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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-06 · Heft 14 (6.4.1917) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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- 160 haben. Verprügelt die Eltern, bei dem Kinde aber fangt mit der Erziehung von vorn an! Kann die Menschheit wirklich nur auf gesetzlichem Wege erzogen werden oder geht es auch mit dem moralischen Prinzip allein, dem das kriminelle nur zur Seite stehen soll? Es gilt noch einen großen Versuch, der allerdings mit aller Zähigkeit, Geduld und Konsequenz vielleicht mehr als ein Jahrhundert braucht. Wir kennen des Menschen Schwäche: er kann der Energie seiner Triebgefühle nur schwer widerstehen. Und doch hieße es abdizieren, wollten wir auf die Erziehung durch das moralische Prinzip verzichten. Machen wir des Menschen Schwachheit zu unserer Kraft! Binden wir die Triebgesühle an ein Edelgesühl durch den ihm innewohnenden Instinkt! Gewiß, das Ideal ist es nicht. Ein schwerer Widerspruch zu Kants großer Forderung der guten Tat aus Freiheit und reiner Sittlichkeit; ebenso ein Widerspruch zu den Forderungen der geistigen Heroen sowohl des Judentums als des Christentums. Aber praktische Erziehung, die dem Menschen gilt, kann ohne Rücksichtnahme auf die ganze Art des Menschen nicht bestehen. Erziehung zum Gemeinschaftsgefühl, zu diesem Edelgefühl, das zugleich Triebgefühl ist, und durch dasselbe zu allem Edlen, sei in Zukunft das große Ziel ver Religionen und der Schulen. Die Sünden der Vergangenheit wollen wir vergessen: pecoatur intra muros et extra. Wird der Krieg zu Ende gegangen sein, mögen wir uns zu gemeinsamer Arbeit im Dienste des Gemeinschaftsgefühls überall friedlich zusammentun. Uns Juden aller Länder sei aber der Pessachabend eine große heilige Mahnung. Für den sozialen, religiösen und politischen Fortschritt überall einzutreten ist unsere selbstverständliche Pflicht. Soll aber der Fortschritt nicht durch krassen Individualismus zu allgemeiner Zersetzung führen, muß er vom Gemeinschaftsgefühl getragen und gehalten sein. Wie uns die Pessachfeier für die Dauer eines Abends durch die Liebe zum Ganzen zu reinster sittlicher Lebensauffassung emporhebt, so möge in jedem, auch dem geringsten von uns, das Gefühl für das Ganze lebendig wirken zum Segen unserer engeren und weiteren Gemeinschaft. „En schiur rak hattauro hasaus!" Nur ein Höchstes ist uns geblieben: die Ehre unserer Thora. Dieses Ehrgefühl sei unser Erzieher zur sittlichen Pflicht. Kein materielles Wohl, keinen noch so großen äußeren Erfolg laßt uns erkaufen mit der Ehre unserer Gesamtheit. Sei es auch aus allerpersönlichstem Interesse: ein Edelgefühl, zugleich mächtiges Triebgefühl! Sir Woche. Berlin, den 3. April 1917. ine in den letzten Tagen verbreitete Zeitungsnachricht bestätigt die Ansicht, als wenn in Rußland die Lage der Juden sich bessern wollte. Es heißt nämlich, daß die russische Regierung zwei jüdische Rechtsanwälte. Winawer und Rosenberg, in den Senat berufen hat. Das ist ein Novum, und zwar ein sehr erfreuliches, das wir gern buchen. Ob der neuen Regierung ein langes Leben beschieden ist oder ob sie, wie von vielen Seiten vermutet wird, bald einer Republik Platz machen wird, die Sache der Juden müßte, so sollte man meinen, damit nur gewinnen, und so wollen wir auch hier hoffen, das einzige, was in den schweren Zeiten uns übrigbleibt. Freilich müssen wir im Hinblick auf Rußland eine andere Hoffnung zu Grabe tragen, die bei manchen Politikern aufkam, als die erste Kunde von der russischen Revolution verbreitet wurde, nämlich die, daß die neue russische Regierung bestrebt sein werde, auf den Frieden hinzuarbeiten. Im Gegenteil haben die neuen Machthaber mit fast noch größerer Entschiedenheit als die früheren den Krieg gegen