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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-13 · Heft 15 (13.4.1917) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 15 (13.4.1917)
Date
1917-04-13
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Im Anschluß an diesen Satz mag zunächst an die Taffache crinnert werden, daß die alten Völker bei ihrer Zeitbestimmung „ach den Ereignissen des Naturlebens, insbesondere nach der Sonnenwende und dem Frühlingsanfang, sich orientiert heben, während die Israeliten, gemäß dem eben angezogenen Gebote, nach dem Datum ihrer Befreiung aus dem Zustand der Knechtschaft, also nach einem Ereignis ihres geschichtlichen Lebens, sich bei ihrer neuen Zeitrechnung richten sollten. Ist das nicht schon an sich etwas Bedeutsames, das unsere Aufmerksamkeit beansprucht und verdient? Wenn die beschichte ein Lehrbuch ist, so ist das Allgemeinste, was wir uns ihr lernen können, die UeberzeuguUg, daß die Personen und ihre Erfahrungen, die wie Lichtbilder an einer Wand erscheinen und verschwinden, eine zeitliche Offenbarung müger Ideen sind, die werdend und wachsend an ihnen und durch sie sich verwirklichen. Noch nie aber hat es ein Geschlecht Ergeben, das solche Massen von geschichtlichen Erfahrungen « lebt hätte als das Geschlecht der Gegenwart, die Kinder einer die uns allen durch die Wucht von miterlebten Ereignissen io das Bewußtsein hämmert die Ueberzeugung, daß der Tag, an welchem nach den Wetterwolken des Weltkrieges die oriedensfonne wieder leuchten wird, der erste Tag und ein mirer Anfang einer neuen Zeit sein wird in der Geschichte der wiederveveinigten Menschheit. Darf man also nicht annehmen und Voraussagen, daß die Menschen unserer Zeit mit tieferem Verständnis zu erfassen in der Lage sind die Bedeutung des unseren Ahnen gekündeten Gebotes: der Monat 'Mut soll das Haupt der Monate sein, ein neuer Anfang soll er sein für die Monate des Jahres! Die altäghptische Zeitrechnung war bekä>intlich durch die Aegierungszeit der Pharaonischen Dynastien oder Herrschergeschlechter bedingt und bestimmt, und das bedeutete im ägyptischen Volke die Anerkennung des Pharaonischen Grundsatzes der Unfreiheit im Denken und Glauben, int Tun und Handeln, eaies Grundsatzes, der in der Verfassung des wie eine steinerne Pyramide aufgebauten .Kastenstaates Aegypten und seiner nach - künden festgegliederten Gesellschaft das bestimmende Merkmal gewesen ist. Die Andeutungen der biblischen Erzählungen darüber sind ja jedermann wohlbekannt. Unfrei waren die P wohner des Nillandes, sowohl der Sklave in der Tretmühle >us auch der Pharao auf dein Dhron, weil sie an die Bedingtheit aller durch ein ehernes Gesetz der Natur gebundenen Poesen glaubten und nicht an die im Menschen sich erhebende "rast des Geistes, die ihn fähig macht, sich in sittlicher Beziehung über die' Welt der Materie in das Reich der rueiijeit erheben zu können. Gewiß, auch der Mensch ist ein -rück der Natur und als solches mit eingeschlossen von der gelte der Notwendigkeit und preisgegeben all den unbewußten Gewalten, welche die Natur regieren und beherrschen, aber, nie der deutsche Dichter sagt: „Bon der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet." Zu diesem Glauben konnte ein Pharaone sich nicht erheben. Aus seinem barten Herzen stammt der Glaube an die harte Notwendigkeit wie alles Seins im natürlichen Leben, so alles Geschehens im geschichtlichen «Leben. Ist es ein Wunder, daß sein Bekenntnis gelautet hat: „Ich kenne keinen Gott und darum werde ich hirael keine Freiheit geben!" Ta rief Gott den Mose und ließ iln: unter dem Bilde des zunehmenden Mondes die I d e e d e r Freiheit schauen, die bei jeder neuen Zeitenwende zunehmen loll an strahlender Kraft, und sprach zu ihm: Von der Idee der Freiheit ausgehend, soll Israel, das geknebelte Volk, eine neue bcitvechnung anfangen lassen, darum soll Ntsan, der Monat der Befreiung des von dir geleiteten Volkes, das Haupt und der Anfang der Monate und Jahresfolge euch werden. Als unseren Ahnen nach jahrhundertelanger Rechtlosigkeit die Stunde der Freiheit geschlagen hatte, da wußten sie es: hinter uns versinkt eine alte Zeit und vor uns öffnet sich die Eingangspforte einer neuen Zeit, in welcher die Idee der Freiheit, die uns wie ein Morgenstern aufgegangen ist, auf Grundlage des allgemeinen Rechtes und der allumfassenden Gerechtigkeit allmählich eine neue Welt ausbauen wird. Und in unserer Gegenwart gibt es wohl keinen denkenden Menschen, der nicht ergriffen wäre von der Ahnung und Ueberzeugung, daß die Zeit der gewaltigsten Umwälzungen der Weltgeschichte, die wir erleben, ein P e s s a ch ist oder ein Hinüberschreiten der Völker aus der Zeit, in welcher das Schwert die internationalen Fragen entschieden hat, in die Zeit, in welcher die Idee der Freiheit eine neue Welt auf Grundlage des Rechts und der Gerechtigkeit ausbauen wird. Das beweisen am stärksten die Umschwünge und Umstürze, die in Rußland, dom Lande der Pogrome, eine alte phavaonische Zwingburg wie mit Stuvmesgewalt umgeworfen haben. In unserem deutschen Vaterlande ist N e it o 11 e it t i e v u n g das Losungswort, mit welchem eine neue Zeit und eine neue Zukunft sich ankündigt. Vor allem bedarf es einer Neuorientierung der Menschenseele und des Völkergeistes in religiöser und sittlicher Beziehung. Dann wird mit dem Tage des Friedensschlusses eine neue Zeitrechnung und eine neue Weltenära beginnen, dann wird er ein neuer Anfang sein, ein gemeinsanier Anfang der wiedervereinigten Menschheit! tztk Woche. Berlin, den 10. April 1917. as wichtigste, zwar nicht unerwartete, aber doch schwerwiegende Ereignis der Berichtswoche ist die Erklärung des K r i e g s z u st a n d e s mit A m e r i k a. Ter Präsident der Vereinigten Staaten, Herr Wilson, hat eine große Botschaft an den amerikanischen Kongreß gerichtet, in der er die sofortige Bildung eines Heeres von einer halben Million Manu und die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht fordert. Sv betrübend es auch an und für sich ist, daß diejenigen Staaten, die bisher ihren Stolz darein setzten, die allgemeine Dienstpflicht entbehren zu können, diese einführeu und sich bemühen, durch ihren Militarismus den nnsrigen zu bekämpfen, d. h. den Teufel, wie sie ansehen, durch Beelzebub zu vertreiben, so würde uns diese grundlegende Aenderung in den Bestiinmungen fremder und feindlicher Länder nichts angehen. wenn sie nicht wider uns gerichtet wäre. Von größerer Bedeutung für uns sind die Erklärungen des amerikanischen Staatsoberhauptes: die eine, daß der Krieg die engste Zusammenwirkung mit den Verbündeten erfordere, die fernere, daß der Krieg nicht von Amerika vom Zaune gebrochen, sondern durch die Taten Deutschlands und durch die Vernichtungswut der deutschen U-Boote hervorgerufen sei, und die weitere, daß die Union sich im Kriegszustand mit der deutschen Regierung, jedoch nicht mit dem deutschen Volke befinde. Gegen eine solche Auffassung und die damit verknüpfte Motivierung müssen wir entschieden Front machen. Gegen die erste, als wenn ein Zusammenwirken mit der sogenannten Entente ein Novum wäre. Denn Herr Wilson hat die Neutralität immer so angesehen, daß er bereit war, Deutschland aufs schlimmste zu schädigen, indeni er von Anfang des Krieges an gestattete, guthieß, ja vielleicht sogar förderte, daß die amerikanischen Fabriken unsere Gegner mit Munition, Waffen und allerlei .Kriegsgerät versorgten. Das. hat außer Amerika kein wirklich neutraler Staat getan. Schon durch diese Unterstützung unserer Feinde haben die Vereinigten Staaten unsere Langmut auf eine harte Probe gestellt und sich seit fast drei Jahren trotz ihrer angeblichen Nentralität als eine gegnerische Macht erwiesen. Nicht also wir, sondern sie sind die Urheber dieses Krieges,

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