Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber das einfache, naive, bescheidene Provinzmädchen genügt weder seinem hochfligenden Geist noch seinem zügellosen sinnlichen Temperament; nachdem er sich während des langen Verlöbnisses mit manchen anderen Frauen ans das intimste eingelassen hatte, gelangt er ebenso wie das Mädchen zu der Erkenntnis, daß an ein Zusammenleben nicht zu denken ist. Daher findet eine Trennung statt. Während der Zeit der Verbindung hat Borvwiecki den Traum seines Lebens erfüllt, eine selbständige Fabrik gegründet, in der er keine Schundware liefern, sondern das Beste dem Publikum darbieten will. Aber seine Fabrik brennt während einer kurzen Abwesenheit des Begründers durch Fahrlässigkeit oder wahrscheinlicher infolge eines Verbrechens seines Kompagnons und angeblichen Freundes Moritz Welt ab. Borvwiecki wäre dem Ruin preisgegeben, wenn er nicht in einem reichen deutschen Fabrikanten Müller einen Geldgeber und — Schwiegervater fände. Durch ihn gelangt er zu höchstem Ansehen, zu gewaltigem Reichtum, aber nicht zu innerem Glück, und es bleibt ihm daher nur übrig, ein unbefriedigtes Dasein sortzusühren, in dem er sich freilich bestrebt, das Geschäft in großartiger Weise auszugestalten. Diese Liebes- und Lebensgeschichte, durch unzählige Ab-. schweifungen unterbrochen, wäre an sich interessant genug, aber sie ist im Grunde nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptsächliche, was der Verfasser erzählen will. Ihm kommt es vielmehr darauf an, die gewaltige Stadt mit ihrem unersättlichen Ringen, in ihrem Hasten, ihrem Vorwärtsdrängen, ihrer Gier nach Geld und Besitz, ihrem Verzicht auf jeden Idealismus und alle Sittlichkeit zu schildern, die großartige Fabriktätigkeit darzustellen, wobei ihm offensichtlich Zolas große Arbeiterromane vorgeschwebt haben, ohne daß dem Verfasser die volle Originalität abzusprechen ist. Auch Aehnlichkeit mit einem vergessenen deutschen Romanschriftsteller Ernst Willkomm: Weiße Sklaven kommen vor, die indessen gewiß zufällig sind, da man wohl kaum annehmen darf, daß der Verfasser jenes nur dem Literarhistoriker von Fach zugängliche Werk gekannt hat. In seinem großen Werke stellt Reymont die drei Kreise gegenüber, die in Lodz wie in mancher anderen polnisch-russischen Fabrikstadt auftreten: Deutsche, Juden und Polen. Für die letzteren, seine Landsleute, hat der Verfasser die größten Sympathien. Freilich läßt er auch aus ihrer Mitte manche Schwindler, Nichtstuer, Sinnenmenschen auftreten, ferner rücksichtslose Draufgänger, die nur ihr Ich kennen, — aber ein bißchen Idealismus steckt doch in vielen dieser polnischen Gestalten, namentlich in der sehr sein gezeichneten Anka und in Kurowski, einem Heimatsgenossen des Haupthelden Borowiecki, der das eigenartige Mädchen liebt schon zu der Zeit, da sie mit Borvwiecki verlobt ist. Auch einzelne polnische Grübler kommen vor, die das an amerikanische Muster gemahnende riesenhafte Emporblühen der Stadt sinnend und träumend betrachten, und gerade bei der Schilderung solcher Grübler entfaltet der Verfasser bedeutsames poetisches Talent. Vor allem aber schreibt er den von ihm geschilderten Polen einen gewissen ritterlichen Zug zu, stellt ihr treues Zusammenhalten dar und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß Lodz den Polen gehören müsse und daß ihnen die Aufgabe zukäme, die Stadt von den Eindringlingen zu säubern. Diese Eindringlinge, die freilich einstweilen — nicht für den gegenwärtigen Moment, denn der Roman