Deutschland bis aufs Meffer als ihr Programm verkündet; Während der deutsche Reichskanfler im deutschen Reichstage vor aller Welt erklärt hat, daß die deutsche Regierung es weit von sich weise, in die inneren Verhältnisse Rußlands irgendwie einzugreifen, versuchen russische Politiker aller Parteien, die blöde Masse zu einem neuen ingrimmigen Haste gegen Deutschland dadurch anzustacheln, -daß sie die falsche Meinung verbreiten, Deutschland sei von dem Streben erfüllt, die alten russischen Zustände wiederherzustellen. Aber auch in diesem Falle wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß eine bessere Einsicht endlich Platz greifen wird. Hoffen müssen wir ferner auf eine endgültige Umgestaltung der Witterung, auf ein Nahen des Frühlings. Der trostlose, lange Winter beginnt nicht bloß den Naturfreund, sondern auch alle Ernstdenkenden, die wissen, welche Notwendigkeit eine gute Ernte für unsere Ernährung ist, mit ernstester Sorge zu erfüllen. Während es sonst Ende März überall zu grünen beginnt und man dem wetterwendischen April alles Böse schuld gibt, bringt der Beginn des April uns einstweilen nur eine leise Besserung der abscheulichen, nun fast drei Monate dauernden Witterung. Wagt sich auch bisweilen die Sonne schüchtern hervor, so wird sie entweder bald durch trübe Wolken verjagt oder sie besitzt, wenn sie auch ungestört ein paar Stunden ihren Platz behalten kann, noch nicht Kraft genug, um der Erde Sprostenskraft zu geben und den Menschen Frohsinn ins Herz zu gießen. Hoffen wir auch, daß trotz der schweren Zeit und trotz der Sorgen, die jeden einzelnen bedrücken, sowohl der materiellen als der Sorge um die Gestaltung der Zukunft, die neuen Mittel beschafft werden zur Fortführung des Krieges. Zeichnet die VI. Kriegsanleihe. Zwar sind die Verkündungen der Zeitungen von Millionenzeichnungen der großen Institute (der Sparkassen, der Städte, der Provinzialbezirke) höchst erfreulich, fast noch erfreulicher die große erfolgreiche Werbetätigkeit, die in den Schulen entfaltet wird. Aber man weiß von den früheren Kriegsanleihen, daß, ein so er- -klecklicher Anteil auch diesen großen Summen zukommt, dir nötigen Milliarden nur dann zusammenströmen, wenn der Mittelstand und auch der kleine Mann, wenn die Millionen Deutschen, die nicht zu den Reichen, nicht einmal zu den Vermögenden gezählt werden, wenn jeder einzelne, der irgendwie verfügbares Geld besitzt, oder in der Lage ist, sich solches zu schaffen, alles flüssig macht, um es dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß es die heiligste Pflicht aller Daheimgebliebenen, aller derer, die nicht unmittelbar unter dem Kriege leiden, ist, alle? zu tun, um die Mittel zu schaffen, die nötig sind zum Durchhalten, zur glorreichen Beendigung des furchtbaren Krieges Jeder Deutsche muß seiner Pflicht eingedenk sein. Sodann steht unsere Hoffnung auf unserer Flotte und unserem Heer. Von eigentlichen Kriegsmeldunge» liegt nicht viel vor. Im Mittelländischen Meer sind jüngst wieder 31 000 Tonnen versenkt; eine neuerliche Meldung spricht von ferneren 50 Schiffen und 90 000 Tonnen, die versenkt worden sind. Ein Vorstoß unserer Flotte gegen die englische Küste hatte gute Wirkungen und Erfolge. Auch zu Lande werden gegen Rußland, gegen Italien, selbst gegen Frankreich glückliche Vorstöße gemeldet; die Zahl der Gefangenen und der Kriegsbeute steigt beständig, und die Gegner, die freilich nicht müde werden, mit Phrasen von einer Niederwerfunsi Deutschlands sich gegenseitig Mut zuzusprechen und den Neutralen Sand in die Augen zu streuen, kommen, so hoffen wir. allmählich zur Erkenntnis, daß ihre prahlerischen Verheißungen von einem solchen Niederringen, das sie bestimmt für das Frühjahr 1917 in Aussicht stellten, sich nicht erfülle»

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