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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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"■'■■*•■ —- 144 7 „Sic würde etwas dabei finden, so sicher auch nichts dabei wäre." Und wieder Lillis heftiger Widerspruch: „Natürlich wäre etwas dabei, etwas sehr Schönes sogar, und etwas Schönes ärgert die Welt immer. Aber gerade darum sollte man es tun." „Cilli, was willst du damit sagen?" und ich sah mit zitternder Angst auf ihre Lippen. Nur jetzt keine Roheit, nur jetzt nichts, was mich schreckt und aufrührt und peinigt. In mir sind sowieso jetzt so sonderbare Unruhen, die ich mir nicht erklären kann. Und wieder sah ich mit Staunen, mit welcher Harmlosigkeit Cilli Tinge sagt, die andere umwerfen können. Sie lachte vergnügt auf: „Na, Menschenkind, willst du mir etwa einreden, daß du den hübschen, jungen Dr. Westphal aus christlicher Nächstenliebe Pflegen willst?" Ich glaube, ich habe Cilli ganz entsetzt angestarrt, ich konnte . mich zuerst gar nicht fassen vor Schreck: „Cilli" - ich mag wohl zögernd, beinahe stammelnd gesprochen haben -- „soll ich dich erinnern — du sagtest doch selbst - wir sind — wir waren jetzt — wir beide können es uns doch nachrechnen — daß wir 40 sind. Wir wissen es doch." Und sie, ohne mit der Wimper zu zucken: „Na also. Deshalb brauchen wir uns ja auch gegenseitig nichts vorzulügen." Seit dem Gespräch finde ich mich nicht mehr zurecht. * Günther ist 14 Tage krank gewesen. Gestern war er zum erstenmal wieder hier. Sonntag, zwischen 12 und 2. Welche lächerliche Besuchszeit für zwei alte Freunde! Das muß man ihm sagen, ein Schauspieler ist er nicht. Er scheint es mir furchtbar übelgenvmmen zu haben, daß ich mich „so wenig um ihn gekümmert" habe während seiner Krankheit. Für das Wenige dankte er mir steif und unfreundlich. Und ich war so innig froh, daß ich ihn wieder gesund vor mir sah, daß ich von all der angesammelten Kälte drüben meine innere Freudenglut nicht löschen lassen konnte. Wie ein Kind sonnte ich mich in seinem Wohlbefinden. Er ist gesund. Was geht mich Cilli an und die Welt und alles dumme Gegrüble und Gerede, was geht mich selbst sein lieber, dummer Aerger an? Ich war also so gleichgültig gegen dich in deiner Krankheit, Günther? Recht so, das glaube nur. Sieh, in meinem Tagebuch steht auch kein Wort davon, so gleichgültig war sie mir. Väterchen hat uns oft von einer Eigenheit seiner seligen Mutter gesprochen - eine böse Sache, eine Krankheit oder ähnliches, nannte sie nicht gern. „Das Wort kann sie sesthalten." Das muß ich von meiner Großmutter geerbt haben: Ich hätte Günthers Krankheit gar nicht buchen mögen. Günthers Fleiß und Energie kämpfen kraftvoll gegen die Schwäche an. Gott sei Dank, sein Chefarzt, der im Lazarett, paßt jetzt ein bißchen auf ihn auf. So wird es gehen. Die vierzehn Tage waren ihm sehr gut. Gelt, Günther, die zwei stillen Wochen brauchten wir zur Gesundung? Nun wissen wir Heide, wir haben unseren kleinen Knacks weg, aber — Zähne zusammengebissen, was? Wir tun so, als seien wir gesund. Die Hauptsache ist doch, daß einein keiner etwas anmerkt. Darf denn ein junger Mensch von 26 Jahren schon invalide sein? Und darf ein altes Mädchen von 40 eine — still doch! Krankheiten und schwere Sorgen nahm meine selige Großmutter gar nicht in den Mund. * Lottchen Beier war bei mir, Günthers neunzehnjähriges Wirtstöchterlein, das sich vergeblich müht, der Mutter Unzulänglichkeit durch mehr Eifer und Sachkenntnis wettzumachen. Sie wollte mir den Thermophor zurückbringen, den ich der Mama wegen der ewig halbkalten Wärmflaschen für ihren Patienten geborgt hatte. Und sie blieb zwei Stündchen.! Da ich Wäsche dabei aussuchte für die Flickstube des Frauenwohl, war die Zeit ja nicht verloren. Sie sprach erst in einem Klageton, dem man das Gewohnheitsmäßige anhörte, weinerlich über all das große Unglück im Land, und dann kamen die einzelnen Fälle, immer neue, immer tragischere. Sie schien sich förmlich anzustrengen, immer Schlimmeres und nie Dagewesenes zu berichten. Gottlob, bei einem jungen Maler, der den rechten Arm verloren haben sollte, konnte ich ihr dessen vollste Gesundheit bestätigen. Er hat eine Karte an den Kaufmann drüben geschrieben. Wie sonderbar ist doch die Welt! Noch immer nicht genug des Schreckens und der Trauer? Noch immer muß übertrieben, erdichtet, erlogen werden? Vielleicht ist es ein Glück, daß die Natur die Menschen so roh gemacht hat! Wären wir so, wie wir geglaubt haben zu sein, denkend und fühlend, wir könnten doch schon nicht mehr leben um all den sinnlosen Jammer ringsum. Aber wir leben und sorgen uns um Eigenes und Kleines, und es entspringt wohl nicht Lottchens Sondernatur, daß sie die Tränen nicht trocknete, als sie hörte, daß das Unglück des jungen Malers gottlob nur ein leeres Gerücht gewesen sei. Sie weinte heftig weiter und meinte unter ihrem Taschentuch hervor: „Ach Gott, die vielen, vielen jungen Witwen und die Bräute in Trauer. Heute wird wohl schon bald kein Mädchen mehr einen Mann kriegen." Ja, ja, Lottchen Beier, die große Welt kreist halt doch;u° letzt nur immer um das kleine Ich. (Fortsetzung folgt.) Lin Lied?ur Kriegsanleihe. (Noch der bekannten Melodie.) Von Gustav H o ch st e t t c r. enn Lu zehntausend Taler hast, So danke Gott und sei zufrieden; Nicht allen auf dem Erdenrund Ist dieses hohe Glück beschieden. Geh, hol sie aus dem Kassenschrank, Gib deinem Geld die rechte Weihe Und zeichne bei der nächsten Bank Die fünsprozentige Kriegsanleihe! Wenn du bloß hundert Reichsmark hast, Paß auf! Sonst gehn sie in die Binsen! Leg sie so fest wie möglich an Und gegen möglichst hohe Zinsen! Klein fing so mancher Große an; Aus eins wird zwei, aus zwei wird dreie — Das Beste, was es geben kann. Ist dies: du zeichnest Kriegsanleihe! I Und hast du keine hundert Mark, Nur zwanzig — sei drum nicht verdrossen Und suche dir zum Zeichnungszweck, So schnell es geht, ein paar Genossen! Mit denen trittst du Hand in Hand Zum Zeichnen an, in einer Reihe — Dann tatst auch du fürs Vaterland Das Deine bei der Kriegsanleihe! Druckfrhlkrbkrichtigung. In der vorigen Nummer, S. 127, linke Spalte, 18. Zeile von oben, lies statt Reichstags- Reichsbank-Präsidenten.

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