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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-06 · Heft 14 (6.4.1917) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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werden und nicht erfüllen können. Trotzdem wissen wir selbst am besten, daß auch wir von einem endgültigen Siege noch weit entfernt sind; wir dürfen Amerika als kriegführende Macht nicht unterschätzen: Amerika, das nunmehr als elfter Feind sich an die Seite unserer Gegner gestellt hat. Wir haben von unseren Gegnern nie klein gedacht, deren Mut und Tapferkeit gewiß als höchst achtungswert eingeschätzt, aber wir find heute wie vor fast drei Jahren von dom unerschütterlichen Glauben an unseren Triumph, von der festen Hoffnung auf einen endgültigen Sieg unserer gerechten Sache erfüllt. Und endlich hoffen wir, daß die Wirkung unserer Blockade statt der uns angedrohten und der gegen uns vergeblich durchgeführten das stolze England endlich niederzwingen muß. Die Folge der Vernichtung unzähliger Schiffe, der verhinderten Ausfuhr und der in noch höherem Grade verminderten Einfuhr, die in Frankreich und Italien schon lange zutage treten und dort einen äußerst empfindlichen Mangel erzeugen, machen sich auch in England bereits sehr fühlbar: Man spricht auch dort von einer Rationierung der Lebensmittel, von Beschränkungen aller Art, von Konfiskationen aller Waren durch die Regierung. Das Prahlerische Jnselvolk, das drohte, uns auszuhungern, beginnt sehr stark an den Folgen der Maßregeln zu leiden, die, solange sie von England durchgeführt wurden, als gerechte Behandlung Deutschlands ausposaunt wurden, nun aber, da sie gegen England angewendet werden, als Barbarei gebrandmarkt werden. Es ist nur die gerechte Vergeltung der völkermordenden Theorien jenes siegessicheren Volkes, das sich als Beherrscherin der Meere und als Herrin des Weltalls dünkt; möge es, das ist unsere Hoffnung, das Leid an seinem eigenen Leibe erfahren, das es uns zuzufügen sich stolz vermaß. * EinekleineJudende batte gab es am 26. März, im deutschen Reichstag. Bei Gelegenheit der Reichseifenbahnsrage leistete sich der Abgeordnete Bruhn folgende Ansprache: Alle Stände bis auf die Kriegsgewinner leiden unter dem Kriege, warum trägt man uns da die Klagen der Rechtsanwälte vor, die übrigens in Berlin ihre Gebühren über das Gesetz hinaus um 25 Prozent erhöht haben. Die Namen gewisser Wucherer werden von der großen liberalen Presse, z. B. dem „Berliner Tageblatt", sorglich verschwiegen. Das Volk weiß aber trotzdem, daß immer eine gewisse Spezies anzutreffen ist, wo es Wucher gibt. Da man ahnt, daß die freie Besprechung nach dem Kriege Unangenehmes zutage fördern wird, hat der Zentralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens ein Rundschreiben erlassen, wonach auch die Namen christlicher Kriegswucherer gesammelt werden sollen. Auch in anderen Kreisen verbreitet sich diese Stimmung immer mehr und mehr, von liberaler Seite ist das Wort gefallen: Man müsse erst Jude werden, um Kriegslieferant zu werden. Darauf antwortete der sozialistische Abgeordnete Landsberg: Der Abgeordnete Bruhn hat auf Grund seiner rednerischen und publizistischen Leistungen von jeher Anspruch darauf, daß man von seinem Geschmack eine ganz besonders hohe Meinung hat. Aber heute ist es ihm gelungen, die Ansicht des Reichs^ tags über seinen Takt noch zu übertrumpfen. ES gehörte wirklich ein ganz besonderes Feingefühl zu dieser Rede, die man, wenn man parlamentarisch bleiben will — und der Abgeordnete Bruhn ist mir keinen Ordnungsruf wert —, nicht kennzeichnen kann und die gehalten ist in einer Zeit, in der Deutsche aller Konfessionen ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergießen, um Deutschland zu verteidigen. Ich bin neugierig, was der Fraktionskollege Bruhns, Dr. Arendt, zu dieser Rede sagen wird. Abg. Bruhn hat den deutschen Reichstag mit der Redaktionsstube der „Wahrheit" verwechselt, und im Interesse des deutschen Reichstage lege ich dagegen aus das entschiedenste Verwahrung ein. Wenn ev gemeint hat, es fei immer wieder eine gewisse