!—Wenn man Hülsensrüchte usw. gestatte, gebrauche man geringere Quantitäten! — Ich glaube annehmen zu dürfen, daß die Zeiten sich geändert haben. Berechtigt, zweifelsohne, war das Bedenken nach den Erfahrungen des Vaters des Jaawetz. Damals aber wurden die Mazzoth, wie das H a u s b r o t, im kleinen Handelsbetriebe und in Privathäusern, selbst am Pessach, gebacken. Heute dagegen irr großen Fabriken usw. Da fällt küe Besorgnis des Jaawetz fort. Manches heilt die Zeit. Indes, ich will, nicht verhehlen, daß Geonim gedaulim, Exzellenzen im Reiche des Rabbinismus, wie die Verfasser der Werke Diwre Malkiel, Sedei Chemed, Cheischek Schlaumoh usw. usw., die strenge für die Erhaltung des Minhag eintreten, ebenso energisch für einen Heiter, für die Erlaubnis, in Teuerungszeiten die Hülsenfrüchte usw. am Pessach zu genießen, kämpfen, mit allen Waffen der rabbinischen Wissenschaft. Sozialpolitisch besonders interessant! Wie human der Talmud mit seinen gestatteten Analogien denkt! In Verlegenheit waren bei den damaligen diversen Teuerungszeiten nur die Armen und wenig Bemittelten; denen mußte am Pessach geholfen werden; selbst Kartoffeln waren knapp. Selbstredend wurden Hülsenfrüchte erlaubt. Nun erklären aber einige der Geonim, die „Reichen" sollen den „Hetter" (Erlaubnis) auch erteilt erhalten. Sie selbst haben Lebensmittel genug, sie können jeden Preis bezahlen, und Lebensmittel sind vorhanden, nur teuer! Wozu also d e n Neichen die Hülsenfrüchte erlauben? Gegen den