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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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— 187 - en. behauptet mein Angreifer freilich: „Was die Haltung des Zentrums betrifft, fo wiffen die berufenen Vertreter des Judentums sehr wohl, daß von einer judenfeindlichen Gesinnung des Zentrums kerne Rede fein kann. Im Gegenteil." Ohne mich mit dem sichtlich innerpolitisch weltfremden Schreiber dieser Zeilen aus eine Polemik darüber und über den ihm unbekannten Grad des Ansehens des antisemitischen Häuptlings Beckh einzulassen, verweise ich hier nur auf die von mir mitgeteilten höchst einseitigen, teilweise schroff antsemiti-schen Aeußerungen der „berufenen Vertreter" der drei maßgebenden Gruppen der bayerischen Zentrumspartei, Oswald, Speck, Schlittenbauer. Und dann richte der Leser! Auch die tendenziös völlig ungleichmäßige Berichterstattung der „Bayerischen Staatszeitung" versucht die „Deutsche Israelitische Zeitung" mir gegenüber weißzuwaschen: sie könne nämlich keine stenographischen Berichte bringen! (Jedoch unterdrückte sie, wie ich untrüglich nachgewiesen, eben alles was ihr nicht paßte uird änderte anderes bis zur Unkenntlichkeit.) Nur ein einziger Punkt erscheint mir gegenüber berechtigt; die von uns mehrfach festgenagelte Schweigsamkeit des Kriegsministers. Die „D. I. Z." druckt nämlich (wie sie sagt, zum zweiten Male) folgende Erklärung der militärischen Exzellenz vom 21. Februar ab: „Ich bin auf die Ausführungen des A-bg. Beckh zur sogenannten I u d e n s r a g e nicht eingegangen, weil ich geglaubt habe, daß über die Stellung der Heeresverwaltung in dieser Beziehung ein Zweifel nicht möglich sei. Ich stelle hiermit fest, daß es für nach keinerlei konfessionelle Unterscheidungen in der Armee gibt. Ich kenne keineJuden und Christen in der Armee, sondern nur gute und schlechte Soldaten, genau so wie es für mich während des Krieges keine Parteien gibt, sondern nur Staatsbürger, die ihre Pflicht tun, und solche, die sie verfall men. Weil die innerhalb des Deutschen Reiches nilgeordnete Statistik über die jüdischen Feldzugsteilnehmer immerhin den Ansehein erwecken konnte, als stehe sie im Gegensätze zu diesem Prinzip, bedauere ich die allerdings nicht beabsichtigte Wirkung dieser Maßnahme." Darauf erwidere ich, daß ich in keinem der von mir verglichenen und angeführten maßgebenden Tagesblättern auf diese gewiß erfreuliche Feststellung gestoßen bin; ich hätte ihr sonst sicherlich -durch Abdruck zu weiterer Verbreitung verholsen. Denn ich beklage aufs ernstlichste jene ganze mehrtägige Münchener Judendebatte und ihre traurigen Einzelheiten und würdige nach Chronisten- und Kritikerpflicht jede diesen gewidmete Abfuhr. Ob nach alledem das anmaßende Urteil meines erbosten Richters: „Die Anschauung des Herrn L. F. ist nicht die Anschauung Oer bayerischen Juden. Er hat zwar nicht gesagt, daß er in ihrem Namen spricht. Er kann es aber auch nicht" berechtigt ist, mögen alle billig Denkenden entscheiden. Daß die eben hier erneuerte Ansicht betreffs der orthodoxen „D. I. Z." nicht gilt, das allerdings weiß ich ebenso gut wie ich den Schaden kenne, der aus dem von ihr beliebten Splittenrichter- und Schtznsärbeverfahren hervorgehen muß. # Drei interessante auswärtige Nachrichten verschiedener Art, die zu besonderen Bemerkungen keinen Anlaß geben, entnehme ich dem „Leipziger Tageblatt", der „Wiener Reichspost" und dem „Wiener Fremdenblatt"; bei der an zweiter Stelle stehenden Nachricht ist nur hervorzuheben, daß das Blatt, das also berichtet, ein antisemitisches ist, das natürlich nicht verfehlt, seine