Spezies, auf die man stoße, wo Wucher allzutreffen sei, so kann ich ihm nur den Kehrreim einer alten Berliner Posse entgegenhalten: Ob Christian oder Jtzig, 's Geschäft bringt's mal so mit sich! Wir wissen alle, daß der Wucher keine konfessionelle Erscheinung ist. Wenn Abg. Bruhn das nicht weiß, tut er mir leid; und wenn er es weiß, es aber nicht gesagt hat, so gehört er zu den Leuten, mit denen ich nicht polemisiere, weil ich nur mit solchen Leuten polemisiere, bei denen ich den Willen zur Wahrheit voraussetzen kann. Nach einer witzlosen Entgegnung Bruhns, der sich unter anderem so weit verstieg, zu sagen: „Beim Wucher seien immer neun Jtzige und ein Christian", erwiderte der Abgeordnete Ablaß: Wir legen schärfste Verwahrung ein gegen die Art und Weise, wie Herr Bruhn hier in durchaus verletzender Weise gegen bestimmte Kreise unseres Volkes vorgegangen ist. Gerade die Kriegszeit eignet sich nicht zu derartigen Hetzreden. Jetzt tut jeder Bürger nach besten Kräften seine Schuldigkeit, und es wird Herrn Bruhn niemals gelingen, nachzuweisen, daß die deutschen Juden irgendwie in der Opferwilligkeit zurückstehen. Herr Bruhn hat so getan, als ob der Wucher nur in jüdischen Kreisen anzufinden wäre. Wir bedauern außerordentlich, daß derartige Töne überhaupt in diesem Haus angeschlagen worden sind, wo wir alle nur das eine Bedürfnis habeir sollten, in Eintracht zusammenzustehen. Es ist aufs tiefste zu bedauern, daß die kleine antisemitische Partei die Redefreiheit zu so gröblichen Verletzungen der Wahrheit und zu so schlimmer Verhetzung gegen die Juden benutzen oarf. 0 Jede freiheitliche Regung in Preußen und Deutschland begrüßen wir mit Freude. Daher konstatieren wir gern, daß im preußischen Herrenhause gegenüber dem Vorstoße einzelner Ultrakonservativen, die kein Titelchen ihrer Privilegien opfern wollen, freisinnige Forderungen nach Neuorientierung laut geworden sind, die in den Erklärungen der leitenden Minister Zustimmung gefunden haben. Bon demselben Gesichtspunkte aus sei hier nach dem „Berliner Tageblatt" nachstehendes erwähnt, obgleich wir uns mit den monistischen Bestrebungen keineswegs identisch erklären können. Denn höchst sympathisch muß uns in dieser Erklärung die geforderte Gewissensfreiheit anmuten, die z. B. jede Judenzählung und jede Frage nach der Konfession energisch abweist. Diese Erklärung lautet: Eine Eingabe über die G c \x> i f f e n s frei h e t t. Aus Weimar schreibt unser Korrespondent: Das Kartell freigeistiger Vereine Deutschlands hat an den Reichskanzler und die deutschen Bundesregierungen eine Eingabe über die Gewissensfreiheit gerichtet, aus der folgende Leitsätze zur Orientierung wiedergegeben sein mögen: 1. Die Zulassung zu einem Reichs-, Staats- oder Gemeindeamt und seine Ausübung darf in keiner Weise mehr von konfessionellen Rücksichten bestimmt werden. 2. Kein Deutscher darf vor Gericht zur Ableistung einer Eidesformel gezwungen werden, die seinem Gewissen widerstrebt. 3. Kein Deutscher darf gezwungen werden, sein Kind in einen Religionsunterricht zu schicken, der seiner eigenen Ueberzeugung widerspricht. 4. Kein Deutscher darf außer zu statistischen Zwecken staatlicherseits nach seiner Religionszugehörigkeit befragt werden. 5. Alle deutschen freireligiösen, freidenkerischen, monistischen, ethischen mW ähnliche Organisationen, die die oben erwähnten Ideale pflegen, nämlich: Erziehung des Willens zur Sittlichkeit, zu starker Vaterlandsliebe, zur Solidarität aller Volksgenossen in werktätiger gegenseitiger Hilfe und darüber hinaus zu einem humanitären Gemeinschaftsgefühl der gesamten Kulturmenschheit erlangen vor dem Staate in jeder Beziehung die volle Gleichberechtigung mit den bisher anerkannten Religionsgemeinschaften und die Befreiung von allen sie beschränkenden und sie gegenüber anderen Personengemeinschaften einengenden Bestimmungen der Reichs- und Landesgesetzgebung. Freilich hat sie alsbald eine Bekämpfung durch eine autoritative Stelle erhalten, denn im preußischen Herrenhause hielt der Kultusminister eine Rede, in der es hieß:

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