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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-30 · Heft 13 (30.3.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Betracht kommenden Probleme und Verhältnisse ausführlich besprochen und von allen-Seiten beleuchtet wurden, wurde festgestellt, daß auch jetzt schon ein großer Teil der jüdischen Viehhändler im Regierungsbezirk Aachen nebenbei Weidewirtschaft betreibe, und zwar in erster Linie als Milchwirtschaft, die nicht sehr anstrengend und dabei durchaus lohnend sei. Geteilt wärendie Ansichten in betreff der Frage, wie sich die Aussichten des Viehhandels nach dem Kriege gestalten würden; während vereinzelt die Ansicht B>Gert wurde, daß im Frieden für die kapitalkräftigen Viehhändler sehr gute Zeiten Heranbrechen könnten, hegten die meisten Herren die Befürchtung, daß der Staat höchstwahrscheinlich, die Monopolisierung des Handels mit Schlachtvieh im Interesse seiner Steuereinnahmen wohl zum mindesten auf Jahre hinaus beibehalten und so die Rentabilität des Biehhandels stark beeinträchtigen werde. Jedenfalls war man sich darüber einig, daß inan die schlimmste- Möglichkeit ins Auge fassen und jetzt schon daraufhin Maßnahmen ergreifen müsse, und daß daher der Gedanke, der zur Einberufung der Versammlung geführt habe, ein richtiger und nützlicher sei, der in die Tat.mngesetzt zu werden verdiene. Wenn man sich auch nicht die vielfachen Schwierigkeiten verhehlte, die bei der praktischen Durchführung dieses Gedankens im einzelnen zu überwinden seien, so war doch die Mehrzahl der Teilnehmer der Ansicht, daß auch die beiden anderen Vorfragen in bejahendem Sinne zu entscheiden feien. Es herrschte Uebereinstnnmung darin, daß es ohne Schwierigkeit möglich sein werde, geeignetes Weideland zur Pacht oder zum Ankauf zu angemessenem Preise zu j erwerben, und daß ein Teil der aus dem Kriege zurückkehrenden und I außerdem die wenig kapitalkräftigen Kräfte des Viehhandels geneigt sein würden, wenn ihnen die Möglichkeit zur Pacht von Gütern geboten und sie mit Darlehen unterstützt würden, sich in erster Reihe ' der Weidewirtschaft zuzuwenden. Notwendig sei es aber, auch darüber herrschte volle Einmütigkeit, mit den Vorbereitungen zu dreser Umschichtung nicht bis zum Ende des Krieges zu warten, da dann leicht die Preise der Güter anziehen cköimteu, sondern schon jetzt die ersten Schritte zu tun. Zum Schluß legte Rabbiner Dr. I a u l u s noch dar, daß es auch keine Schwierigkeiten bereiten werde, die nötigen Kapitalien zur Durchführung dieser Idee in Aachen mtb den übrigen Ortschaften des Regierungsbezirks zu beschaffen, und wies darauf hin, daß diese Bestrebungen dem Judentum nicht nur praktischen Nutzen verhießen, sondern auch zur Steigerung ihres Ansehens bei den Andersgläubigen beitragen würden, wenn sie sähen, daß die Juden sich wieder in erhöhtem Maße der Landwirtschaft zuwendeten. Es wurde darauf einstimmig beschlossen, daß sich sämtliche Teilnehmer der Versammlung unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. I a ü l ü s als „Komitee zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden des Regierungsbezirks Aachen" konstituieren und noch einige andere Herren zur Ergänzung kooptieren sollten. Es solle auch unverzüglich mit den vorbereitenden Schritten begonnen werden, und zwar so, daß die einzelnen Komiteemitglieder in ihren Ortschaften durch das Zirkulieren eines von Rabbiner Tr. I a u l u s zu entwerfenden Rundschreibens und durch Einberufung von Versammlungen für diese Idee Propaganda machen und die Zahl derjenigen feststellen sollten, die bereit seien, einen solchen Berufswechsel rörzunehmen. Gleichzeitig damit sollten auch günstige Gelegenheitei^ zum Ankauf von geeignetem Grund und Boden ergriffen und wahrgenommen werden. In einer späteren Versanuntung sollten dann die Resultate dieser einleitenden Schritte geprüft und zur Grundlage weiterer Verhandlungen gemacht werden. Der Hauptstelle für Berufsberatung der Juden in Berlin solle von den Ergebnissen der Sitzung Mitteilung gemacht werden. Sß Dortmund, 23. März. Seinen siebzigsten Geburtstag beging hier am 18. d. M. Herr Jac. Nach. Wolfs. Dieser Tag bot weiten Kreisen unserer Stadt und Gemeinde willkommene Gelegenheit, dem Jubilar ihre Liebe, Anhänglichkeit und Wertschätzung zu bekunden. Von den mannigfachen Körperschaften und Vereinigungen, denen Herr Wolfs angehört, und die es sich nicht nehmen ließen, ihm durch eine Abordnung die innigsten Glückwünsche zum Ausdruck zu bringen, seien nur Vorstand und Repräsentanz der Synagogengemeinde und namentlich die Chewra Kadischa genanntzu deren Mitbegründern Herr Wolfs zählt, und deren erster Vorsitzender er seit ihrÄu Bestehen ist. In längerer herzlicher Ansprache feierte auch Herr Rabbiner Dr. Jacob den „jugendlichen Greis", dein niemand