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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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143 ihrem Verlobungstage weinen und bei der Ungewißheit der Zukunft auch ernst gestimmt sein muß. Nachme Klinker hingegen, der neben der Braut saß, machte ein quietschvergnügtes Gesicht, ein breites, behagliches Lächeln lag auf seinen dicken Negerlippen, und seine kleinen Schweinsäugelein funkelten und blitzten vor Wonne. Dieser Eindruck wurde noch mehr verstärkt durch die verschwenderisch zur Schau gestellte knallrote Weste, die straff und festgeprallt sein Schmerbäuchlein umspannte, auf der eine dicke Goldkette Prahlerisch baumelte. Wie ein Kater warf er hin und wieder verliebte Blicke auf die neben ihm.sitzende, verschüchterte Braut und zermarterte sich im stillen den roten Puterkopf, warum sie jedesmal so heftig zusammenschauerte, wenn er versuchte, ihr sammetweiches Händchen heimlich mit seiner großen Tatze zu drücken und zu streicheln. Er hätte die Ursache leicht am entgegengesetzten Ende der Stube finden können, wo Refoel mit finstern Blicken und zusammengepreßien Lippen am Ofen lehnte.-Armer, armer Refoel! Mit deinem feurigen Kopf, mit deiner großen Sprachgelehrsamkeit, mit deinem „durchgegangenen" Gymnasium hast du doch den Bäcker Leiser nicht umkneten können, und jetzt mußt du es schweigend und geduldig mit ansehen, wie der dicke Viehhändler deine zarte Blume brechen und Pflücken wird. —- Jetzt entstand eine große Bewegung. „Die Verstellten kommen!' Die Purimspieler sind da! Na, paßt nur auf, was heute kommen wird!" so lärmte eine Rotte Jungen, die wild ins Zimmer stürzten und wie lachende und hüpfende Kobolde nach der Tür deuteten. Melle mit Uscher hatten zwar den Inhalt ihres Stückes streng geheimgehalten; aber sie waren geschäftsmännisch > schlau genug, durch hingeworfene halbe Andeutungen die Neugierde aufzustacheln und die Erwartung aufs höchste zu spannen. Aller Augen waren daher aus die Tür gerichtet, und ein unbändiges Gelächter brach los, als unsere beiden Helden sich zeigten. (Fortsetzung folgt.) Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Gold sch midt. (4. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Und sie erzählt mir schnell, wie sie gestern — das habe nun die Oberschwester doch nicht verhindern können — durch den Lazarettgarten heimgegangen sei zwischen all den Verwundeten durch, die in den Wegen herumgestanden hätten, und wie da ein Offizier zu seinem Kameraden gesagt habe: „Donnerwetter noch mal! Schneidiges Weib! — Frech! nicht?" Und sie lacht so seelenvergnügt, daß all ihre weißen, etwas zu großen Zähne sichtbar werden. „Du, wie wär's?" sie wendet sich wieder voll zu mir herum —, „ich finde die Idee sogar glänzend, das einzige, was dir augenblicklich helfen könnte. Du hast jetzt nicht die Energie, etwas zu planen, eine Reise zusammenzustellen, usw. — das nähme ich dir alles ab. Mädel, du — wir machen eine Reise zusammen. Du tätest ein gutes Werk an dir und, bei Gott, an mir auch." Und auf einmal ist die selbstsichere resolute Haltung fort. Cilli ist zusammengesackt. Sie sitzt seitwärts aus dem Stuhl, die Arme auf der Rückenlehne aufgelegt, den Kops darauf und weint fassungslos auf. „Aber, Cilli, um Gottes willen, was ist dir denn?" Nie war ich empfindlicher gegen die Tränen anderer, erbarmender für alles Menschenleid als seit Vaters Tod. Jedes Kinderweinen greift mir ans Herz und weckt in mir den Wunsch, zu helfen. „Cilli, um Gottes