Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' ■ --—— '17s - ' '" *'' Aus der Fülle der von ihm registrierten Fälle, in denen sich Juden rühinlichst hervorgetan, sei ein einziger hervorgehoben. Korporal Karl Ehrlich, ein zwanzigjähriger aus Prag gbürtiger Jüngling, meldet sich freiwillig zu einem gefährlichen Unternehmen, von dem er glücklich zurückkehrt, nachdem er unter dem wütendsten Eeschützfeuer die feindlichen Minendrähte zerschnitten hat. Er erhält die Bronzene Tapferkeitsmedaille. Als ihn der Feldrabbiner fragte, ob er dasselbe Wagnis nochmals vollsühren möchte, antwortete er resolut: „Unbedingt, für die Ehre des jüdischen Namens alles." Der Brave hat Wort gehalten. Während der vorletzten italienischen Offensive versuchte er es nochmals, aber diesmal kam er nicht wieder, er siel einer Mine zum Opfer, so daß ihm nicht einmal ein ruhiges Grab beschieden ist. — Wie gejagt, es ist ein einzelner aus der Fülle des gelieferten Materials herausgegriffener Fall von geradezu makkabäischem Heldenmut. Man könnte ihm so manche nicht minder rühmenswerte Episoden, die insbesondere galizische Juden betreffen, zur Seite stellen. Es sei noch bemerkt, daß die der Seelsorge dieser Armeegruppe zugewiesenen Soldaten zum großen Teile aus streng orthodoxen Familien Galiziens stammen und jeden Anlaß wahrnehmen, um dem geliebten Seelsorger für die ihnen zuteil werdende Fürsorge zu danken. Haiwri. JBtytinh: „Las Grüne Grücht" ». mein Urteil über das frühere Werk Meyrinks „Der Golem" scheint dem Verleger nicht genügt zu haben. Wenigstens habe ich trotz meines Versuches den eben erschienenen neuen Roman nicht erhalten. Führt uns „Der Golem" nach Prag und in frühere Zeiten, so geleitet uns „Das Grüne Gesicht" in die Epoche nach dem Kriege und nach Amsterdam. Soweit man überhaupt Meyrinks Sachen verstehen kann, schließt der Roman mit einer Vernichtung Amsterdams durch Wasser. Gegenüber diesen Unterschieden der beiden Bücher walten mannigfache Aehnlichkeiten zwischen den beiden Werken ob. Im „Golem" kommen Hintertreppengeschichten, Wirtshausszenen, seltsame Künstler vor; ähnlich im „Grünen Gesicht": Hier erscheint sogar ein echter Afrikaner, ein fürchterlicher Lüstling, Trunkenbold und Raubmörder. Wie im „Golem" die Hauptperson mit ihren seltsamen Abenteuern eigentlich nur "Nebensache ist, so auch in dem neuen Roman; denn der Architekt Haubenrisser und seine Geliebte Eva — übrigens ein Liebesverhältnis, das, urplötzlich entstanden, durch ein langes Verschwinden Evas unterbrochen, wieder auftaucht, um ebenso schnell beendet zu'werden - werden nur auf ein Paar Seiten erwähnt. Die Hauptsache in diesem neuen Werke ist durchaus nicht die Geschichte, sondern Betrachtungen. Das „Grüne Gesicht" ist ein Gespenst und auch kein Gespenst, es ist, wie es einmal S. 82 heißt: „der einzige Mensch auf Erden, der kein Gespenst ist". Er hat den Namen „Chidher Grün" angenommen, erscheint auch einmal wirtlich; Aufzeichnungen von ihm werden abgedruckt. Den einen gilt er als der ewige Jude, den andern als Elias, den Dritten als Johannes der Evangelist. Was der Verfasser eigentlich will, ist wohl ungefähr das: Das wirkliche Leben, das die Menschen führen, ist ein unwirkliches, nur Vor- ') „Das Grüne Gesicht." Roman von Gustav Meyrink. I. bis ■Mi. Tausend. Leipzig, Kurt Wolfs Verlag. 