Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-_ ,58 .-- ' Inhalt ein blumiges Kaffeetuch sorgsam verhüllte. Den Kaftan hatten sie schon mit der Joppe vertauscht, nur die Schläfenlocken waren noch in modernisierter Kürze erhalten. Einen Augenblick machten sie vor mir halt. Bleiche, abgehärmte Gesichter, denen man die Unterernährung von weitem ansah. Die Kleider schmutzig, zerfetzt, die Schuhe vertreten, löcherig. „Was tragt ihr denn in diesem Korbe da?" fragte ich. „Mazzoth!" war die lakonische Antwort. „Ah, Mazzoth," erwiderte ich. Dabei lächelte ich wie verlegen. „Ho lachmo anjo! Was? Das Brot eures Elends!?" Die beiden stierten mich an. Sie hatten mich offenbar nicht verstanden. Dann hoben sie den Korb und gingen weiter, auf dem Kies mit den Füßen schleifend, schleppenden Schrittes. „Go lachmo anjo?" Die Worte ließen mich nicht los. Wie viel Tausenden dieser elenden Menschen wird dies Brot in diesem Jahre wirklich ein lachmo anjo sein, ein Brot der Not und des Kummers! Und unwillkürlich murmelte ich die Fortsetzung dieser Worte vor mich hin: „Kol dichfin, jese wejechanl" (Wer hungrig ist, komme und esse mit uns); „Kol dizrich, jese wejissach" (Wer den Pessachabend nicht allein feiern kann, er komme und feiere ihn mit uns); „haschatto hocho, leschono habboo bearo d'Jisroel; haschatto awde, leschono habboo bene chaurin" (Heute hier, nächstes Jahr im Lande Israel, heute Sklaven, im nächsten Jahre freie Männer). Plötzlich gab es mir innerlich einen Ruck. Ein merkwürdig Ding diese Jdeenassoziation, dieser Quell aller künstlerischen und wisienschaftlichen Begabung! Ich sehe die zwei alten Herren wieder vor mir, höre wieder ihr Gespräch. Wie doch die kleinen, kunstlosen, schlichten Haggadasätze von denselben Gedanken sprechen! „Wer hungrig ist, komme und esse mit uns!" Ist das nicht die ganze soziale Frage? Und wenn es heißt: „Wer den Pessachabend allein nicht begehen kann, er komme und feiere ihn mit uns", damit keinem gewehrt sei, das religiöse Verlangen seiner Seele zu befriedigen, steckt da nicht wieder die ganze religiöse Frage? „Heute hier, nächstes Jahr in Palästina, heute noch Knechte, im nächsten Jahre freie Männer!" Was ist das anderes als die Frage der politischen Freiheit, der Freiheit der Nationalitäten sowohl als auch der Individuen?! Und an einem Abend und für die Dauer dieses einen Abends hat der fromme Jude im engen Rahmen seiner Gesamtheit alle drei Fragen gelöst, der Tat unbewußt, die er vollzogen hat. Am Pessachabend fallen wie von Zauberhand alle Standesunterschiede. An diesem Abend gibt es für den Juden keinen Reichtum und keine Armut, keine Beschränkung, die religiöse Feier nach Herzenswunsch zu begehen. Klein und groß, angesehen und niedrig, der Gelehrte wie der Arbeiter, Gemeindevorsteher wie Gemeindebettler, sie alle waren am Sederabend gleich, jeder ein König in seinem Heime nnd selbst dort,'wo er zu Gast war. Vergessen die Umwelt, vergessen Druck und Verfolgung: frei fühlt in dieser Stunde der Jude sein Volk, frei sich selbst. Und was hat die Wandlung hervorgerufen? „Ho lachmo anjo, di acholu awhosono bearo d'Mizrojim" (Dies ist das Brod des Elends, das unsere Väter in Aegypten aßen!). Am Pessachabend vergißt der Jude auf sich selbst, auf seine Person, seine Familie, auf die Jahrtausende, die verflossen sind. Versunken ist die Schmach und der Jammer der Jahrhunderte. Jedem ist's, als wäre er aus Aegypten gezogen. Eine historische Kontinuität sondergleichen ist hergestellt. Jeder einzelne ist nicht er selbst, sondern die ganze Gemeinschaft. Es ist ihm, als zöge er selbst mit Frau und Kindern, mit Hab und Gut aus Knechtschaft und Bedrückung. Und in diesem triumphierenden Genieinschaftsgefühl sind alle individuellen Gefühle für einige Stunden wie hinweggelyscht. Die Standes- und Wohlfahrtsunterschiede