hat, wie erwähnt, mit dem Weltkriege gar nichts zu tun — noch sehr fest sitzen, sind die Deutschen und die Juden. Beide werden von dem Verfasser mit scheelen Augen angesehen und meist als Karikaturen dargestellt. Die Deutschen, die er vorsührt, sind entweder rücksichtslose Eisen- und Kraftmenschen, die infolge ihrer Stärke und Beharrlichkeit es zu Macht und Reichtum bringen, wie der schon hervorgehobene Fabrikant Müller, denen dabei eine gewisse Biederkeit, aber nicht allzu großer Verstand eigen ist, denn die Tochter des Genannten ist geradezu dumm und der Sohn, wenn auch nicht völlig unbegabt, leichtfertig und frivol, der nur dem Sport huldigt und sich für viel zu vornehm hält, um Nachfolger seines Vaters im Geschäft zu werden. Andere Deutsche, wie der Fabrikant Buchholz, sind gemeine Bedränger ihrer Arbeiter, die unter dem Scheine eines gewissen Philanthropinismus die Ausbeutung aller anderen in infernalischer Weise betreiben, oder es sind gemeine Sinnenmenschen wie ein Herr Keßler, der jeder Arbeiterin nachstellt, einen förmlichen Harem hält, aber schließlich als Opfer seiner Sinnenlust zugrunde geht in einem übrigens wunderbar geschilderten Kampfe mit dem Vater eines von ihm verführten Mädchens. (Dies ist die Stelle, die eine gewisse Verwandtschaft mit dem oben berührten Roman Willkomms hat.) Endlich treten unter den vorkommenden Deutschen zurückgebliebene Träumer aus, wie der alte Baum, der Vater des Kompagnons Borowieckis, seltsame Menschen, die in dem Zeitalter der Maschinen sich nicht daran gewöhnen wollen, von der Handarbeit zu lassen. Am ärgsten kommen indessen die Juden fort, Männer und Frauen. Die letzteren sind entweder wie Frau Lucy Zucker, die mit Borvwiecki einen leidenschaftlichen Liebeshandel unterhält, frivole sinnliche Weiber oder schwache, sentimentale Frauenzimmer wie Fräulein Mela Grünspan, die einen ausgezeichnet geschilderten tüchtigen menschenfreundlichen, natürlich polnischen Arzt christlichen Glaubens namens Wisocki leidenschaftlich liebt, aber da sie den Widerstand ihrer Familie nicht zu beugen versteht, sich mit dem schon erwähnten Moritz Welt, einem vollkommenen Lumpen, von dem noch die Rede sein muß, verheiraten läßt, oder es sind wie Rosa Mendelssohn, eine verwachsene, unendlich reiche junge Dame, melancholische Frauen, die das Mißgeschick ihrer Verwahrlosung betrauern. Die jüdischen Männer sind fast ausnahmslos die schlimmsten Verbrecher: Fabrikanten, die ihre Fabriken anstecken, sobald es ihnen nicht gut geht, Händler, die die ärgste Schundware verkaufen, Kaufleute, die jedes noch so unlautere Mittel ohne Bedenken anwenden, um emporzukommen, dabei äußerlich fromm, wie einer der schlimmsten, zugleich der reichsten, Mendelssohn, die sich zu ihren niedrigen, verruchten Manipulationen durch Gesang und Gebet stärken. Diese ganze Galerie der Herren Großglück, Grünspan, Mendelssohn und wie sie alle heißen, übrigens alle mit höchster Virtuosität geschildert, wird von der Gemeinheit und Schurkerei übertroffen, durch welche Moritz Welt, ein Jugendfreund, ja ein Intimus Borowieckis, alles daran setzt, um jenen zu verderben, ein Verbrecher, der sich an dem Mißgeschick seines Freundes weidet, der die schlimmsten Betrügereien ausübt und schließlich doch zu Ansehen und Vermögen gelangt. Diese jüdischen Kreise werden nicht etwa nebenbei geschildert, sondern sie bilden eine sehr ausgiebige Partie des großen Werkes. Aus diesem Grunde mußte die Aufmerksamkeit auf diesen Roman an dieser Stelle gelenkt werden. i i s I J