19]7. Geheftet 3,50 Mark. Gebunden 4,50 Mark Kartoniert 4 Mark. bereitung auf ein künftiges; eine -Verschmelzung des Jenseits und Diesseits, ein Aufgeben der eigenen Persönlichkeit an die Allgemeinheit sei das Ziel des Lebens. Es sind mystische Vorstellungen und Gedanken, die als großartige Offenbarungen vorgetragen werderl, die mir aber, ivie ich offen bekennen will, als ziemlich unreife Vorstellungen erscheinen. Wenn ich das Buch an dieser"Stelle erwähne, so schöpfe ich die Berechtigung dazu aus dem Umstande, daß viele der gelegentlich vorkommenden Personen Juden sind, ganz besonders die sympathischste Persönlichkeit des Romans ein D'r. Sephardi, Arzt und Philosoph, ein reicher Mann, der in eifriger Forschertätigkeit sein Leben zubringt, sich in hoffnungsloser Liebe zu dem genannten schönen Mädchen Eva verzehrt und schließlich nach Palästina geht, um dort einen Judenstaat zu gründen. Außer diesem einen treten noch andere jüdische Persönlichkeiten auf. Zu ihnen gehört der schon genannte Chidher Grün. Ganz besonders aber ein russischer Jude mit dem charakteristischen Namen „Eidotter", dessen tragisches Schicksal (er hat bei einem Judenaufstand in Odessa seine Frau und seine Kinder sowie sein ganzes Vermögen verloren und ist selbst dem Ausstand nur mit großer Mühe entronnen) er selbst in herzzerreißender Weise erzählt (vgl. S. 264 ff. und S. 275). Auch sonst kommen vielfache Bemerkungen über Juden vor. S. 34 sf. heißt es: „Die Mission der Juden besteht darin, sich selbst zu überwinden", und S. 188 sagt der genannte Sephardi: „Die Religion der Juden ist in ihrer Wurzel eine Religion selbstgewählter und absichtlicher Schwäche — ist ein Hoffen auf Gott und das Kommen des Messias... Einstmals zur Zeit Moses, als es bloß zehn Gebote gab, war es verhältnismäßig leicht, ein Zadik Tomim — ein vollkommener Gerechter — zu sein, heute: ist es unmöglich, wie jeder fromme Jude weiß, der sich bemüht, die zahllosen rituellen Gesetze zu halten. Heute muß Gott uns helfen, sonst können wir Juden den Weg nicht mehr gehen. Tie darüber klagen, sind Toren — der Weg der Schwäche ist nur vollkommener und leichter geworden, und dadurch ist auch der Pfad der Kraft klarer; denn keiner, der sich selbst erkennt, kann sich mehr auf das Gebiet verirren, in das er nicht gehört. Die Starken haben keine Religion mehr nötig; sie gehen frei und ohne Stock; diejenigen, die nur an Essen und Trinken glauben, brauchen ebenfalls keine Religion; sie haben sie noch nicht nötig. Sie bedürfen keines Stockes, denn sie gehen nicht,! sie bleiben stehen." Das Angeführte sind wenige Stellen, die leicht verzehnfacht werden können. Denn der Verfasser spricht über Frauenemanzipation, Menschengeschick, Völkerumwandlung, Weltvernichtung, Genußfreudigkeit, Mystik und vieles andere. Das ganze Buch ist ein Sammelsurium teils von Selbstverständlichkeiten, teils von originellen und erbauenden Gedanken; es voll kommen zu verstehen und in die Absicht des Verfassers einzudringen, wenn er selbst weiß, was er will, wird wenigen ge lingen. Aber es ist nun einmal Mode, und sein gleich in 30 000 Exemplaren gedrucktes Buch wird es, wenn es seinen: Vorläufer, dem „Golem", folgt, wohl aus 100000 und mehr bringen. Ich lasse mich in meinem Urteil durch solche Zahle» nicht bestimmen. Bringen es doch ganz gewöhnliche Schmöker, wie die des Herrn Skowronnek, zu 325 000 Exemplaren. Warum soll nicht auch Meyrink seine Hunderttausende um sich versammeln? Kommende Zeiten werden anders urteilen; der Geschmack und die Mode von heute bestimmen nicht das Urteil der Zukunft. Die erste Auflage von Goethes Wilhelm Meister blieb lange unverkäuflich; daS Werk wird heute, nach 130 Jahren, stets von neuem aufgelegt. Die Bücher, die heute nach Hunderttausenden ihre Auflage zählen, werden — des sind wir sicher — in 130 Jahren nur noch Kuriositäten sein, denen man nicht einmal die Bezeichnung ehrwürdig geben kann. L. G.