sind geschwunden; seinem religiösen Verlangen nachleben ist niemandem versagt, und frei fühlt sich die Nation, frei jeder einzelne an diesem Gottesabend. Das seiner sevbst unbewußte Gemeingesühl ist da der moralische Schöpfer des sozialen, religiösen und politischen Fortschritts geworden, der Grundlage aller Gesittung und Veredlung. Ist dieser große Erfolg des Gemeingefühls ein Erfolg gerade dieses Gefühls an sich oder nur ein Erfolg des Moments, des ihm günstigen Augenblicks, der Stimmung, der Stunde? Wäre das letztere der Fall, dann hätten wir allerdings den Wert des Gemeingefühls zur Erziehung der Menschen nicht höher anzuschlagen als den anderer Tugenden, sagen wir der Nächstenliebe. Es gibt Augenblicke im Leben eines jeden Menschen, er mag sonst ethisch gar nicht hochstehen, da er Altruist bis zur Selbstvergessenheit sein kann. Wenn das auch beim Gemeinsinn so ist, wenn daher seine mächtige Wirkung auf den frommen Juden nur der religiösen Feier zu danken ist, dann hätte, wie schon erwähnt, das Gemeingefühl für die moralische Erziehung keine größere Bedeutung als jede andere Tugend. Also eine nicht allzu hohe Bedeutung. Denn Tatsache ist, daß gerade in kritischen Momenten das moralische Prinzip vollständig zu versagen droht. Ob ein Damm gut gebaut ist, zeigt sich nur bei mächtigem Hochwasser. Wenn die Wasser langsam und träge fließen, sind Felder und Fluren auch ohne Damm sicher. Das moralische Prinzip hat seine Macht über den Menschen nicht in normalen, sondern in abnormalen Zeiten zu zeigen, wenn die wilden Triebe in uns aufgepeitscht sind. Aber die Erfahrung lehrt uns, daß ihm just in sturmbewegten Zeiten das Steuer jedesmal aus den Händen gleitet. Wir sehen es heute mit eigenen Augen. Als ob ideale sittliche Forderungen nie existiert hätten, feiern Haß und Neid, Habgier, Denunziantentum und alles Gemeine wahre Orgien. Und so war es immer. Es hat noch nie einen Krieg ohne Niedergang der Sittlichkeit gegeben. Die triebhaften Gefühle sind ja auch im alltäglichen Leben weit energischer als unsere Edelgefühle. In wirren, trüben Zeiten jedoch erhalten sie eine solche ungeheure Energie, daß sie die Edelgesühle fast vollständig erdrücken. Nur wenn das Edelgefühl zugleich Triebgefühl wird, oder, was noch mehr Erfolg verspricht, wenn alle Edelgefühle von einem Cdelgefühl, das zugleich Triebgefühl ist, als ihrem Mittelpunkt ausgehen, das jedem allezeit beigesellt bliebe als Hebel von unbezwingbarer Kraft und Gewalt, nur dann könnte die moralische Erziehung selbst in kritischen Zeiten der gesetzlichen die Wage halten, oder sie wenigstens erfolgreich vorbereiten. Und ein solcher Hebel ist das Gemeinschaftsgefühl. Die Vergesellschaftung gehört zweifellos zu den „Grundtrieben" des Menschen. „Der Mensch ist bestimmt, in der Gesellschaft zu leben; er soll in der Gesellschaft leben; er ist kein ganzer vollendeter Mensch und widerspricht sich selbst, wenn er isoliert lebt" sagt Fichte sehr richtig. Und er nennt das Leben im Staate „ein nur unter gewissen Bedingungen stattfindendes Mittel zur Gründung einer vollkommenen Gesellschaft." Ist aber die Vergesellschaftung der Menschen, ihr Zusammenschluß zu Gemeinwesen ein Grundtrieb, so ist folgerichtig der Schutz, die Verteidigung und Förderung dieses Gemeinwesens, die Fernhaltung alles dessen von ihm, was es schädigen könnte, auch ein Grundtrieb. Wenn wir nun das Gemeinschaftsgefühl, das so Edelgefühl und zugleich Triebgefühl ist. zum Mittelpunkt des moralisch-religiösen Prinzips, der sittlichen Erziehung machen wollten, wäre der Erfolg nicht größer, heilsamer? Wäre es dann nicht leichter, die Nationen und Staatswesen unserer Zeit zu „ethisch-bürgerlichen" statt zu „juridisch-bürgerlichen" Gemeinschaften zu machen? Daß Edelgefühle dort, wo sie zugleich Triebgefühle sind, viel ein-