Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
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159 dringlicher wirken, sehen wir z. B. an der Liebe zwischen Eltern und Kindern, an der Entrüstung der Gesellschaft, wenn irgendwo gegen dieses Gefühl gesündigt wird. Wir haben eben hier ein entschiedenes Triebgefühl, das doch auch Edclgefühl ist. nicht reiner Instinkt. Und wie mächtig das Gemeinschaftsgefühl sein kann, ersehen wir aus den Großtaten seines Einzelteils, des Patriotismus, zu allen Zeiten und bei allen Völkern. Wir ersehen es auch aus der außerordentlichen Empfänglichkeit, die jedermann diesem Gefühl entgegenbringt, wenn es einmal in ihm entzündet und angefacht tvird; aber auch an dem Widerwillen und der allgemeinen Auflehnung gegen den. der sich an ihm versündigt. Wir werden also sagen können, daß das Gemeinschaftshochgefühl, das den frommen Juden an seinem Pessachabcnd ergreift und ihn geradezu zwingt, für diesen Abend alle sozialen, religiösen und politischen Unterschiede in dem Rahmen seiner Gesamtheit fallen zu lassen und sich sonach für die Dauer einiger Stunden zu höchster Kultur und sittlicher Lebensauffassung aufzuschwingen, nicht ein Ergebnis nur der momentanen Stimmung ist. sondern der suggestiven Macht eines Edelgefühls, das zugleich Triebgefühl ist. * An der systematischen Erziehung zu diesem Gemeinschaftsgefühl hat es aber bis jetzt allenthalben gefehlt. Namentlich hat sich ihm das Ehristentum beinahe feindselig entgegengestellt. Es hat hierin das Erbe Roms angetreten. So inächtig in Rom in den republikanischen Zeiten das Gemeinschaftsgefühl vornehmlich als Vaterlandsliebe gepflegt wurde, so sehr hat das römische Kaiserreich dies Gefühl vernachlässigt. Und das Christentum wollte an Stelle des weltlichen Imperiums das kirchliche setzen. „Da ist nicht Jude, noch Grieche, nicht Knecht noch freier, nicht Mann noch Weib: denn alle seid ihr Einer in Christus Jesus" (Galater 3, 28). Und solange die Religion in Europa die führende Rolle auch im Staatsleben inne hatte, war von irgendeiner Pflege des Gemeinschaftsgefühls keine Rede. Erst mit der Trennung der Staaten von der Kirche kommt das Gemeinschaftsgefühl zu höherer Geltung und nimmt Schritt haltend mit der Energie der Trennung an Kraft und Stärke zu. Wir haben die Nichtigkeit unserer Behauptung in den verschiedenen Ländern der kriegsührenden Mächte zu erhärten eben jetzt die beste Gelegenheit. Anders das Judentum. Es hat als selbstständiges Gemeinwesen diesen Grnndtrieb gepflegt, nicht nur im patriotischen Kampf gegen seine äußeren Feinde, sondern auch als sittliche Verantwortung für das Wohl der Gesamtheit. Gewiß har es in Israel niemals an der persönlichen Note im Verhältnis zwischen Gott und Mensch gefehlt, aber die Prophetie als Wächter über das Volksganze hat ostentativ immer nur die Verantwortung des einzelnen für das Wohl der Gesamtheit hervorgehoben. Natürlich, begrifflich ist das Gemeinschaftsgefühl auch von der Prophetie nicht zu einem grundlegenden Prinzip herausgearbeitet worden. Mit der Zerstvenung der Anden jedoch hat das Gemeinschaftsgefühl auch unter ihnen an Jntensivitüt starke Einbuße erlitten. Man fühlte zwar rief und schmerzlich, wie oft und oft die Gesamtheit die Deriehlung eines einzelnen mitzubüßen hatte. Es wird auch Klage geführt über den chillnl haschem, die Entweihung des göttlichen Namens durch böses Tun, aber die ungeheueren Erschwerungen, denen jeder bei Gewinnung seines Lebensunterhalts unterworfen war, machten die Erziehung zum Gemeinschaftsgefühl unmöglich. So blieben auch im Judentum nur dürftige Spuren dieses Edelgesühls übrig, ein nennenswerter Faktor des ganzen sittlich-religiösen Prinzips war es selbstverständlich auch da nicht. Erst mit der bürgerlichen Gleichstellung erwachte auch in den Juden dieses