Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229298--72982-3285437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 abgetragen, haben sich alle Weiber mit heiratsfähigen Töchtern fast lim ihn zerrissen. Aber Nachme Klinker ist nicht dumm, er ließ sich nicht einfangen, nnd jetzt wird er das schönste Mädchen in der ganzen Stadt zur Frau bekommen." „Gott soll sich meiner erbarmen! Was hast du für eine Gewure, um faule Maaßes zu erzählen! Das habe ich doch alles schon vorher so gut wie du gewußt. Ich wollte doch nur eppes anderes wissen: weil man doch in der ganzen Stadt sagt, daß Blümche weint und schreit und ihn gar nicht zum Mannnehmen will . . „Kann ich denn wissen, was der Narr im Sinne hat?" unterbrach ihn Melle. „Wie soll ich denn wissen, was du wissen willst? Und was heißt denn das ,Man sagt'?" ereiferte sich Melle immer mehr. „Es ist nicht nur ,Man sagt', sondern ich kann es beschwören, daß Blümche weint und schreit und ihn nicht zum Mann haben will. Seit Jahren trage ich doch für Leiser Bäcker das Brot und die Semmel zum Markt, und weil ich dort so oft bin, muß ich es doch ganz bestimmt wissen, daß sie lieber den Refoel, den Sohn vom Schammes, zum Chossen haben möchte. Und wirklich, der Refoel ist doch ein goldener Junge! Ich sage dir, Uscher, er hat einen Kopf, wie auf Räder! In zwei Jahren ist er das ganze Gymnasium durchgegangen — --ein feingebildeter Mensch und kann sprechen allerlei Sprachen, wie Schlaume Ha-Melech, wie der König Salomo, der auch verstanden hat die Sprache von allen Tieren und von allem Geflügel.-Ich sage dir nochmals, ein sehr feiner Mensch ist der Refoel! Und wer mir nur ein bißchen Gutes gönnt, dem wünsche ich ein halbes Schock solcher Söhne!- Und diesen möchte Blümche für ihr Leben gern haben, und er sic noch mehr. Aber was nützt es? Er ist nebbich arm, und dem Armen stirbt die Chochme im Magen und bleibt ihm im Hälse stecken!-— Du kannst mir glauben, Uscher, ich habe solches Mitleid mit diesen beiden jungen Menschen, daß ich sofort zehn Rubel in die Zdoko geben möchte, wenn noch in der letzten Stunde ein Wunder Passiert, daß diese zwei schönen Menschen sich doch noch heiraten können." „Du Schnorrer, du Lump, von wo willst du die zehn Rubel hernehmen? Tu denkst wohl, daß die Engel im Himmel weiter nichts zu tun haben, als in der Welt herumzuwandern und für lumpige zehn Rubel Wunder zu vollbringen!- Und wenn sie gar wollten, dürfen sie es doch gar nicht! Denn vierzig Jahre noch bevor Nachme Klinker und. Blümche Leiser geboren wurden, hat man doch schon im Himmel bekannt gemacht, daß diese beiden sich heiraten sollen. Also warum quälst du erst die armen Engel mit deinen faulen Geschichten? - - Oder," er war schon wieder auf dem Siedepunkt angelangt, „willst d u vielleicht ein solches Wunder machen? Wenn du das kannst, dann, geliebter Melle," und eine vernichtende Ironie schien sich bei Uscher aus allen Poren zu ergießen, „dann, geliebter Herr Melle, wenn d u Wunder machen kannst, dann mache mir auch eins: mache mich zu einem großen Kozen, und so wahr ich lebe, hier hast du meine rechte Hand daraus — ich werde nicht bloß zehn Rubel, wie du, Geizhalz, sondern fünfzehn Rubel in die Zdoko geben! Bin ich nicht viel nobler als du? Uebrigens," jetzt befand er sich wieder in seinem Fahrwasser, „übrigens, du dummer, großer Narr, mache dich nicht zum Schaute, wenn nur Blümche sich am Purim verlobt und wir dabei Geld verdienen —- dann mag sie nehmen, wen sie will!" Gegen dieses Argument ließ sich nichts einwenden; doch Melle mußte das letzte Wort haben, darum sprach er mit fast weinerlicher Stimme: „Ja, wenn sie nur nehmen könnte, wen sie will!" Damit war wieder einmal die Streitaxt begraben, und