willen, was hast du denn? So höre doch. Reisen kann ich natürlich nicht mit, daran ist nicht zu denken, aber darin >vird ja auch nicht gerade das Heil für dich liegen. Vielleicht kann ich dir sonst helfen. So rede doch, wo fehlt es denn nur?" „Frag' doch lieber: wo fehlt's nicht?" Sie betont bitter das „nicht" und reibt wie zornig mit ihrem Taschentuch die Augen. „Du kannst dir gar keinen Begriff machen, wie schön es bei uns zu Hause ist. Ich", sie springt wieder auf und stellt sich breit vor mich: „du, hast du eigentlich eine Ahnung, warum man so ein Schaf ist und auf der Welt bleibt? Es muß doch immer noch so ein letzter Funken von Hoffnung, so ein letztes Restchen Glauben in einem sein, daß es einmal anders, einmal besser wird trotz seiner - ja, ja, liebe Gertrud, wir sind nun 40. Wir beide können uns nichts gegenseitig vorlügen. Du bist im Juli in die — pfui, daß man nicht erstickt an dem Wort, in die — 40 hineinspaziert, ich im August. Ich bin also einen Monat jünger." „Ach, Cilli, was ist das alles!" sage ich müde, „wenn dich sonst nichts drückt." — Aber ich wundere mich, daß es mir einen ganz leisen Stich gab, als sie das mit den 40 sagte. Warum? Mir kann es doch egal sein? Vaters „kleine Trude" war ich bis zuletzt. Wen habe ich jetzt, dem ich jung erscheinen möchte. „Das ist es ja auch nicht", nimmt Cilli wieder die Rede auf. „Wie gesagt, die 40 sieht mir Gott sei Dank keiner an. Aber — Gertrud, Gertrud, allein zu sein, etwas Liebes verloren zu haben, ist wirklich noch nicht das Schlimmste. Allein sein, mitten zwischen den sogenannten Lieben — ich kann es nicht mehr aushalten zu Hause. Sie knebeln mich und quälen mich — ich will fort, und sie lassen mich nicht." „Du mußt doch auch zu Hause bleiben, Cilli", sage ich. „Wie kann dir nur der Gedanke kommen, deine Eltern verlassen zu wollen! Ich wundere mich sogar, daß du den Helserinnenkursus mitmachen konntest. Sie sind doch beide hilfsbedürftig und leidend." „Und wenn ich mich nun verheiratete?" „Ja, dann", sage ich, „dann wär's wohl etwas anderes." „Die braven Kinder hat Gott lieb", sagt Cilli und sieht mich böse an. „Du kannst so bleiben. Ich, bei Gott, ich werde nie so. So verdummen könnte ich nicht. Gott sei Dank." „Danke dir, Cilli." Und dann geht sie endlich. So geht es mir immer mit Cilli. Wenn sie da ist, dann denke ich: „Wärst du doch erst fort!", und wenn ich so allein, besonders in schlechter körperlicher Verfassung bin, dann habe ich Verlangen nach ihr. * Den ganzen Tag habe ich mir zu tun gemacht. Ich bin todmüde. Da sollten doch auch die Gedanken schlafen. „Heute haben Sie mich aber ein bißchen gar zu tantenhaft behandelt," sagte Günther, als er gestern wegging, und sein Gesicht mit dem etwas betretenen Lächeln sah knabenhaft jung aus. Günther Hatte die Schelte verdient. Ist es nicht verrückt, sich so zuschanden zu arbeiten, daß das Herz, das bei richtiger Behandlung, wie Vater sagte, „hundert Jahre halten kann," versagen wollte? Und dazu die schlechte Pflege bei seiner Wirtin! Und wenn ich ihm sage, er soll aus,ziehen, meint er, wo anders sei es nicht besser, und er gewöhne sich so schwer an neue Fehler. Merkwürdig, nun bin ich seine „Tante Trude", und daß ich ihn hier pflegte, das ginge doch nicht. Verrückt ist doch die Welt, aber was hilft's? Man muß ihre Verrücktheit respektieren. „Muß man?" sagt Cilli. „Gar nicht muß man! Im Gegenteil! Ihr ein Schnippchen schlagen, wenn man frei ist." Ich schüttelte den Kopf.

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