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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-13 · Heft 15 (13.4.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 15 (13.4.1917)
Date
1917-04-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 15 Allgemeine eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Zeimng erschein- -Sch-N.nch. I vegriindet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson U bonnements-Pre^s: durch den Buch-! Untre Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger vi»rt,ij«l,riich 3 nt. Postscheckkonto 5». | yerjag. Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Ausendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße HS-4), zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tlnhfHt* Religion und Kultur. Von Rabbiner Dr. Lewkowitz (Berlin). IJIlijIJIl* — Die neue Zeitrechnung. Eine zeitgemäße Nisan-Betrachtung. Von Dr. A. Eckstein. — Tie Woche. — Jüdische Feldseelsorge an der Jsonzofront. Von Haiwri. — Meyrink: „Das Grüne Gesicht." Von L. G. — Feuilleton: Ein Purimspiel mit Hindernissen. Humoreske von M. Pulvermann. — Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Bnchereinlaus. — Sprechsaat. Der Gemeirrdebole (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Posen, Lifsa i. P., Hamburg, Magdeburg, Wiesbaden, Mainz, London, Jerusalem — Von Nah und Fern. Hrligjon und Kultur. Von Rabbiner Dr. L e w k o w i t? (Berlin). er Stimmungsgehalt unserer Feste, ihr eigentümlicher Zauber und ihre religiöses Leben weckende Kraft beruhen nicht aus abstrakten Ideen, die ihnen zugrunde liegen. Gewiß läßt sich ihr geistiger Gehalt zil begrifflichem Ausdrilck bringen, doch schon die Tatsache, daß die Bedeutung unserer Feste sich nicht durch einen einzelnen Gedanken bezeichnen und erschöpfen läßt, keines von ihnen eine eindeutige, festumrissene Form zeigt, verrät uns, daß in ihnen vielgestaltiges und reiches Leben rauscht, dessen fließende und sich wandelnde Form sich nicht in dem feinen Netz der Begriffe anffangen und festhalten läßt. Nur die unvergleichliche Kunst der Bibel vermag diese Aufgabe zu bewältigen. So verherrlicht denn auch das Pessachfest nicht die Idee der Freiheit oder der Erlösung, sondern die Bibel läßt uns an ihm ein ganzes Volk erblicken, das aus Not und Schmach in die Freiheit, in das Land der Väter ziehhund dieses mit grandioser Kraft geformte Bild des Lebens ist unendlich reicher als alle einzelnen Ideen, die sich von ihm ablesen lassen. Die künstlerische Gestaltungskraft der Heiligen Schrift erschöpft sich jedoch nicht in diesem einen Bilde. Die beiden letzten Tage des Pessachfestes sind nicht eine eintönige und leblose Wiederholung der ersten. Sie haben ein selbständiges Leben und ihr eigenes Gesicht, nicht allein deshalb, weil ihnen das Traulich-Familienhafte der Sederfeier fehlt und das Schicksal des Volkes in voller Kraft zu uns spricht, sie erhalten ihren besonderen Charakter auch durch die Bibelvorlesung, die für sie bestimmt ist. Am siebenten Tage des Pessachfestes liest inan in unseren Gotteshäusern die Schilderung der neuen Gefahr, die Israel bedrohte, als es von der Knechtschaft sich bereits befreit glaubte, nur sehen die ägyptischen Heeresmassen, die Israel Nacheilen, in den Fluten des Schilfmeeres versinken und vernehmen den jubelnden Dankruf des geretteten Volkes, dem Gott durch die Wellen des Meeres hindurch seine Bahn bereitet hatte. Mit welch wunderbarer Kunst wird hier die Stimmung des Festes, die keiner Steigerung mehr fähig schien, auf einen noch höheren Gipfel emporgerissen! Wir fühlen mit unheimlicher Deutlichkeit die erbarmungslose Hand, die sich nach Israel ausstreckt, um es in die Knechtschaft zurückzuwerfen, und sind nicht nur dessen Zeuge, wie die erlösende und befreiende Liebe Gottes von neuem triumphiert, sondern das gewaltige Schauspiel der Befreiung eines ganzen Volkes gelangt erst in diesem Augenblick zu seineni vollen Abschluß. Indern Israel in majestätisch rauschendem Liede den Ewigen grüßt, springt auch die letzte Fessel, die es noch an die Knechtschaft Aegyptens gebunden hatte, die Frucht vor dem Verlust der Freiheit. Ihrem logischen Inhalt nach bieten uns die letzten Tage des Pessachfestes keinen nerren und eigeneir Gedanken, und dennoch haben sie ihr idlbständiges und reiches Leben, weil sie dem Strom des jüdischen Lebens folgen rind den geschichtlichen Vorgang der Befreiung Israels in seinem allmählichen Verlauf abzubilden suchen. Und diese künstlerische Gestaltung hat nicht nur ihren ästhetischen Reiz, es gelingt ihr auch, die überlegene Kraft der idealen Lebensmächte in ihrer wirklichen Gestalt und ihrem Schicksal viel tiefer zu erfassen und überzeugender darzustellen, als es die rein logische Idee der Freiheit kann. Weist nicht das erregende Auf und Nieder, das uns die Schilderung der Bibel zeigt, auf den wechselvollen Kampf, den im Leben der Völker die reinen, aufwärts führenden Kräfte mit den feindlichen Mächten der Barbarei bestehen? Und erkennen wir in dem Angstruf des in seinem Glück und seiner Freiheit wiederum bedrohten Israel nicht das Bangen unseres eigenen Herzens? Weil aber in der Erzählung der Heiligen Schrift Israel nicht auf gerader Bahn zum Ziel schreitet und seine Freiheitssehnsucht dennoch sich erfüllt, darum haben auch die trüben und schmerzlichen Erfahrungen der späteren Zeit, der tragische Zusaminenbruch des jüdischnationalen Lebens, die Hoffnung ans den Sieg der Freiheit nicht vernichten können, sprechen unsere Weisen mit so unerschütterlicher Sicherheit von dem Befreiungsfest der Zukunft. Wenn nun die Menschen der Gegenwart diesen zukunftsreichen Glauben vielfach nicht besitzen und die Kulturideale der Menschheit ihnen wie fromme Wünsche über den wirklichen Lebensmächten kraftlos zu schweben scheinen, so erklärt sich dieser Mangel an Vertrauen aus der Tatsache, daß unsere moderne Kultur nicht mehr auf dem granitenen Grunde einer religiösen llcberzeugung ruht. Sie läßt sich im besten Falle mit religiöser Anschauung in Einklang bringen, doch ihr Fundament ist von ihr selbst errichtet. Sie hat damit an Selbständigkeit und Objektivität gewonnen, ihre Aufgaben und Probleme treten rein und ungetrübt hervor, aber eines fehlt: die Gewißheit, daß ihr Sehnen und Suchen sich erfüllt, in dem tatsächlichen Ablauf des Lebens ihre Ideale sich verwirklichen. Diese Zuversicht, aus der alle Entschiedenheit und Kraft der kulturellen Arbeit strömt, ist ausschließlich aus religiösem Fühlen zu gewinnen. An dem Tage, an dem Israel am Schilfmeere sein Danklied sang, ist der Thron Gottes, so

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