Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Gelbgießkunst, das der Vorstand der Alten Synagoge, nachdem ich die Zeit der Herstellung festgestellt hatte, auf meine Bitte als Leihgabe unserer.Kunstsammlung überlassen hat. Lediglich bisher kulturellen Zwecken dienend, und in seinen! hohen Werte nicht erkannt, ist der Prächtige Leuchter nunmehr auS den ehrwürdigen Räumen des alten Gotteshauses in das helle Tageslicht der Oeffentlichkeit gerückt und findet erst hier seine volle Würdigung. Noch zwei andere Leihgaben verdanken wir der Alten Synagoge: einen kostbaren Thoravorhang mit überaus reicher Silberstickerei, den 1764 zum 50 jährigen Jubiläum der Synagoge der erste Vorsteher und Oberlandesälteste Daniel Jtzig stiftete, und einen zweiten, noch älteren und kostbareren Thoravorhang, den ich mir vom Synagogenvorstand erbat und dessen Stifter kein Geringerer als König Friedrich Wilhelm I. ist. Beide Vorhänge sind noch in gottesdienstlichem Gebrauch. Der letztgenannte wird nur zu Simchas - Thora, am Feste der Gesetzesfreude, ausgehängt; man bezeichnet«: ihn bisher merkwürdigerweise bald als Türkenfahne oder Türkenteppich, bald als Geschenk des Alten Fritz. Und doch hätte der Bericht in Königs Annalen der Juden in der Mark Brandenburg das Richtige lehren sollen, wo erzählt wird, daß 1714 zur Einweihung der Neuen Synagoge die Judenschaft eine kostbare, unter der Regierung Kurfürst Johann Georgs gewirkte seidene Decke von besonderer Schönheit von der Landesherrschaft zum Geschenk erhielt. Also kein Geschenk des Königs Friedrich Wilhelm I. an die Jüdische Gemeinde und keine Türkenfahne, sondern ein unter der Regierung Johann Georgs hergestellter Seidenteppich. In der Tat ist das brandenburgische Wappen eingestickt und darunter zu lesen: „Initium sapientiae timor Domini 1590. Ich fürchte Gott in allen Dingen." Mit dieser Feststellung und Identifizierung ist der brandenburgischen Kunstgeschichte ein hervorragendes Kunstwerk eingereiht, das eine köstliche Zierde unserer Sammlung bildet unkt schon allein ihren Besuch lohnt. Der Teppich war 1590 für ein kurfürstliches Jadschloß bestimmt, woraus die eingestickten Tierbilder und Jagdszenen Hinweisen. Die Jüdische Gemeinde hat auf die Seidendecke eine Königskcone und eine hebräische Inschrift aufnähen lassen, das ganze Stück oben und unten durch Samtansätze verlängert, oben Glöckchen hinzngefügt, dann war der Thoravorhang fertig. Nun wird er in den Monaten, in denen er in der Synagoge nicht verwandt wird, in unserer Kunstsammlung Auge und Herz des Beschauers erfreuen. (Schluß folgt.) 2SS Lin Kurimlpirl mit hmdernilltn. Humoreske von M. Pnlvermann. (2. Forts.) ie Art aber, wie Perez Wedel die Stadt verlassen, hat einen großen Aufruhr in der ganzen Khille verursacht, und weil er seine arme Frau — nebbich — hat sitzen lassen, darum will ich Dir alles haarklein beschreiben. Ich stand in meiner Schächtbude und habe mein Schächtmeffer geschliffen, da höre ich durch die Wand, aus der Nebenstube, wo Perez Wedel wohnt, weil er da wohnen muß, weil er die Kruppke gepachtet hat, weil bei ihm die Schlachtzettel gekauft werden müssen — da höre ich von dort einen großen, gewaltigen Schrei! Oeffne Deine Augen und Deine Ohren, mein vielgeliebter Bruder, damit Du hören, sehen und betrachten kannst das böse und sündige Treiben der Menschen, die ihre Frauen so schlecht behandeln." Melle mußte einen Augenblick innehalten, nur Atem zu schöpfen. Schon während des Lesens hatte er verstohlen hin und wieder