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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-30 · Heft 13 (30.3.1917) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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Itttfr fte ging in?. Nelle ließ sich aus einem- Stuhl nieder und fing an. mit dem Oberkörper pendelgrtig hin und her zu schaukeln, leidenschaftlich sich die Haare zu raufen und sonstige Zeichen und Geberden zu machen,, um große Verzweiflung zu bekunden. Freilich passierte es ihm manchmal, daß er aus der Frauenrolle fiel, indem er sich auch heftig am Ziegenbärtchen zerrte; doch wurde weiter kern Gewicht daraus gelegt, zumal Melle jetzt klagend und jammernd ju deklamieren begann. „Ach und Weh geschrien! Trauer und Elend ist über mein junges Leben gekommen und Jammer und Leid über meinen armen Kopf hereingebrochen! Oh, ihr himmlischen Heerscharen, steht mir bei uni) saget mir, womit habe ich denn mein großes Unglück verschuldet?. Habe ich Nicht jede Wochen .Challe' genommen, ein Stück Teig von dett Barches in den Ofen geworfen, habe ich nicht jeden Freitag" Licht »gebenscht', habe ich nicht immer das Fleisch »koscher' gemacht, und wenn es schon dunkel war, dabei sogar zwei Lichte angezündet? Habe ich nicht zu Pessach das Chomez ausgebrüht und ausgeglüht? Weh geschrien, es war alles umsonst!. Jetzt soll ich allein bleiben mit meinen zwei Kindern, die der Rabenvater von sich gestoßen! Ein böser Geist muß wohl in ihn gefahren sein! Ach, meine armen, armen zwei Würmer!" (Fortsetzung tvlgl.) Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G o l d s ch m i d t. (5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ndlich mal ein Brief, der »nich selbst anging und herzlich freute. Sonst bekomme ich nur Bettelbriefe und allerlei drollige Feldpostkarten von Soldaten, die sich bedanken. Einer schreibt, er habe blaue Augen und blondes Haar und sei noch ledig, und ob ich ihn nicht auch mal „mit meinem Bild erfreuen" möchte, auf das er „sehr begierig" sei. Schade, daß man nicht lustig und zu Scherzen aufgelegt ist. * Ein kleiner Spaß in dieser ernsten Zeit, einmal ein kleines, dummes Abenteuer - - Gertrud, besinne dich. Macht die Einsamkeit dich albern? Ich will dem unternehmenden Herrn Musketier schreiben, daß ich 40 Jahre alt bin, und ob er noch immer „sehr begierig" sei. — \ -L_‘ Unsinn, nein, was geht ihn mein Alter aN? - Ich will ihm wieder Zigarren schicken und gar nichts schreiben. Aber der andere Brief, den habe ich schon aus vollem, freudigem Herzen beantwortet. Aus dem strömte mir etwas wie Schutz und Traulichkeit vergangener Tage auf. Wie sonderbar! Wir gatten uns doch ganz aus den Augen verloren mit Tante Phine. Ich glaube, Mutter und die Schwägerin mochten sich nicht, da sind sich" schließlich die Geschwister auch fremd geworden. In der Jugend soll sie Vaters Lieblingsschwester gewesen sein. Ob mir das wieder einsiel? Nichts in ihrer Sprechweise und Art erinnert an den geliebten Toten, aber eine kleine Aehnlichkeit im Aussehen ist da — ich habe Tante zu Vaters Beerdigung seit langer Zeit zum erstenmal wieder gesehen. Nun läßt sich ihr Enkel Benno, ihr Stolz, hier im Oktober als Zahnarzt nieder, und sie zieht mit. Er übernimmt die Praxis des jungen Tr. Adler, der in Rußland gefallen ist. Adler soll seinen Freund Benno zu seinem Nachfolger bestimmt haben, falls er nicht aus dem Felde zurückkehre. Sie wurden in derselben Schlacht verwundet und mein Vetter, ist jetzt nach langem Krankenlager, von dem er ein