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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-06 · Heft 14 (6.4.1917) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 verschiedensten Hilfszwecke jüdische Wohltäter in der überwiegenden Mehrzahl find. Da-ei^erden fortwährend neben den allgemeinen Spendensammilungen zahlreiche speziell Mische veranstaltet. Der genannte Verein ergänzt die staatliche Kriegswaisenfürsorge, welche sich daraus beschränkt, für die in Anstalten untergebrachten Kinder je 1 Krone 50 Heller Pro Tag zu zahlen, indem er für die Ginrichtung der Anstalten und die Ausstattung der Kinder Beiträge gewährt. Noch kein volles Jahr bestehend, hat er bereits über eine Million Kronen aufgebracht und für 960 in Waisenheimen -und 2895 in Familienpflege befindliche Waisen Zuschüsse gewährt. Er entlastet dabei zugleich die große, hauptsächlich mit amerikanischen Geldern geleitete Hilfsaktion der Israelitischen Allianz, welche nach einer kürzlich vom Vorstande angegebenen Mitteilung monatlich 600 000 Kronen für Unterstützungen an die in ganz Oesterreich zerstreuten Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, ferner an die notleidenden Gemeinden in Galizien selbst und in Russisch-Polen (österreich-ungarisches okkupiertes Gebiet) verteilt. Während die Säule der Wohltätigkeit stolz in die Hohe ragt, kann man dies von den beiden anderen traditionellen Säulen des Judentums (Thora und Gottesdienst) mit Bezug auf die Großge-meinde hier nicht gerade behaupten. In der kürzlich abgehaltenen bewegten Budgetdebatte des Gemeindevorstandes klagte Hosrat Dr. Löwner — ein von den besten Intentionen beseeltes, der Reform zuneigendes Mitglied des Kultusvorstandes —, daß der Religionsunterricht sehr im argen liege. Er berief sich auf das Zeugnis eines der Gemeinderabbiner, welcher zugleich Inspektor für den Religionsunterricht ist, wonach die Schüler im Gymnasium das wenige Hebräisch, das sie in der Volksschule -mühsam erlernt hatten, trotz des obligatorischen weiteren Unterrichts ganz vergessen. Merkwürdigerweise hat erst in einer der jüngsten Nummern der „Neuen Jüdischen Monatshefte" ein deutscher Rabbiner wieder darüber geseufzt, daß in Preußen dem jüdischen Religionsunterricht, dem Rabbineramte, der jüdischen Militärseelsorge der amtliche Gharakter fohle. Bei uns in Oesterreich aber wird das Judentum von der außeramtlichen Anerkennung geradezu erdrückt, es geht an ihr zugrunde. Der Religionsunterricht ist nicht nur obligatorisch und staatlich bezahlt (die Professoren sind im Staatsdienste den anderen vollkommen gleichgestellt), sondern bildet den ersten Gegenstand in jedem Schulzeugnis. Das hindert aber nicht, daß mit Ausnahme derjenigen Schüler, die aus religiösen Familien stammen und zu Hause hebräisch lernen, die Jugend nach vieljährigem bis in die oberste Gymnasialklassen zweimal wöchentlich genossenen und mehrmals im Schuljahre zum offiziellen Prüfungsgegenstande gemachten Religionsunterricht in juänieis vollkommen unwissend ist und auch oh ne inneres Interesse für die Religionsgemeinschaft die Schule verläßt. Die besten Lehrer müssen beide Augen zudrücken und sich zufrieden geben, wenn in jeder Klasse sich ein paar ernster veranlagte Schüler finden, die freiwillig etwas lernen — die aber auch in einem nichtobligatorischen Kursus dasselbe oder viel mehr sich aneignen würden. Der Rabbiner hat in Oesterreich die volle staatliche Anerkennung. Das hindert nicht, daß er in der Gemeinde zumeist ganz ohne Einfluß ist. Die jüdischen Militärseelsorger sind in Rang und Gehalt vollkommen den anderen gleichgestellt. Aber mit Neid schauen manche bei uns auf die lediglich durch ihre innere Bedeutung zur Anerkennung gelangte soelsovgerische Tätigkeit der reichs-deutschen Feldrabbiner, deren ^Berichte von der Front von Zeit zu Zeit erscheinen. Mehr kann derzeit -darüber nicht gesagt werden. In derselben Budgetdebatte hat einer der Gemeindevertreter, ein Advokat, der für seine Person, soweit bekannt. es mit den Speisegesetzen durchaus nicht so genau nimmt, aber nach außen als orthodox gelten will, gegen die Reformrabbiner des vorigen Jahrhunderts gewettert und im Gegensatz z» -denselben die Schöpfer der jüdischen Wissenschäft emporgchoben. Dabei weiß dieser Mann ohne Zweifel von Abraham Geiger und ebenso, daß sogar die Forschungen in hebräischer Sprache von S. I. Rapaport, N. Krochmal, A. H. Weiß im Kampfe gegen die Orthodoxie entstanden sind. Aber Mundus vult decipi. Und „das ganze Volk sieht den Donner und die Flammen" der religiösen Begeisterung seiner Kultusvorsteher — und weiß, wie wenig ernst es zu nehmen ist. -Der in Rede stehende Panegyriker der religiösen Studien ist zugleich einer der Vorsteher des Wiener „Beth hamidrasch". Dieses Institut, in welchem namentlich seit Kriegsbeginn aus der Mitte der gebildeten galizischen und Bokowiner Flüchtlinge — Rabbiner, Lehrer, Schriftsteller, Privatgelehrte — eine -große Zuhörerschaft sich zweimal wöchentlich drängte, welche in Dr. Kaminkas religionsphilosophischen Vorträgen (Maimonides More Nebuchim) Trost und Belehrung suchte, mußte mitten im Winter wegen Kohlenmangels gesperrt werden, da der Vorstand in seinem Mangel an Interesse nicht für die Beheizung des Lehrsaales gesorgt hatte. ämittru. Nochmals Gründung einer Urbeits-- gemeinlchskt der Mbilch-Liberalen Iugendoereine. Von RechtsanwaltVH e i n r i ch Stern (Berlin). u meiner unter obigem Titel erschienenen Mitteilung in Nr. 8 sind mir einzelne Erklärungen zugegangen, aus denen ich ersehe, daß diese Mitteilung so aufgefaßt worden ist, als sei die Gründung der Arbeitsgemeinschaft im bewußten Gegensatz gegen den neutralen Verband der jüdischen Jugendvereine in Deutschland erfolgt. Diese Ansicht ist ein bedauerliches Mißverständnis, dem ich sofort entgegentreten möchte. Schon am Schluß meines Artikels habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Arbeitsgemeinschaft, wie schon ihr Name sagt, keine Kampsorganisation ist, sondern lediglich gegründet wurde zum Zwecke positiver religiöser Jnnenarbeit. Sie hat keinerlei Spitze gegen den Verband der neutralen Jugendvereine; im Gegenteil wurde bei der Posener Tagung ausdrücklich betont, daß die Arbeitsgemeinschaft stets dafür zu haben sein wird, die Jugendvereine aller Richtungen zu einem neutralen, nach außen geschlossenen Verband zu vereinen. Selbstverständlich müßte jeder einzelne Verein in seiner Eigenart und Parteirichtung unangetastet bleiben. Diesen Gedanken halte ich für fruchtbringend, da es auf dem Gebiet der jüdischen Jugendbewegung genug gemeinsamen Boden gibt, aus dem die Jugendvereine aller Richtungen zusammen arbeiten können. Die Arbeitsgemeinschaft wird stets bereit sein, diesen Schritt zur Vereinheitlichung des Judentums nach außen hin zu fördern und mitzumachen. W. St. Keymont: Lod?. ' ie gerade in den ersten Jahren des Weltkrieges vielgenannte polnische Stadt Lodz steht im Mittelpunkte eines neuen Romans, eines gewaltigen Werkes, von dem ich meinen Lesern gern Kenntnis gebe. Gewaltig schon aus dem äußeren Grunde, daß es durch seine 525 eng gedruckten Seiten einen Umfang einnimmt, der in gewöhnlichem Romandruck für drei Bände ausgereicht hätte. Der Verfasser ist trotz seines französisch klingenden Namens ein Pole, der, wie ich von einem -) W. St. ReYmon-t: Lodz, das gelobte Land. Rom-an. München, Georg Müller. 1916.

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