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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-30 · Heft 13 (30.3.1917) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 jährigen und darüber, ein halber Sekel abgeliefert werden, und die Summe der aus diese Weise eingegangenen Sekalim würde dann die Anzahl der Musterungspflichtigen ergeben und das Resultat der Zählung darstellen. Betrachten wir aber das Wort „Sekel" in seiner ursprünglichen Bedeutung. Ta heißt es nichts anderes als „Gewicht". In alter und ältester Zeit wog man bekanntlich - in Israel etwa bis zur Zeit des Makkabäerfürsten Simon — die Metallstücke, die zur Bezahlung verwendet wurden; erst später ging man dazu über, Geldmünzen zu Prägen. Legen wir nun den Maßstab des Sekel in seinem eigentlichen Sinne an die in unseren Tagen höheren Orts verfügte „Judenzählung", so werden wir die Forderung erheben dürfen: Nicht zählen, sondern wiegen! Zählet nicht oder zum mindesten zählet nicht allein die Heeresangehörigen jüdischen Glaubens, sondern wi'eget sie auch, d. h. wieget ihre Leistungen! Nicht daß wir irgendwelche Besorgnis hegen ob des Ausfalls der Statistik, die nun einmal im Gange ist und etwa, um einem ungünstigen Eindrücke vorzubeugen, die Bedeutung der Zahl zuglinsten des Gewichts abschwächen loollten; keineswegs, dazu hätten wir nicht die geringste Veranlassung. Im Gegenteil, wir dürfen festen Auges und getrosten Mutes dem Ergebnisse der Zählung entgegenblicken, denn nur sind dessen gewiß, daß sie die militärische Tüchtigkeit und Tapferkeit der Juden im deutschen Heere in hellstem Lichte wird erstrahlen lassen') — dieser bestimmten Zuversicht lourdc auf der Haupttagung des Zentralvereins auch wiederhvlentlich Ausdruck geliehen —! Nein, nicht irgendeiner Vertuschung zuliebe, die wir nicht nötig haben, sondern um des Grundsatzes von Recht und Billigkeit willen veriverfen wir den rein mechanischen Vorgang des Zählens, lvenn es gilt, Werturteile zu fällen, und wenden uns gegen die maschiiienmäßige Anhäufung von Namen aus Namen und Nummern auf Nummern lind verlangen dafür ein sorgsames Wiegen und Wägen und Abwägen von Taten und Werken! lind Gott sei cs gedankt! Auf uusere Leistungen, draußen und drinnen, dürfen wir uns mit Stolz berufen! Um uns kurz zu fassen, wollen nur nug der Kstille des Materials nur drei wesentliche Erscheinungen herausgrcifcn: Tie Rohstoffversorgung bildete neben der Eruährungsfrage von Kriegsbeginn an für uns das dringendste und zugleich schwierigste Kriegskapitel. Wer hat sich nun auf diesen: für unser Durchhalten so überaus wichtigen Gebiete in stiller, geradezu heiinlicher, aber emsiger Arbeit die größten Verdienste erworben? War das nicht Rathe- » au, einer von den Unseren, dessen Lob von der Presse — freilich mit Rücksicht auf die Zeitlage zumeist nur andeutungsweise — in allen Tonarten gesungen wurde? Und möchte man nicht im Hinblick auf diesen genialen Mann und sein nicht minder geniales Werk ein bekanntes Wort des R. Jochanan den Sakkai aus den „Sprüchen der Väter" variieren und ausrufen: Wenn viele Tüchtigen in einer Wagschale sich befänden und der Große in der zweiten, so würde er sie alle aufwiegeu"). In der Tat, wiegt ein Name wie Rathenau und das Gewaltige, das er fürs Vaterland geschaffen, nicht Hunderte, ja Tausende von Soldaten auf, so redlich diese auch ihre Pflicht erfüllt haben. Auch auf einem anderen, verwandten Gebiete haben Bell Auch bei der Blutsteucr im eigentlichen Sinne des Wortes werden die Bekenner des Judentums ihren redlichen Anteil haben, entgegen den Befürchtungen, die im ersten und zweiten Kricgsjahre selbst auf jüdischer Seite hier und da in dieser Hinsicht bestanden. -) Durch die Presse ging in diesen Tagen die Nachricht von der Verleihung des Eisernen Kreuzes am weißen Bande an einen Gerichtsassessor Tr. Cohn in Memel, der in den schweren Tagen dcS Ruffeneinfalls als einziger unter den Jnstizbeamten seiner Stadt tapfer auf seinem Posten ausgeharrt hat. Wiegt eine solche mutige Tat nicht hunderte anderer Leistungen auf? kenner unseres Glaubens als „Heimkrieger" eine hohe Anerkennung — verdient. Wir meinen: in ihrer Betätigung als sach- und fachkundige Mitglieder der Kriegsgetreidegesellschaft. Man hat zwar — und hauptsächlich von judenfeindlicher Seite — gegen diese erste der Kriegsgesellschaften zu Beginn ihres Bestehens allerhand Beschuldigungen erhoben; vor allem wurde gegen ihre jüdischen Mitglieder der Vorwurf der „Drückebergerei" laut (vgl. dazu die Ausführungen L. Geigers in seiner Schrift: „Die deutschen Juden und der Krieg" S. 70), und erst, nachdem die Regierung die in dieser Gesellschaft tätigen Getreidekaufleute öffentlich in Schutz genommen und ihre beleidigte Ehre wiederhergestellt hat, verstummten die gehässigen Anklagen, aber das hat niemand der Kriegsgetreidegesellschaft nehmen und bestreiten können, daß sie während der mehr als zweijährigen Dauer ihres Bestehens die Versorgung des deutschen Volkes mit Brot und Brotgetreide sichergestellt und so sichergestellt hat, daß zu wiederholten Malen in der Reichshauptstadt und sonst bis auf diesen Tag statt der durch die Transportschwierigkeiten fehlenden Kartoffeln Mehl als Ersatz gereicht werden konnte! Hoffen Ivir, daß tvir trotz der nicht sehr zuversichtlich klingenden Aeußerungen des neuen Staatskommissars Dr. M i ch a e l i s, die er kürzlich im Parlamente getan hat. mit unseren Getreidevorräten gut auskommen werden, und vergessen wir nicht, daß wir dieses Glück — denn es wird ein solches sein — in erster Reihe der Kriegsgetreidegesellschaft zu verdanken haben, in deren Mitte eine Anzahl von Juden ihre Sachkenntnisse willig in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat! Und als dritte und letzte Erscheinung wollen wir hier die Dienste und Verdienste des jüdischen Aerzte- und Sanitätspersonals in unserem Heere streifen. Man hat statistisch berechnet, daß wir in der glücklichen Lage sind, etwa 92 Prozent aller Verwundeten als kriegsverwendungsfähig ins Feld zurückzuscnden, was angesichts der iinmer noch starken Ueberzahl unserer Gegner und der bei ihnen viel geringeren Diensttauglichkeit der Verletzten für uns von großer Bedeutung ist; man hat ferner den hohen Standort der deutschen Kriegs- Hygiene bewundert, die dem Eindringen von Seuchen aller Art, die sonst bei früheren Feldzügen sich in der Gefolgschaft der Kriegslage befanden und heute noch in feindlichen Ländern ihr Zerstörungswerk vollbringen, erfolgreich gewehrt hat. Wem aber — so fragen wir abermals — wem haben wir diese Fortschritte zu verdanken, wenn nicht dem — wie die Antisemiten immer hämisch bemerken — „jüdisch durchseuchten" Sanitätspersonal?! Es ist unseres Erachtens durchaus wichtig, auf diesen Punkt schon heut, mitten im Völkerringen, hjnzuweiseu; denn ivir haben es erlebt, daß nach dem letzten Kriege von 1870/71 den Juden in Deutschland Vorwürfe gemacht wurden, die natürlich wieder von judengegnerischer Seite ausgingen, so besonders von dem antisemitischen „Volk", daß die Mehrzahl der in diesem verflossenen Kriege ausgezeichneten jüdischen Teilnehmer Aerzte waren. (Nebenbei gesagt, cs ist bei einer ganzen Anzahl von Aerzten in der Verleihungsurkunde ausdrücklich bemerkt, daß sie die Ehrenzeichen für ihr tapferes Verhalten vor dem Feinde erhalten haben, und wieviel Hunderte von Aerzten. darunter eine Anzahl jüdischer Aerzte, haben in diesem Weltkriege ihre Berufstreuc und Vaterlandstreue mit ihrem Herzblute besiegelt!) Man wird gut tun, sich diesen Anwurf zu merken und sich beizeiten auf seine Widerlegung und Entkräftung zu rüsten! Wir könnten noch auf eine ganze Reihe von Erscheinungen Hinweisen, tvie z. B. auf die Werbungen für Kriegsanleihe und Goldabgabe, bei der sich die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens hervorgetan haben — uns fällt gerade der Name des jüdischen Oberlehrer? D riesen in Berlin ein,

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