Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 174 — mm. mm mation fehlc, nahm er zwar die Klage gegen diesen zurück, strengte aber dieselbe Klage gegen den Militärfiskus an. Die hämischen Ausfälle, mit denen das genannte Blatt die Nachricht verbrämt, die ihm sehr willkommen- und glaubwürdig erscheint, geben wir nicht wieder, hoffen aber, daß der „Zentralverein" der Sache nachgeht, sie richtigstellt und dadurch einen gehässigen Angriff aus der Welt schafft. O Herr Dr. Paul Nathan veröffentlicht im „B. T." einen großen Aufsatz „Fortschritte in Polen". Nach allgeineinen Betrachtungen, die unser spezielles Interesse nicht berühren, führt er folgendes aus: Es gibt freilich Juden in Polen — ihre Zahl ist nicht gerade groß —, die dem Ideal völkischer Autonomie noch nachhängen. Vom Stande Punkt Praktischer Politik aus ist das zu bedauern. Die Entwicklung wird jedoch durch diese Strömung von geringer Tiefe nicht erheblich beeinflußt werden. Leldrabbiner Dr. Bernhard Hausner (x). Auf dem Tvege zum Gottesdienst in die Schwarmlinie an der italienischen Front. Organisiert ist vor allem die jüdische Orthodoxie in Polen, und sie ist ein starker Faktor der zukünftigen politischen Entwicklung. Ihre Organisation, die den Namen „Agudas Hoorthodoxirn" trägt, ist erst unter Beihilfe jüdisch-orthodoxer Kreise Deutschlands ins Leben getreten; sie ist über das ganze Land verbreitet und zählt heute bereits mehr als 22 000 eingeschriebene Mitglieder. Sie ist also eine Macht in einem Lande, in dein die russische Negierung jede vorhandene Organisation zerstört hat und jede auftauchende zu unterdrücken versuchte. Bor allem das polnische Judentum war atomistert und war in seiner Zerbröckelung zur Kraftlosigkeit verurteilt, unfähig, durch gemeinsame Anstrengung das intellektuelle und soziale Niveau der Gesamtheit zu fördern. Es war ein politisch kluger und zugleich humaner Gedanke der deutschen Verwaltung, daß sie ihrerseits die Vorbedingungen für eine Organisation der Millionen Juden in Polen geschaffen hat. Sie hat eine jüdische Gemeindeordnung erlassen, auf Grund deren die jüdische Bevölkerung sich auf religiösem, kulturellem und humanitärem Gebiet segensreich betätigen kann. Die Kräfte des ganzen Landes können zusammengefaßt werden, und die Massen kommen so in eine Schule, die sie für den Dienst in der Öffentlichkeit erzieht. Dieser jüdischen Gemeindeordmtüg hat erklärlicherweise die Orthodoxie das größte Interesse entgegengebracht, und um in den Gemeinden den Standpuutt der Orthodoxie in entsprechender Weise vertreten zu können, wurde die bei weitem stärkste jüdische Bereinigung, die Agudas Hoortlw doxim, geschaffen. Dann geht er erst auf den-auch von uns erwähnte Briefwechsel dieser Gemeinschaft mit dem polnischen Staatsra ein und schließt seine bemerkenswerten Betrachtungen mit folgenden Sätzen: Es gibt noch zwei Fragen, die die jüdische Bevölkerung in Polen ernstlich beunruhigten. Die eine betrifft das Wirtschaftsleben Anknüpfung an die Anschauung der jüdischen Orthodoxie, die andcce das Schulwesen, insofern es für Tausende und Tausende von Kindern in Betracht kommt, die, allein mit der Kenntnis des „Jiddischen" ausgestattet, in die Schule eintreten. Es war klar, daß der Staatsrot zu diesen Einzelfragen, die der späteren Gesetzgebung Vorbehalt sein müssen, nicht heute schon Stellung nehmen kann, und wenn auch die Gesinnung, die der Staatsrat an den Tag gelegt hat, voran-> setzen läßt, wie n diesen beiden Pro blemen gegenübersteht, so war e* doch nicht unwich tig, eine präzism Antwort von einer autoritativen Per sönlichkeit zu erlangen. Würde die Soim tagsruhe in Polen, wie es von amisemitischer Seite au gestrebt wird, mit absoluter Schär je dnrchgeführt wer den, so wäre der fromme Jude, der Ladenbesitzer i ir, und der am Frei tag nachmittag mit' Sonnabend bis zum Nachmittag oder Abend ans religiösen Gründen se Geschäft geschlon hält und der , alsdann am Sonntag wieder schließe muß, auf do schwerste, unter Umständen bis zum Ruin, gegenüber seinem christlichen Mitbewerber geschädigt worden. Und wenn dil Jiddisch sprechenden Kinder Staatsschulen hätten Angeführt werde» müssen, in denen ausschließlich Polnisch unterrichtet wird, so wäre dm eine pädagogische Monstrosität gewesen mit übelsten Wirkungen die Fortbildung der Kinder, ganz abgesehen davon, daß jüdische Kreis in Polen an der jiddischen Sprache — diesem stehengebliebenen uiiö zum Teil verderbten Deutsch des Mittelalters —, als einem Symbol der historisch gewordenen Eigenart, mit Liebe hängen. lieber diese beiden Fragen von Bedeutung hat mir Graf Ad.ui Romkier, eine der führenden Persönlichkeiten der polnischen Aktivisten nach vorheriger Rücksprache mit seinen politischen Freunden auf mo: Ersuchen eine schriftliche Antwort erteilt. Die entscheidenden Sätze lauteten: „In bezug auf die Sabbat- und Sonntagsruhe bin ich überzeugt daß sich Festsetzungen werden treffen lassen, die die christliche Empnn düng zuläßt, ohne doch Ihre Glaubensgenossen zu schädigen." Und über die Schulsrage sagt er das Folgende: „In bezug auf die Gestaltung des Schulwesens wird es, glaub, ich. möglich sein, den Wünschen Ihrer Glaubensgenossen entgeg zukommen, so daß die religiöse Empfindung vollständig geachtet werde: