Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-13 · Heft 15 (13.4.1917) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 15 (13.4.1917)
Date
1917-04-13
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229301--73025-3285483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sagt ein Midrasch, auf Erden erst fest gegründet worden. Der Sieg des Idealen hat zur Voraüsflßüng den frohen, starken Glauben. Unserer kampferfüllten Zeit will es freilich scheinen, als ob das Schicksal es unseren Vätern leicht genug gemacht hätte, ihren Gott zu finden. Der Untergang des ägyptischen Heeres hat ihr sittliches Empfinden nicht beunruhigt. Der Gott, der Rosse und Reiter ins Meer schleudert, daß sie wie Blei in die Tiefe sinken, ist ihnen der allmächtige Helfer, der Gott des Krieges, dem ihre dankbare Freude zujauchzt. Sein Walten aber offenbart sich ihnen mit zwingender Deutlichkeit, weil sie nicht selbst zu kämpfen brauchen, sondern Gott ihnen die Mühe des Kampfes abnimmt. Weil Israel als untätiger Betrachter ■ das Schauspiel der Vernichtung der ägyptischen Macht genießt, muß sein Glaube an die Allmacht und Liebe Gottes mit unvermeidlicher Notwendigkeit entstehen. Wir Menschen der Gegenwart aber haben die Schmerzen und Qualen des Kampfes selbst zu tragen, und unser sittliches Einpfinden nimmt die Tatsache der Vernichtung menschlichen Lebens nicht mehr so ruhig und gelassen hin. Vielleicht aber ist auch die Untätigkeit der Israeliten am Schilfmeere nur eine scheinbare. Auch sie hätten die Allinacht der göttlichen Liebe nicht erkannt, wenn! sie nicht den Mut besessen hätten, mitten durch die Wellen des Meeres hindurch zu schreiten. Das Unbegreifliche rrnd Wunderbare kann ja an sich ebenso beunruhigen und verwirren wie überzeugen und festigen. Ein lebendiger und starker Glaube reift nicht ohne unser Tun, sondern wir müssen den Mut haben, unseren reinsten und tiefsten Empfindungen zu vertrauen und unsere Lebensanschauung durch sie bestimmen lasten. Wenn nun auch die sittlichen Probleme und Dunkelheiten des Lebens für uns erschreckend zahlreich geworden sind, logisch auflösbar und durchsichtig ist das Leben zu keiner Zeit gewesen. Hier handelt es sich nur um Unterschiede des Grades. Die Aufgabe aber, die unlösbaren Rätsel des Lebens durch Vertrauen zu überwinden, ist für uns dieselbe wie für unsere Väter, die durch die Wellen des Schilfmeeres zu schreiten wagten. Religion und Kultur, das bedeutet jedoch nicht nur, daß alle zuversichtliche Kulturarbeit und die Gewißheit ihres Erfolges auf dem Glauben ruht. Es ist ein ewiges Denkmal sittlicher Größe, daß in dem Siegeslied am Schilfmeer nicht der Haß über die Vernichtung des Feindes frohlockt, sondern Israel in religiöser Demut Gott für seine Rettung dankt. Mit wenigen sorafältig abgewogenen Worten wird der Untergang des ägyptischen Heeres geschildert, doch in breitem Strom rauscht das Danklied der Erlösten. Dieses Stillewerden und Sichberuhigen der menschlichen Leidenschaft im Angesichte Gottes ist an sich bereits eine sittliche Läuterung des Menschen, selbst wenn alle moralischen Antriebe, die wir sonst von der Religion empfangen, übersehen werden. Diese umgestaltende und bildnerische Kraft aber besitzt keine noch so erhabene sittliche Idee, die uns zur Höhe weist. Erst wenn wir unmittelbar die Nähe Gottes fühlen, der seine Liebe über alles Leben breitet, verbirgt sich alles Häßliche in unserer Seele. Nicht nur die Sicherheit des sittlichen Strebens, die Ueberzeugung, daß unsere ethische Hoffnung uns nicht trügt, verdanken wir demnach dem Glauben, sondern auch ohne unsere bewußte Arbeit vollzieht sich an uns sein erzieherisches Werk. Wenn nun die Gegenwart uns das widerwärtige Schauspiel ungebändigten, zügellosen Hasses zeigt, beweist diese Tatsache nicht schon ausreichend, daß wir der erzieherischen Kraft des Glaubens nicht entraten können? Die dankbare, siegesfrohe Demut Israels, deren reine Harmonie durch keinen schrillen Ton getrübt wird, und das chaotische Toben des Völkerhasses, wie ihn unsere Zeit erlebt, sie enthüllen uns den ganzen Abstand einer einseitigen, aber geschlossenen und von religiösem Geiste beherrschten, und einer mannigfaltigen, reichen, aber nicht in der Tiefe zusammengefaßten Kultur, die ohne die Religion ihren Bau errichtet. „Du bringst sie und pflanzest sie ein in den Berg deines Heiligtums" hat Israel am Schilfmeer einst gesprochen. Lehren uns die Erfahrungen unserer Tage nicht, daß diese Worte durch die Jahrtausende hindurch ihre Geltung behalten? Ohne die Erziehungsarbeit, die der Glaube leistet, bleiben die sittlichen Ideale ein ferner Traum. Nur die Religion vermag die elementare Kraft der menschlichen Leidenschaft zu zügeln und zu beruhigen, weil sie selbst heilige Leidenschaft und tiefste Ruhe ist. Dir nrur Zeitrechnung. Eine zeitgemäße Nisan-Betrachtung. Von Dr. A. Eckstein. in morgenländischer Gelehrter hat unlängst die Anregung gegeben, man möge den Tag der überall sehnsüchtig erwarteten Wiederherstellung des Weltfriedens, an welchem, wie wir hoffen und wünschen, der wiedervereinigten Menschheit ein neuer Morgen einer neuen Zukunft aufdämmern wird, als Anfang und Ausgangspunkt einer neuen Zeitrechnung an Stelle der bisherigen verschiedenen Zeitrechnungen gelten lasten. Gewiß eine gutgemeinte Anregung. Uns regt dieselbe zu der naheliegenden Frage an: wie kommt es. daß, während die Bekenner der christlichen und der mohammedanischen Religion eine einzelne Persönlichkeit als epochemachend für die ganze Entwicklung der nach ihnen folgende» Weltgeschichte und darum als maßgebend für den Anbeginn einer neuen Zeitrechung angesehen haben, die Persönlichkeit des Mose, des Stifters oder Vermittlers unserer Religion, von ihren Bekennern nicht als maßgebend und bestimmend erachtet worden ist, um nach seinem Namen eine mosaische Zeitrechnung in unserer Geschichte beginnen zu lassen? Vom Standpunkt des Judentums ist die Antwort naheliegend und muß folgendermaßen lauten: eine Person, wenn auch von überragender Bedeutung, von welcher weltgeschichtliche Wirkungen ausgegangen, ist immer nur eine Person, immer nur ein Glied, das von anderen Gliedern einer Kette vorhergegangener Ursachen des Geschehens abhängig ist, immer nur eine zeitliche Erscheinung, nicht eine ewige Wahrheit für alle Zeiten und für alle Menschen. Eine ewige und allgemeine Wahrheit hat nur die Idee und darum sollen wir Israeliten von einer Idee und nicht von einer Person ausgehen, um von ihr als von einem Sonnenaufgang in der Geschichte eine neue Zeitrechnung beginnen zu lasten. Gibt es nun eine solche Idee oder vielmehr einen Quellpunkt mcnschenbildender und völkerbeglückender Ideen, von welchem ausgehend wir eine neue Zeitrechnung beginnen lasten können? Darauf antwortet der Monat N i s a n und des Fest, das wir in diesen Tagen feiern. Das erste Gebot, das in unserer Thora enthalten ist, lautet: „Dieser Monat sei euch das Haupt der Monate, ein Anfang soll er euch sein für die Monate des Jahres." Bis dahin nänrlich hatte der Monat Nisan, der damit gemeint ist, keine besondere religiöse Bedeutung in der Reihenfolge der Monate und Jahre, von nun an aber sollte er sich hevausheben als ein Haupt, zu dem man aufblicken, und als ein Anfang, von dem man fortan bei der Zeitbestimmung ausgehen sollte, Werl es derjenige Monat ist, in welchem durch die Befreiung eines Sklavenvolkes die I d e e d e r F r e i h eit, im politischen und bürgerlichen wie im religiösen und sittlichen Sinn dieses hohen klangvollen Wortes, ausgegangen und wirksam geworden ist in der Geschichte der Menschheit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.