sie singen an, eifrig zu beratschlagen, wie sie ihr Spiel am besten einrichten sollten. Die Rollenverteilung machte keine Schwierigkeit; die körperliche Beschaffenheit der zukünftigen Schauspieler ergab dieses von selbst. Der robuste Uscher war der geborene herrschsüchtige Ehemann, während der winzige Melle für die schüchterne Frau wie geschaffen war. Ebenso befriedigend konnte auch die Kostümfrage bald erledigt werden; Uscher war fix und fertig, wie er stand, und für Melle war ein Frauenrock und ein Kopftuch ohne Schwierigkeit zu beschaffen. Freilich ließ Melles Ziegenbärtchen den Gedanken an eine vollkommene Weiblichkeit nicht so recht aufkommen-: doch das hat nicht viel zu bedeuten, und es konnte der Phantasie der Zuschauer überlassen" bleiben, sich das Weitere dazu zu denken. Während der nächsten paar Tage wurde fleißig gearbeitet und einstudiert, ohne sich ein einzigesmal zu zanken, und bald ging es wie Hammer und Amboß: Schlag auf Schlag, und als endlich das Fasten-Esther herankam, war die zweigliederige Schauspielergesellschaft von der Vorzüglichkeit ihres Unternehmens und von dem Gedanken des bevorstehenden Goldregens felsenfest überzeugt.- Die bevorstehende Verlobung wurde in der ganzen Stadt als ein gar wichtiges Ereignis besprochen. „Brot und Fleisch macht satt und gibt eine gute Mahlzeit!" war Uschers geistreicher Witz, der von Mund zu Mund ging und der auch viel dazu beitrug, unsere beiden Helden wieder in Erinnerung zu bringen. Inzwischen wurden bei dem Bäcker Leiser große Vorbereitungen getroffen. Wer in der Khille nur etwas galt, wurde geladen und versprach auch zu kommen; denn Leiser war bei allen wohl gelitten, weil er das Schalet am Schabbes noch nie hatte verbrennen oder zu spät aus dem Ofen nehmen lassen, und er hatte auch die beste Aussicht, nächstens Parneß zu-' werden. Wegen dieser doppelten freudigen Veranlassung, anderseits aber auch, um sein Bäckergewerbe zu' Ehren zu bringen, hatte er einen Barches hergestellt und gebacken, der, was Größe und Zahl der Rosinen und Mandeln betraf, ganz gut als achtes Weltwunder hätte gelten können. Am Abend wurden die Möbel aus der guten Stube geräumt und einige leere Heringstonnen hereingebracht, auf die ungehobelte Bretter gelegt wurden, um auf diese Weise eine lange Tafel herzurichten. Auf diese Tafel wurden nun acht Stück silberne Leuchter gestellt — — sechs davon hatte sich Frau Riwke von den Nachbaren ausgeliehen, die es sich als große Mizwo anrechneten, wenigstens indirekt der guten Sache dienen zu können, nebenbei aber die leise Hoffnung auf ein großes Stück Kuchen hegten. „Obenan", am Ehrenplatz, am Kopfende der Tafel, prangte der berühmte Barches, knusperig und goldbraun, dick mit Mohn bestreut; im messingenen Hängeleuchter knisterten und knasterten die frisch aufgesteckten Talglichter, und dort auf einem kleinen Nebentischchen mit einem geblümten Deckchen lagen zwei große Bogen Papier, ein nagelneuer Gänsekiel, zu einer Schreibfeder geschnitten, und stand ein vollgefülltes Fläschchen mit Tinte für den Rabbiner bereit, um die „Tnojim", den Ehevertrag, zu schreiben. Die Gäste ließen nicht lange auf sich warten; bald war die Stube voll gedrängt, und die lebhafte Unterhaltung und das fröhliche Treiben wurde bald so laut, daß keiner sein eigenes Wort mehr verstehen konnte. Am obersten Ende der Tafel saß Blümche, die tatsächlich ihrem Namen alle Ehre machte: ein Mädchen von kaum siebzehn Lenzen, in holder Unschuld, frisch und duftig wie eine Rose Sarons. Nur etwas bleich war sie heute, und ihre Augenränder zeigten eine gewisse Röte, die auf heftiges Weinen schließen ließ. — — — Aber das fiel weiter nicht auf: im Gegenteil, man fand es ganz natürlich, daß eine Braut an