steifes Bein zurückbehalten hat, so weit genesen, daß: er wieder arbeiten kann. „Ich habe es. so Gott will, so zum Guten überlegt. Was sollen mir Frauen, ich mit den Heiden Mädchen astein stier m Roschmin? In dem Nest hat man. nichts als Mieskeiten Wostock ist doch eine Stadt." An anderer Stelle schreibt sie: „Mischpoche is Mischpoche", keine Worte, wie ich sie von früher her gewöhnt bin, und - doch -- als hätte rch etwas von den Eltern wieder, so ist mir. Tante Phine, drück' dich aus; wie du willst. Ja, „Mischpoche is Mischpoche" — ich empfinde wie du. Etwas Mütterliches, etwas Altes, Liebes, Sorgendes spricht aus dir, und ich sehne mich so nach all dem. Ich will einmal wieder Kind sein dürfen, nicht immer die Aeltere, die Vernünftige, die Tante. — Ach, Tante Phine, wärst du doch erst da! Einmal, wenn deine Enkel nicht da sind, dein Benno und die beiden Großcousinen, die ich fast gar nicht kenne, setze ich mich zu dir und lege den Kopf an deine Brust, ganz, ganz lange, und kein Wort spreche ich dabei. Gelt, Tante, du hast mich auch ein bißchen lieb? * „Merkwürdig ist das bei Ihnen." Ich hatte Günther von Tante Phines Brief erzählt. „Was ist merkwürdig, und bei wem?" „Nun, diese große — wie soll ich sagen, diese sonderbare Anhänglichkeit untereinander." „In unserer Familie?" „Ja auch! Aber ich meine, überhaupt so bei Ihren Leuten." Jetzt lache ich auf. Günther wird immer so hilflos rot, wenn er ein Rassenmerkmal an mir zu entdecken glaubt. Warum eigentlich? Ist es denn immer etwas Tadelnswertes? Ich sagte ihm das geradezu. Ich sehe nicht ein, warum wir uns unverdient tadeln lassen sollen. „Ich tadle? Aber ganz im Gegenteil," braust er auf. „Sie sind in dem Punkt immer gereizt, gleich beleidigt bei jedem Wort, das nur an Ihrem Glauben rühren kann." „Von Glauben ist ja hier gar nicht die Rede, Günther." „Na, denn von Ihrem — von Ihrem Stamm, meinetwegen. Sowie unsereiner ein noch so gutgemeintes Wort sagt" — „Dann müssen wir doch halt nicht so recht an das Gutmeinen von euereinem glauben." Jetzt wird er noch röter, zornig rot. „Fräulein Gertrud" — (Fräulein Gertrud? O weh! Dann ist er sehr böse). „Sie sind sonst die Güte in Person zu mir" (danke .Günther! Also dych! trotz der Gleichgültigkeit währender Krankheit?!), „aber wenn man nur an das Wort Jude von weitem rührt, dann werden Sie spitz und feindlich. Wie hinter einer Mauer sitzen Sie da mit Ihren Glaubensgenossen. Wehe dem Fremdling, der sie durchbrechen will!" „Aber, Günther? um Gottes willen", ich lache auf, „Sie drehen ja die Weltgeschichte um". „Und ich habe doch recht," beharrt er. „Das, was Sie meinen, sind äußere Rechte. Da entscheidet natürlich, wer die Macht hat, und die hat nathrlich das Wirtsvolk. Wir wollen ja jetzt nicht untersuchen,. wasda auch nach meiner Ansicht schief und ungerecht ist. Aber, was das Innere, das Gefühl des einzelnen anbetrisft: alles, was „dazu gehört", ist eures Schutzes, eurer Sorgfalt wert; alles andere ist fremd ungleichgültig." „Wir, Günther? Ich wundere mich immer wieder, wenn ich Sie in einen Zustand sinnloser Wut verfallen sehe. Sie Ausdrücke -es Hasses gebrauchest höre, die gar nicht zu Ihrem Wesen passen, wenn von Deutschlands Feinden die Rede ist. Wenn man doch menschlich denn und gerecht" — „Hier denk' ich allerdings in erster Linie vaterländisch." „Ich auch, Günther. Das-eine schließt das andere nicht aus. Aber den einzelnen, die Person, kann ich nicht so hassen wie Sie." (Fortsetzung folgt.)

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