Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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163 — „De Telegraaf" hat sich geweigert, die Richtigstellung aufzunehmen — die Angelegenheit folgendermaßen rektifiziert: „ . . . Wahrend des Krieges fand ich. häufig Gelegenheit, mir rusfisch-pelMschen Juden zu sprechen; keiner von ihnen wollte noch etwas von Rußland wissen. Alle wünschten unter der deutschen Verwaltung M bleiben» Diese Stimmung kann nur begreifen, wer sich einigermaßen eine Vorstellung zu machen vermag von dem unermeßlichen Leid und den Verfolgungen, die die Juden vor und während des Krieges von den russischen Regierungshelfern zu erdulden harren. Auch wir, galizische Juden, mit denen Rußland, während es unser Land verwüstete, unsere Frauen und Schwestern schändete, unsere Häuser m-ederbrannte, im besonderen Krieg führte, können vieles mitteilen aus jenen Tagen, das alles, was während dieses wahnsinnigen Krieges vorgefallm, in den Schatten stellt. Ich fühle mich, als hier lebender ostjüdischer Schriftsteller, verpflichtet, gegen diesen Ihnen vom „Jüdischen Korrespondenzbureau" übermittelten Bericht zu Protestieren und ich glaube, aus dem Herzen Tausender unglücklicher Juden zu sprechen, wenn ich erkläre, daß wir die Niederlage des Zarenreiches, dieses größten Henkers und Folterers des Judentums, von ganzem Herzen wünschen." In Fühlung mit diesem Korrespondenzbureau trat hier eme aus Auswanderern rekrutierte jiddische Schauspielgesellschaft auf, die sich natürlich auch in antideutschem Fahrwasser bewegte, aber daber solchen Unsinn verzapfte, daß kein vernünftiger Mensch die Vorstellungen besuchte. Die paar Menschen, die den Mut dazu besaßen, oerscheuchte eine kurze Kritik des Herrn Dembitzer im „Allgemeen Handelsblad". Die hiesigen deutschfeindlichen Jrwen und ihre österreichischen Freunde werden somit zu andern Mitteln greifen müssen, um eine erfolgreiche Deutschenhetze in Szene setzen zu können. * Unmittelbar nachdem diese Nummer in die Hände unserer Lesier kommt, feiern wir unser Frühlings- und unser Besreiungssest. Es ist unser aller Herzenswunsch, unsere tiefe Sehnsucht, daß von diesem Feste an eine neue Epoche für die Welt beginne, daß Friede, Frühling und Freiheit, nach denen wir so lange vergeblich ausschauten, endlich der Menschheit gewährt werden mögen. Ein Veteran des Ksbbmerltandes. Von I. Elbogen. as seltene Fest des goldenen Amtsjubiläums begeht der Rabbiner der Breslauer Synagogengemeinde, Dr. Ferdinand Rosenthal. Seit fünfzig Jahren füllt er an verantwortungsreicher Stelle seinen Platz in der deutschen Judenheit aus und noch heute waltet er im hohen Alter in vorbildlicher Pflichterfüllung seines heiligen Amtes. Am Pessachseste 5627, 19. April 1867, wurde er in Beuchen (Qhxrschlesien) als Rabbiner eingeführt, im Herbst 1887 von dort nach Breslau berufen. Wenn auch sein Name nur an diese beiden Gemeinden geknüpft ist, so erstreckte sich der Kreis seiner Wirksamkeit und seines Einflusses doch fast über die gesamte Provinz Schlesien und, da im Osten unseres Vaterlandes eine starke Neigung zur Wanderung besteht, weit darüber hinaus auf alle Teile des Reiches. Denn allen, die chm einmal näher getreten sind, hat sich das Bild eines bedeutenden, reichbegabten Mannes, das Bild einer edlen, herzgewinnenden Persönlichkeit tief eingeprägt, und weitverbreitet ist die ihm in inniger Verehrung zugetane Gemeinde. Nicht minder groß ist das Arischen, dessen er sich in den Kreisen der Sachverständigen, in den Kreisen seiner Berussgenossen erfreut, das. in der Wahl zu wichtigen Ehrenämtern seinen Ausdruck fand. An der Grenze zweier Entwicklungszeiten, 1838 in Kenese (Ungarn) geboren, vereinigt Rosenthal in seiner Person die Vorzüge des alten und des modernen Rabbiners. Schön den jungen Anfänger zeichnete eine reiche talmudische Gelehrsamkeit aus, so daß er keinem Rabbiner der alten Zeit nachstand, vor keinem Lamdan alten Schlages zu erröten brauchte. Dabei aber stand er auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung und war erfüllt von echt wissenschaftlichem Geiste, den er sich in ernstem Streben angeeignet hatte und zur tieferen Erfassung des überlieferten jüdischen Schrifttums anwendete. Er übte wie ein alter Rabbiner unermüdlich Liebestätigkeit in seiner Gemeinde aus und nahm willig die Forderungen der modernen sozialen Arbeit in sein Programm auf, er widmete sich wie ein Rabbiner der alten Zeit der Seelsorge und wirkte dabei wie ein moderner anregend und anfeuernd auf Kanzel und Katheder. Auch in seiner religiösen Auffassung erstrebte er eine Versöhnung des überlieferten Judentums mit modernen Gedanken. Er bekennt sich zur konservativen Richtung, als treuer Vertreter der Tradition waltet er seines Amtes. In jungen Jahren besuchte er Dr. Israel Hildesheimers Jeschiwah in Eisenstadt; er hat die von seinem Lehrer dort vertretene mittlere Richtung stets time gehalten. Bei aller persönlichen Strenge in der Anschauung und in der Lebensführung hat er sich niemals einer Partei angeschlossen, sondern unbeirrt den Weg verfolgt, aus den sein Wissen und sein Gewissen ihn als den richtigen verwiesen. Er hat sich um den Frieden in seiner Gemeinde die höchsten Verdienste erworben und auch die Einigkeit unter den Standesgenossen gefördert. Als erster nichtliberaler Rabbiner schloß er sich dem deutschen Rabbinerverbande an und arbeitete dadurch der später erfolgten Einigung vor. Höher als alle Parteistarrheit galt ihm die Hingebung an das Judentum, höher als alle Unentwegbheit stand ihm die Einigkeit, stand ihm die Sache des Friedens. Religiöse Kämpfe blieben auch chm nicht erspart, er hat sie für sich in seinem Innern ausgefochten, er hat seine Gemeinde ebensowenig darunter leiden lassen wie unter den schweren Schicksalsschlägen, die ihm das häusliche Glück trübten und die er in Duldergröße still trug. Der Ueberlieferung gemäß „widmete er seine Zeit der Thora" und empfand Freude daran, begabte Jünger in den Talmud einzuführen, aus innerer Neigung verband er damit eindringende wissenschaftliche Studien. Eine Reihe von Arbeiten, die aus seiner Feder hervorgingen, bedeutet eine wertvolle Bereicherung der Wissenschaft. Ein reger Gedankenaustausch fand zwischen ihm und David Kaufmann statt, mit dessen in der Blüte der Jahre, 1911, Heimgegangener Schwester er ein Menschenalter in glücklichster Ehe vermählt war. In dem in Verein mit M. Brann zu Ehren des früh vollendeten Gelehrten herausgegebenen Gedenkbuch widmete ihm Rosenthal eine von verwandtschaftlicher Treue und Wehmut, aber dennoch von echt wissenschaftlichem Geiste getragene Biographie. Sein eigentliches Stüdiengebiet erstreckte sich auf Fragen der Geschichte und Literatur aus der dem Talmud nahen Epoche. Aus die Erstlingsarbeit „Ueber das erste Makkabäerbuch", mit der er sich 1866 den Doktortitel erwarb — die Universität Leipzig hat ihm vor einigen Monaten unter den ehrendsten Ausdrücken das Diplom erneuert —, folgten u. a.: „Vier apokrhphische Bücher"; in die Geschichte jener Periode gehören u. a. „die Erlasse Cäsars" und die Senatskonsulte in Josephus' „Das Sikarikongesetz". Auch eine vorzügliche hebräische Abhandlung über „die Bibelübersetzung des Onkelos" ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Eine Zusammenfassung der Studien über die Entstehungszeit des Talmuds geben die Noten, mit denen Rosenthal die Hl. Auflage von Graetz, Der Kriegsanleihe zeichnet, fördert den Frieden.