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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-13 · Heft 15 (13.4.1917) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 15 (13.4.1917)
Date
1917-04-13
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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erwartet, das kein Mensch ahnen konnte. Die große Arbeit -- umsonst; der schöne Purinr — verdorben; die herrliche Moral — verpfuscht; von einer Geldsammlung — keine Spur! Alles dahin, das ganze Unternehmen in Grund und Boden verdorben. Jetzt noch wo anders hinzugehen, war ja viel zu spät; wer hätte jetzt auch noch Geduld und Lust, ihnen zuzuhüren! Und so schlichen sie bedrückt, schweigend und traurig in ihre finstere, kalte Kammer, wo ihnen auch noch der knurrende Magen die ganze Trostlosigkeit ihrer Lage in empfindlicher Weise zum Bewußtsein brachte. (Fortsetzung folgt.) Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (7. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) *^4 ch tue ja nichts Böses, was die Tante nicht wissen dürfte, 1 und dann: Sie ist doch Vaters Schwester, Günther." Und er schüttelte nur wieder, wie nicht verstehend, den Kopf. Ich weiß, was das heißt: „Wie sie zusammenhängen! Wie die Kletten!" Das Lob — oder ist es ein Vorwurf? — verdient gerade unser Haus eigentlich gar nicht. Bis jetzt wußte ich doch so ivenig von den Verwandten. Gestern abend sprach ich Cilli. „Wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen." Das ivar es, was Cilli hei meiner Mitteilung von Tante Phines Herzug sagte. „Siehst du, Menschenkind, ich sag es ja immer, du Verdienst gar nicht, wie gut du's hast. Lebt hier wie Gott in Frankreich, ohne allen Anhang, selbstherrlich und in Freuden. Da bestellt sie sich eine Tante aus Roschmin her." „Ich freue mich, daß die Verwandten herziehen," sagte ich, „aber herbestellt habe ich sie nicht." „Na, da grault man sie doch aber raus," ineinte Cilli tiefernst, „noch ehe sie da sind. Na, du wirst ja sehen," und sie machte ein traurig wissendes Gesicht. „„Liebe Verwandtschaft ist das Ekelhafteste, was einem Menschen zustotzen kann." Was ivillst tut also, Günther? — Man soll doch nicht von der Art einzelner gleich auf die ganze Rasse schließen. Es gibt solche und solche, hier wie drüben. . „Tante Trude, bis jetzt habe ich gedacht, der Krieg ist das Ereignis der Zeit. Jetzt aber sehe ich es ein, Tante Phines neue Wohnung ist es." Ich mußte hell auflachen. Sv spöttisch kann Günther sein? Das liegt ihm doch sonst gar nicht. Oder haben die alten Tanten allein das Vorrecht — eigentlich, — war es nun recht von mir, mich von ihm Tante titulieren zu lassen? Erst hat er es immer neckend gesagt, da klang es lieb, beinahe ein wenig zärtlich; jetzt sagt er es schon so selbstverständlich. Und wenn es gar Cilli in seiner Gegenwart sagt, dann lehnt sich alles in mir dagegen auf. Eine Allerweltstante will ich nicht sein.. „Die Wohnung ist erledigt, Günther." „Na, Gott sei gelobt." Es ist wahr, Tante Phine hat viel Wünsche und äußert sie mit großem Nachdruck, möchte alles schriftlich mit dem Hauswirt und jedem Handwerker machen und traut keinem Menschen, daß er pünktlich und ehrlich ist. Als wenn Tante Phine ganz allein etwas von mir wollte! Schließlich kommt ihr meine Sorgfalt doch am ehesten zu. Sie soll mir doch den Frieden bringen und lieben, lieben Tantenschutz. Andere tragen mir die Unruhe ins Haus. Was geht mich Lottchen Beyers Herzenskummer an? Aber ihre Freundschaft habe ich nun einmal, es ist nichts dagegen zu machen. Erst