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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-06 · Heft 14 (6.4.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 14 Berlin, 6. April 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis; durch den Buchhandel oder dir Pa- (in Berlin und varorten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Rabbiner Dr. Ln-wig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, [Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen str Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .^Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6*99, zu richten. Verlavon Rudolf Mosse, Berlin. Tfttflfllt* Das Gemeinschaftsgefühl. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad). 4MW.***** — Die Woche. — Ein Veteran des Rabbinerstandes. Von I. Elbogen. — Wiener Brief. (Prinz Lichtenstein als Lobredner des Judentums. — Waisenfürsorge. — Erfolglosigkeit des offiziellen Religivns» antriebes. — Talmi-Orthodoxie.) Von Amittai. — W. St. Reymont: Lodz. Von L. G. — Feuilleton: Sederabend. Von Ienny Bergmann (Steglitz). Ein Purimspiel mit Hindernissen. Humoreske von M. Pulvermann. — Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Der Gerneindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Allenstein, Posen, Breslau, Hamburg, Leipzig. Wiesbaden, Wien. —* Von Nah und Fern. Dgs Grmeinlchaftsgkfühl. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad). ine dringende Familienangelegenheit führte mich vor etwa 14 Tagen aus der beschaulichen Ruhe der Heimat nach Wien. Ich dachte eine von Hunger und Not gequälte Bevölkerung vorzufinden. War aber angenehm überrascht, an den Hauptverkehrsstellen aller Bezirke das übliche Leben und Treiben zu sehen wie sonst in Friedenszeiten, Ja, fast schien mir auf den ersten Blick das Tun und Lassen der Menschen fröhlicher, sorgloser, heiterer als sonst, heiterer jedenfalls als das in den Kleinstädten. Oder irrte ich? War es nur der Frühling, der Sorge und Mißmut in ihre Schlupfwinkel zurücktrieb? Wohltuend warm fluteten die Sonnenstrahlen vom wolkenlosen blauen Himmel auf Häuser und Straßen nieder. In hellen lichten Kleidern lustwandelten Frauen und Mädchen leicht plaudernd und medisierend die breiten Straßen entlang. Auf Plätzen und in Gärten spielten hunderte Kinder lärmend und schwatzend. Und überall nickten alte und junge Bäume mit ihren noch kahlen, aber schon schwellenden Aesten und Zweigen den jungen Geschöpfen wohlwollend zu, als wollten sie sagen: Lacht nur, Kinderchen, lacht nur! Bald kommt der warme Regen, dann treiben auch wir unsere, grünen, jungen Blätter aus ihren Hüllen heraus, die Friedensblätter der kranken Menschheit! Auf den vom Sonnenlicht erwärmten Bänken ringsherum saßen alte Männer, alte Frauen, sich freuend, dem Wintertod entgangen zu sein. Auf einer dieser Bänke saßen zwei alte Herren in eifrigem Gespräch. Da die anderen sonnigen Bänke voll belegt waren, nahm ich mit einem kurzen Gruß Erlaubnis, Platz zu nehmen. Einen Augenblick stockte das Gespräch der Greife. Dann nahm der jüngere den fallen gelassenen Faden wieder auf. „Nein, Herr Hofrat, ich, bin nicht Ihrer Ansicht. Auf moralischem Wege ist die Menschheit nicht zu erziehen. Die großen sozialen, religiösen und politischen Fragen können auf diese Weise nie und nimmer ihre Lösung finden. Nur die Legalität, nur das Gesetz bringt sie uns. Alle Kultur, alle Veredlung und Versittlichung der Nationen dokumentiert sich in ihrem wirtschaftlichen, religiösen und politischen Fortschritt. Der Staat hat nun alle Gesetze des wirtschaftlichen, religiösen und politischen Fortschritts zu geben und streng darauf zu achten, daß die vollstreckenden Organe diese Gesetze vollinhaltlich beobachten. Der Respekt vor dem Gesetz dringt allmählich in die Massen und wird in einigen Generationen zur Gewohnheit und zu einem Element der staatserhaltenden Ordnung." „Stimmt nicht, lieber Herr Kollege, stimmt nicht! Gesetze an sich sind wirkungslos. Nur wenn die Menschen erfüllt sein werden vom Geiste der Moralität,' vom Geiste der Sittlichkeit, dann erst wird es in Wirklichkeit einen sozialen, religiösen und politischen Fortschritt geben!" „Dann allerdings," erwiderte etwas höhnisch der jüngere, „dann können wir wohl bis ans Ende der Welt auf die Erfüllung unserer Ideale warten. Sehen Sie sich doch diesen entsetzlichen Krieg an, der uns alle in sein furchtbares Joch zwingt! Betrachten Sie doch einmal die Menschen dort mit ihrer Mordlust, da mit ihrer Habgier! Und da wollen Sie die Menschheit moralisch erziehen? Lächerlich! Nur der Staat kann die großen Fragen lösen, die uns alle bewegen. Er hat seine Gesetze den Massen auszuzwingen, um sie so zu Edlerem, zu Besserem zu erziehen." „Ich kann Ihnen doch nicht beipslichten," klang es etwas müde und unsicher zurück. „Gesetze haben nur dann Wert, wenn sie aus dem Geiste des Volkes hervorquellen, Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute sind. Gesetze, die den Fortschritt des sozialen, religiösen und politischen Lebens verbürgen, können nur gegeben werden, wenn der Geist des Volkes dafür reif ist, wenn es dazu moralisch genügend vorerzogen ist. Werden derartige Gesetze einer Nation aufgezwungen, deren Geist mit ihnen nicht harmoniert, dann hängen sie in der Luft und werden bei erstbester Gelegenheit vom Sturm hinweggesegt: Sie erinnern mich an den Parlamentarismus, der in Ländern eingeführt wird, wo die ehrenwerten Herren Abgeordneten nach alter guter Tradition mit Stock und Messer gegeneinander losziehen. Erst muß der Fortschritt moralisch ein Land beherrschen, dann sollen die Gesetze ihn festhalten und vor Rückschritt bewahren." Ein kleines weißes Wölkchen hielt plötzlich wie in kindischem Trotz gerade über uns die Sonne verdeckt. Fröstelnd ständen die alten Herren rasch auf, lüfteten höflich die Hüte und gingen langsam, nachdenklich von dannen. Ich aber wollte der Wolke nicht weichen. In die klare, reine Luft starrte ich vor mich hin und suchte der eigenartigen Stimmung Herr zu werden, in die mich das Gespräch versetzt hatte. Die kleine Wolke merkte wohl, daß ich mich nicht so leicht verscheuchen lasse. Neckisch zerfloß sie und machte der Sonne wieder Platz. Ein wohliges Gefühl erfüllte mich und mit neugierigen Blicken musterte ich jetzt die an mir Vorbeieilenden. Zwei polnische Juden kamen vorüber. Sie trugen einen großen Korb, dessen

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