Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1917)
- Date
- 1917-03-30
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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««Me.eut geborener Jyüe. ein käuflicher Streber, der aus niedrigsten Beweggründen, aus der freien Gesellschaft, der er nicht aus innerem Zwang angehörte, ausscheidet und ein feiler Journalist wird, der vor den verwerflichsten Mitteln nicht Zurückscheut. Der farbloseste aus diesem Kreise ist Rudolf Schröder, ein guter Kerl, tüchtiger Philologe, -der die einzige Dame aus diesem Kreise, Alice>- ein uneheliches Kind, ein schönes, begabtes Mädchen, das schon vorher mit einzelnen der Genannten in Beziehung gestanden hat, als hohe und reine Jungfrau verehrt, sich mit ihr verheiratet, aber erleben muß, daß sie ihm mit einem Jugendfreunde, einem höchst virtuos geschilderten Adligen, Ulrich v. Wilmerstörf, durchgeht. Schröder selbst, der durch die Untreue seiner Gattin und seines Freundes in: Innersten gebrochen ist, besonders, nachdem er erkannthat, daß er die journalistische Stellung, die er nach der unfreiwilligen Aufgabe seines Schulamtes bekleidete, nur der Vermittlung seines angeblichen Freundes verdankt, verwundet sich tödlich und geht nach längerem Leiden zugrunde. Grade bei ihm werden die religiösen Kämpfe am eingehendsten geschildert. In alten Traditionen erwachsen, ohne eigentliche religiöse Skrupel, hält er es für Pflicht der Mitgliedschaft jenes Kreises, Gott zu verlassen, und wird während seiner tödlichen Krankheit ein Gottsucher, der es sckstießlich doch nicht zum wahren Glauben bringt. Nach den bisherigen Darlegungen könnte man verwundert fragen, aus welchem Grunde der vorliegende Roman an dieser Stelle ausführlich besprochen wird, da ich es mir im allgemeinen zum Gesetze gemacht habe, auch bedeutende Kunstwerke nur dann anzuzeigen, wenn sie es mit jüdischen Personen und Verhältnissen zu tun haben, die Erwähnung eines getauften Juden aber, des schon erwähnten Albert Freyhahn, keinen Grund abgeben könnte, den Roman an dieser Stelle zu besprechen. Die Veranlassung zu einer Erwähnung und nachdrücklichen Hervorhebung des Romans liegt aber in folgendem. Unser Bllch zeigt nämlich neben so vielem anderen, das bereits hervorgehoben worden ist, und zahllosen anderen Dingen, die nicht erwähnt zu werden brauchen, die Entwicklungsgeschichte eines herrlichen, vortrefflich gezeichneten Juden, des Ludwig Samelsohn und seiner Familie. Der .Genannte ist Jurist, ideal angelegt, der sein juristisches "Studium nicht benutzt, um Gewinn zu erzielen, sondern den Armen zu helfen, das Gemeinwohl zu fördern. Er ist der Söhn eines wohlljabenden Kaufmanns, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, eines würdigen, gelehrten Patriarchen, der freilich in dem Buche keine Haupt-, sondern eine Nebenrolle spielt, dessen Gespräch mit dem alten Trenkhoff, dem Vater des oben erwähnten Theologen, einem fanatischen, starr gläubigen Orthodoxen, eine gradezu wunderbar» Leistung, ein .Glanzkapitel des ganzen Werkes genannt werden muß. Dieser Ludwig Samelsohn, mit allen oben charakterisierten Genossen des Kreises vertraut, liebt lange, zunächst scheinbar hoffnungslos, seine Cousine Elsbeth, ein überzartes Mädchen, von ihren Angehörigen mit der innigsten Liebe betreut, „kleine Schwester" genannt und wie eine Gottheit verehrt. An Huldigungen gewöhnt, beachtet sie jahrelang die stumme Verehrung ihres Vetters nicht, da sie ganz aufgeht in Schwärmerei für jene Alice, die eine Zeitlang eine Art Erzieherinnenstelle bei ihr eingenommen hatte, und in ihrer Leidenschaft zu Rudolf Schröder, der gleichfalls ihr Lehrer gewesen war und in dem sie das Ideal ihrer Mädchenträume verwirklicht zu sehen glaubt. - - Erst nachdem Schröder nach dem kurzen Trauni seiner Ehe, den Elsbeth eifersüchtig-leidenschaftlich und doch entsagend mit durchlebt, aus dem Leben scheidet, erkennt sie in der stillen, selbstlosen Liebe ihres Vetters den reichen Lebensschatz, der auch ihr zum Glücke werden kann, reicht ihm ihre Hand und wird glücklich. Die Figur dieses Mädchens, die eine überzeugte Jüdin ist, nur kurz ppn Ztmuswvs angekränkelt, ist mit einer unbeschreiblichen Lieblichkeit gezeichnet; die Art, wie sie als Göttin von ihrer Familie behandelt wird, die ihr gewährten Huldigungen in Huscher Demut und mit zartem Sinne annimmt, ist -eine äußerst poetische und ungemein fesselnde und erquickliche. In der Darstellung ihres Familienkreises dagegen beweist der Verfasser seinem Humor und einen starken Hang zur Satire. Der Vater, -der Geheime Kommerzienrat Samelsohn, zuletzt geadelt, ist ein tüchtiger, ehrenhafter Geschäftsmann, nicht eben ideal gesinnt, aber großzügig, wohlwollend, ein trefflicher Familienvater, der nur seinem Geschäfte und seiner Familie lebt; seine drei Söhne: der eine ein nicht genußfremder Geschäftsmann: der andere ein sportliebender, auf adligen Umgang erpichter, äußerlich beim Judentum verbleibender junger Mann, entzieht sich dem Geschäfte zwar nicht, ist aber nicht begeistert bei dieser Tätigkeit; der dritte, Privatdozent, ist ein Streber, der auch äußerlich das Judentum verlassen hat, dem er innerlich nicht angehört hat. Alle diese Figuren bilden indes nur Staffage; sie dienen dazu, die Abneigung des Verfassers gegen das Treiben reicher jüdischer Jünglinge, die übrigens nicht zu den schlimmsten ihrer Art gehören, zu charakterisieren und zu bespötteln. Eine Familienkonferenz, zu -der die einzige selbstbewußte Handlung der „kleinen Schwester" Elsbeth, nämlich ihr Verweilen während einer Nacht bei dem todkranken Rudolf, Veranlassung gibt, darf man als humoristisch-satirisches Prachtstück bezeichnen. Gegenüber diesem vornehmen Samelsohnschen Kreise, -der etwas spöttisch, aber nicht mit ausgesprochenem Uebelwollen gezeichnet ist, hebt sich die Gestalt Ludwig Samelsohns als eine wahrhafte Prachtgestnlt hervor. Er ist der -deutsche Jude, wie wir ihn wünschen: strebsam, gediegen, fleißig, stets aufs Höchste gerichtet, nur für andere tätig, niemals sich hervordrängend, treu, entsagend und doch fähig, das Glück, das er immer ersehnte, ohne doch dafür rücksichtslos zu kämpfen, mit vollen Zügen zu genießen. Aber in dieser glänzenden Stellung, die ihm durch seine Verheiratung zuteil wird, eine Verheiratung, die Elsbeth ihre volle Gesundheit znrückgibt und beiden Gatten ein Kind schenkt, gibt er, der juristische Teilhaber der großen Firma, seine ideale Gesinnung, nicht auf, benutzt vielmehr die großen Mittel, die ihm-zur Verfügung stehen, zur Verwirklichung seiner hohen Pläne, die eine Erhebung der Massen, eine Teilnahme der Armen an den Gütern der Reichen, eine Veredlung und Vervollkommnung der Menschheit bezwecken. Der Ausbruch des Weltkrieges, der ihn wie alle seine Genossen unvorbereitet trifft, und der in seinen Gefährten eine plötzliche Umwandlung: innere Einkehr und äußere Wandlung zur praktisch-idealen Betätigung hervorruft, erzeugt in ihm nichts Neues, sondern stärkt nur sein Bewußtsein, -dem Ganzen anzugehören, seine Person, und seine Mittel dem Vaterland zur Verfügung stellen zu müssen. Und so endet das Werk, das ich mit hohem Genuß gelesen habe und meinen Lesern als eine bedeutsame Leistung empfehle, mit folgender Rede, die er geneigt ist, seiner Gattin zu halten: „Ja, ich muß. Ich gehe, damit mein Junge einmal auf freier deutscher Erde ungehindert den Faust lesen kann. Ich gehe, weil ich meinem Lande dienen will, wie und wo es mich am -besten braucht. Weil ich erkannt habe, daß dies das Neue ist, das in diesen Tagen geboren wurde — daß alle sich hergeben müssen für ihr Volk. Ueber dein Schicksal, über dem.Vorteil der einzelnen steht wirklich ein Höheres, Größeres. Nun weiß ich, daß dies Wahrheit ist und nicht nur Schulerziehung und patriotische Phrase. Der Krieg wird nicht mehr von -den Waffensoldaten geführt. — Wir alle sind seine Truppen.