einen Blick auf Uscher geworfen, um den Eindruck des gewaltigen und erschütternden Ehedramas zu beobachten, das der Schluß deS Briefes aufgerollt; doch dieser saß verdrossen und verbissen da, deutliche Zeichen seiner Ungeduld bekundend. Erst am Schluffe begannen seine Augen zu glänzen, und er blieb noch in Gedanken versunken, nachdem Melle schon eine ganze Weile aufgehört hatte. Jetzt sprang er auf diesen zu, und Melles Bärtchen erfassend, brüllte er mit seiner ganzen Lungenkraft: „Melle, bit kleiner, großer Taugenichts! Jetzt weiß ich, was für einen „Einfall" du hast. Wir sollen aus dem schlechten Perez Wedel ein gutes Purimspiel machen, damit auch die hiesigen Baale-Battim sich ein Beispiel nehmen und nicht so schlecht sein sollen, um ihre Frauen sitzen zu lassen! Wirklich, Melle," in seiner Ekstase vergaß er sogar das Schimpfen und verstieg sich noch zu einem Kompliment: „Du Haft wirklich ein kluges Köpfchen! Daher sollst du dir einen eisernen Reifen drum machen lassen, damit es dir nicht noch vor lauter Klugheit zerspringt." Melle lächelte unter Tränen. Uschers Anerkennung schmeichelte ihm gewaltig: aber nicht minder gewaltig war der Schmerz, den er noch in seinem Kinn verspürte, da Uscher ihn vor lauter Begeisterung so unsanft am Ziegenbärtchen gezerrt hatte. Doch die Freude war überwiegend, und er ließ den letzten Umstand einstweilen unbeachtet. „Wir wollen es genau so auswendig lernen," sprach er, „wie es im Briefe steht, und du wirst sehen, wie fein es sein wird. Wir bleiben dabei ernst und bekowed und werden doch viel Geld verdienen. Und gar erst die Frauen —!" Melle verstand es vortrefflich zuweilen auch Luftschlösser zu bauen; „vor lauter Dankbarkeit Herden sie uns noch die Hände küssen und warme Bärenfelle unter die Füße legen ..." Auch Uscher war von dieser herrlichen Aussicht ganz hingerissen. „Komm her, kleiner Knirps! Dafür bekommst du ein Glas heißen Tee, und wenn du fertig bist, wollen wir uns an die Arbeit machen, denn der Purim steht schon vor der Tür." „Dann rufe ihn herein und gib ihm einen Stuhl, daß er sich setzen kann," witzelte Melle hochbeglückt. „Und weißt du was," fuhr er, von einer neuen Idee völlig berauscht, fort, „der Bäcker Leiser wird doch am Purim seine Tochter Blümche mit dem reichen Viehhändler Nachme Klinker verloben, wo es doch hoch hergehen wird, und da wollen wir unser Stück zuerst auffuhren: — denn wo könnte man ein Theaterstück mit einer solchen wunderschönen Moral besser aufsühren, als wo zwei fremde Menschen bald unter der Chuppe verbunden werden sollen?" „Melle, geh weg von mir oder ich fress' dich vor lauter Liebe auf!" schrie Uscher, außer sich vor Wonne, wobei er wieder nach dem Ziegenbärtchen griff, das aber der Eigentümer durch das Vorhalten beider Hände zu schützen wußte. „Aber, Bruderherz, Schlemihl," fuhr Uscher etwas beruhigter fort, „wer ist denn eigentlich der Nachme Klinker, und woher stammt er denn? Man könnte doch auch etwas von ihm in unser Stück hineinlegen, um ihm ein bißchen zu schmeicheln. Ein Rubel von ihm wäre uns dann sicher." Uscher war nicht so unerfahren, um nicht die Schwächen der Menschen doch noch zu kennen. „Wer er ist?" gegenfragte Melle. „Weiß ich es denn? Du kennst ihn doch so gut wie ich. Vor zwei oder drei Jahren ist er hierher gekommen, und da er viel Geld mitgebracht und auch nicht auf den Kopf gefallen ist, ist er bald ein ganzer „Macher" in der Khille geworden. Und weil er noch ein Junggeselle ist, wenn auch schon ein bißchen angejahrt und