anmerken kann, daß er nunmehr die Schwelle des GreisenalterK überschritten hat, als eine Zierde unserer Glaubensgemeinschaft ob seines bescheidenen Sinnes, seines liebenswürdigen Wesens und vor allem seiner nie versagenden HilMereitschafb Als ein besonders seltenes Menschenglück verdient es gewiß auch hervorgehoben zu werden, daß Herr Wolfs als Siebzigjähriger sich noch einer Mutter erfreuen darf, die mit ihren bald 95 Jahren körperlich und geistig noch bewundernswert rege ist. (Sie lebt in Frankfurt ä. M.)'Möge unser „jüngster" Greis auch darin seiner lieben Miltter nacharten! Möge es ihm vergönnt sein, noch manches Jahrzehnt wie bisher in Körperkraft und Geiftesfrische wirken und schaffen zu können zur Freude seiner Familie, zur Ehre unserer Glaubensgemeinde, zum Segen oer Gesamtheit! - - - G. Brakel, Kr. Höxter, 23. Mürz. Ein großer Leichenzug bewegte sich am 18. d. M. durch die Straßen unseres Städtchens. Die irdischen Ueberreste des nach langen Leiden im Alter von 69 Jahren aus dem Dasein geschiedenen Herrn Julius F l e ch t h e i m brachte man zu Grabe. Sein Tod ist ein Verlust für unsere-Gemeinde und Stadt. Die Familie Flechtheim zählt zu den ältesten und angesehensten jüdischen Familien in ganz Westfalen; bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts -hinauf ist ihr Wohnsitz in Brakes nachweisbar. Alter ehrt, Gesinnung adelt. Beides vereinigt sich in diesem Geschlechte. Der Verstorbene war mit einem wunderbar klaren Auge für alles Schöne und Edle begabt, von künstlerisch gestimmtem und 'gebildetem Fühlen getragen. In seiner Umgebung mußte alles vornehm und edel sein, wie er selber war; nichts Unreines durfte ihm nahen. Keinen Tag ließ er vergehen, ohne Geist und Gemüt zu bereichern. Nach anstrengender geschäftlicher Tätigkeit saß er täglich stundenlang im Sessel neben seinem Bücherschrank. Er war ein Kenner der schöngeistigen Literatur. Kein Neuerer war ihm fremd, aber sein Heine war ihm am vertrautesten. Er war ein lyrischer Feinschmecker. Tie Liebe zu Heine erwarb ihm die Freundschaft zu dem früheren Redakteur dieser Zeitung. Dr. Gustav K arpeles war wiederholt Herrn Flechtheims lieber Gast. Was die beiden edlen Menschen noch inniger verband, war gemeinsames tiefgehendes jüdisches Interesse. Herr Flechtheim war als Repräsentant und als Vorsitzender des Kollegiums die Seele nicht bloß des Verwaltungskörpers, sondern der ganzen Gemeinde. Er war der Gründer und Leiter unserer Chewra sowie des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur; aus seine Anregung entstand unser Bezirksverband u. a. m. In früheren Jahren hat er uns durch manchen geistreichen Vortrag entzückt. Eine gewaltige Anregung ging von ihm aus, nicht bloß durch sein Wort, auch durch die Tat. Von dem Segen, den er besaß, teilte er anderen reichlich mit. Die Art aber, wie er zu geben wußte, war ganz besonders vornehm und edel, rührend und ergreifend schön. Jeder mußte mit tiefer Verehrung zu ihm emporsehen, den der Zufall auf die Spuren seines großzügigen Edelmuts in Stadt und Gemeinde, in Vereinen oder bei Einzelpersonen führte. Herr Flechtheim selbst wollte als Geber nie genannt sein und konnte nicht vertragen, wenn man von seinen Gaben auch nur andeutungsweise sprach. Heute darf es erwähnt werden, daß die vor kurzem erfolgte wertvolle Renovierung unserer schönen Synagoge zum weitaus größten Teile von ihm bestritten wurde. Wir werden ihn noch oft vermissen. Sein Wirken war und bleibt uns aber ein vorbildliches. Er war ein edler Mensch in des Wortes' reinster Bedeutung. Wer ihn kannte, mußte ihn lieben: wer ihn nicht liebte, der kannte ihn nichts I.. Darmstadt, 23. März. Bei dein Empfang des Großherzogs von Hessen gelegentlich seines Regiernngsjubilüums waren', die Kirchengemeinden vertreten durch den Bischof Kirstein von Mainz und den Prälaten Selbst, den evangelischen'Kirchenrat und die beiden Rabbinen Professor Dr. L. Marx in Darmstadt und Professor Dr. S. Salfeld in Mainz. Da der erstere. wie es in der Einladung des Ministeriums hieß, der einzige Großherzogliche Rabbiner in der MsidenzsiadL sei, so war für die Israeliten -Hessens ihn; die Ansprache an den Großherzvg übertragen worden. In wenigen herzlichen Worten betonte er, daß der Großherzog auch gegen die Israeliten seines Landes stets gerecht und milde gewesen sei und auch in schweren Zeiten als deren hochherziger Beschützer gewaltet habe. Der Großherzog dankte Herzlichst der hessischen Geistlichkeit und unterhielt sich dann längere Zeit auch mit den beiden Herren Rabbinen. Grstrrrrich-Ängara. z. Wien, 23. Mürz. Eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste Frage, die uns heute bewegt, ist die Versorgung und Erziehung der unzähligen Waisen in den vom Kriege (^rührten Ländern, zunächst, in

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