hat sie mir ein paarmal durch Günther sagen lassen, daß sie so' „rasend für mich schwärme", und nach mehreren. Veilchensträußchen 7— Lottchen, kauf den Holdaten liMr Schokolade für das Geld — schenkte sie mir ihr Vertrauen. Seit der Zeit beweint sie vor mir ununterbrochen ihre „große, ungWcklühe Liebe". k>b ich Mnther das so wortgetreu wiedersagen soll, wie er mir ihre Schwärmerei für Mich? oder hofiert sie mich wie eine gute, einflußreiche Schwiegermutter? „Der Herr Doktor hält so schrecklich viel auf Sie." Da hast du freilich recht, Lottchen. „Ihr kleines Wirtstöchterlein war mal wieder bei mir," sagte ich zu Günther gleichgültig und wagte nicht aufzusehen, so gern ich sein Gesicht dabei beobachtet hätte. „Das ist ja auch sehr passender Verkehr für Sie." In mir bäumte sich etwas auf. „Können nicht auch einmal Leute verschiedenen Alters befreundet sein und sich verstehen?" „Selbstverständlich," antwortete er ganz harmlos, „wenn sie sonst zusammen passen, aber gerade Sie und meine fili.a liospitalis" — „Lottchen Beyer ist" — „Eine Gans," vollendete er sehr bestimmt, und ein tiefer, befreiender Atemzug löste sich aus meiner Brust. Was hatte ich denn eigentlich von ihr sagen wollen? Sicher nicht, was ich nun neidlos, in herzlichem Wohlwollen für das liebenswürdige Kind sagte: „Ist ein bildhübsches Mädchen. So strahlend jung und frisch." Wenn mein lieber Arzt ein Heilmittel für mich in der Arbeit sah, dann staunt es mich fast, daß ich körperlich und seelisch mich nicht gesünder fühle, denn zu tun habe ich, mehr manchmal, als ich bewältigen kann. Es scheint mir bald gar nicht mehr so paradox, wenn Cilli sagt: „Du, ich muß mir einen Beruf verschaffen, sonst wird man den ganzen Tag nicht fertig, da wollen sie immer zuviel von einem. Außerdem habe ich einen Dalles". An ihr quälen ein paar alte, unverständige Eltern, die nicht einsehen wollen, daß sie doch immer noch um eine ganze Generation jünger ist als sie, die totbeleidigt sind, wenn sie nicht genau so leben will wie sie. Ist es denn nur möglich, daß zwischen Eltern und Kindern sich eine Bitterkeit einnisten kann, die zum zähen feindseligen Mißtrauen wird? Cilli erzählt mir das alles und will, daß ich richten und raten soll. Ich weiß nur, daß mich das Ganze in tiefster Seele verletzt. Wer „schuld hat", das kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe nie gedacht, daß es auch bei, — wie Günther sagt, — „unseren Leuten" Eltern gibt, denen selbst die einfachste» Elterninstinkte fehlen, Leute, die ihren Kindern nichts zu geben haben und doch so viel Kinderehrfurcht verlangen, wie - nun, wie sie meinen Eltern zukam. „Du bist ja freilich auch abends nie ausgegangen, solange dein Vater noch lebte," sagt Cilli, oft nach langen Klagen, wie zur eigenen Beruhigung, und ich schrecke zurück bei dem Vergleich. Die Abende beim Vater waren nicht verloren. Schade mit die wenigen, die ich mir habe durch fremde Rücksichten rauben lassen. Die Abendstunden jetzt sind furchtbar. Ost lege ich mich früh hin, nur, um der Einsamkeit zu entfliehen. Die Tage sind besser. All die kleinen Liebespflichten haben sich zu dauernden Verpflichtungen ausgewachsen. Ich werde gar nicht mehr fertig, und wenn die armen Altfrauchen im Spital so kläglich bitten, „aber nicht wahr, Fräuleinchen, Sie vergessen uns nicht, Sie kommen bald wieder", da geht mir ihr Betteln wie ein Vorwurf nach, daß ich nicht noch schneller wieder hinkomme. Die Altweibchen werden heutzutage vergessen; alles gehört den

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