Gefühl au? seinem jahrhundertelangen Schlaf und wuchs konstant mit der zunehmenden allgemeinen Kultur, mit der Einbürgerung in Sitte und Sprache, mit der Liebe zu Volk und Vaterland. Die Erstarkung des Nationalgefühls, ein charakteristisches Moment in der politischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts, hat auch das Gemeinschaftsgefühl in die Höhe gebracht, aber zu zielbewußtcr Lehre dieser großen moralischen Idee ist es nirgends gekommen. Selbst in Deutschland nicht, obwohl seit Kant und Fichte das Thema zum Mittelpunkt großer philosophischer Abhandlungen gemacht wurde. Weder Kirche noch Schule hat diesem Ideal jene zentrale Stellung in der moralischen Erziehung gegeben, die ihm gebührt hätte. Daß der Mensch aus wohlverstandenstem eigenen Interesse, im Dienste des glücklichen Fortkommens der Seinen, also triebhaft und doch zugleich selbstlos, seine individuellen Strebungen unterdrücke, wo es das Wohl der Gesamtheit gilt; daß man seinen persönlichen Wünschen und Hoffnungen zu entsagen hat, wo es das Heil und die Ehre der Gemeinschaft fordert; daß jeder in seinem Nächsten ein Glied des Ganzen zu sehen habe; daß er diesem nützt, wenn er seinen Nebenmenschen politisch und wirtschaftlich fördert, es schädigt, wenn Haß und Neid das friedliche Zusaminenlebcn stören, wo finden wir das als Kernpunkt aller sittlichen Erziehung? Das Gemeinschaftsgefühl blieb bis auf unsere Tage ein Besitz der höheren geistigen Schichten, die schüchtern gepflegte Blume einiger Jntelligenzkreise. Wollte man Berichte über Parlamentssitzungen und öffentliche politische Versammlungen, ans normalen Tagen natürlich, nicht aus den Kriegszeiten, daraufhin prüfen, man würde staunen, wie selten das Gemeinschaftsgefühl als sittliche Höchstforderung auch nur gestreift wird. Leben wir doch in einer Zeit ausschließlicher Interessenvertretung, und die Beliebtheit eines Abgeordneten wächst nur mit seiner Fähigkeit, seinen Wählern diverse Gefälligkeiten zu erweisen. Nach alledem ist es selbstverständlich, daß heute fast überall, wo das Gemeinschaftsgefühl mit den brutalen, in ihrer Energie hochgespannten Triebgefühlen in Konflikt gerät, diese siegen, nicht jenes. Ja, tver sich Mühe nimmt, das Verhältnis der kriegführenden Völkerschaften zum Gemeingefühl an den Fronten und hinter denselben zu prüfen, wird finden, daß die Kraft dieses Gefühls bei jedem genau dem Maß entspricht, in welchem der Kreis, zu dem er gehört, vor dem Kriege mit diesem vertraut war. Sowohl bei Juden, wie bei Christen. Wir büßen jetzt alle für die Vernachlässigung, die wir in Friedenszeiten diesem Edelgefühl, das zugleich Triebgefühl ist, haben angedeihen lassen. In diesen schweren Tagen, da uns das Wasser bis an die Kehle reicht, wird man darum mit Wüten und Schimpfen über jüdische Gaunerei und agrarische Habgier, über Wucherer, Preistreiber. Schmuggler und Kettenhändler, über Banken und Industrielle, die des Vaterlands Bedrängnis und die Not der Gemeinschaft ansbeuten, weder der Sache, noch den Personen gerecht, um die es sich handelt. Stünden alle jene, die Schwefel und Pech auf die Sünder regnen lassen, an den Stellen, auf die der Zufall die Ausbeuter gestellt hat, nur wenige entgingen der großen Versuchung ihrer wild aufgeregten Triebgefühle. Jetzt bleibt dem Staate nichts anderes übrig, als aus kriminellem Wege mit größter Rücksichtslosigkeit die Zwangserziehung zum Gemeinschaftsgefühl durchzuführen. Werden Frieden und Rühe wieder einziehen, dann soll die wichtigste Friedensarbeit der moralischen Erziehung zum Gemeinschaftswesen gewidmet sein. Den jüdischen Händlern und christlichen Produzenten aus den begangenen Sünden einen Strick drehen, hieße ein Kind verprügeln, weil es Vater und Mutter in Grund und Boden verdorben wer keine Kriegsanleihe zeichnet, hilft unser« Feinden.