hämischen Bemerkungen daran zu knüpfen, die begreiflicherweise an dieser Stelle ausgelassen worden sind: E i n v e r h i n d e r t e r jüdischerFlaggentag i n L o n d o n. (z.) Von der holländischen Grenze, 3. März. (Drahtbericht unseres Sonderberichterstatters.) Laut „Amsterdamer Handelsblad" hatte die russische Judenvereinigung in England beschlossen, nach dem Beispiel der verschiedenen Flaggentage für Wohltätigkeitszwecke für die alliierten Nationalitäten einen jüdischen Flaggentag in London zu veranstalten. Aus Veranlassung der Polizei, die die Veranstaltung für unerwünscht erklärte, wird dieser Flaggentag nicht stattfinden. Ein Bund a s s i in i l a t i o n s g e g n e r i s ch e r Juden in Polen. In Warschau ist, wie der „Polak-Katholit" (Sir. 48 vom 20. v. M.) mitteilt, ein Bund der orthodoxen Juden entstanden, eine Organisation, die die breiten Massen des polnischen Judentums umsasten will. Der Gründung des Bundes gingen mehrtägige Beratungen voraus, während deren sich bereits 17 000 Mitglieder eintragen ließen, lieber die Ziele des Bundes heißt es in einer in Warschau verbreiteten Broschüre: „Wir dürfen nicht zulasten, daß die Assimilation uns leitet, die das Judentum als einen toten Körper ansieht. Der Bund ist bestrebt,, die jüdischen Einrichtungen unbedingt mit Leuten zu besetzen, die seine grundlegenden Grundsätze anerkennen. Die rechtgläubigen Juden wollen dahin streben, daß alle Arbeiter in den jüdischen Einrichtungen unbedingt zu den Orthodoxen gehören. Wir müssen unsere eigenen Kräfte nach der Wirklichkeit würdigen, unbekümmert darum, ob es diesen oder jenen gefällt ... Der Bund erklärt offen, daß er alle Juden als Kinder des ewigen unsterblichen Israel ansteht, dessen nationale Seele nur das Gesetz Moses ist, das auch sein beglückendes Lebensziel ist. Ans ihni schöpft es sein Leben, für es gibt es sein Leben dahin." Die Amtss prache in Lodz. K. Lublin, 6. März. Wie „Glos Lnbelski" erfährt, hat die deutsch-jüdische Mehrheit des Lodzer Stadtverordnetenkollegiums beschlossen, sich bei den Beratungen sowie für die innere Schristführung des Magistrats der deutschen Sprache zu bedienen. Die Berhandlungen der nach Lodz entsandten drei Vertreter des Staatsrates sind erfolglos geblieben. Nach Ansicht der Lodzer Gemeinderatsmehrheit werde mit ihrem Beschlüsse der Polnischen Sprache, die als Staatssprache anerkannt werde, nicht nahegetretcn. Einen kurzen Zusatz muß ich dagegen einem Artikel der „Breslauer Zeitung" hinzufügen, der so lautet: Die jüdische Frage und die Entente. '1. U. A m sterda m, 6. März. Dem „Joodsche Wächter" zufolge hat unlängst Expräsident Taft in Washington zwei Vorlesungen über „Die Rolle der Juden im Laufe der Geschichte" gehalten. Znm Schlüsse legte Taft dar, daß nach seiner Meinung die Vereinigten Staaten verpflichtet seien, ihren ganzen Einfluß dafür cinznsetzen, daß die aktuell gewordene jüdische Frage auch auf dem nächsten Friedenskongreß zur Sprache käme. (Siehe auch im „Gemeindeboten" dieser Nummer die Korrespondenz New Port. Die Red.) Dagegen erklärte der französische Munitivnsminister Thomas dieser Tage in einer Unterredung, daß Rußland und Rumänien die jüdische Frage als eine interne Angelegenheit betrachteten und demnach dieselbe kaum auf dem Friedenskongreß zur Debatte gestellt werden könne. Wenn diese Nachricht sich bewahrheitet, woran nicht zu zweifeln ist, so muß man daraus schließen, was wir ausdrücklich anerkennen, obgleich wir augenblicklich keinen Grund haben, Amerika zu loben, daß die Vereinigten Staaten ihrer freiheitlichen Auffassung treu bleiben und sich auch weiter ihrer Pflicht bewußt sind, für die Unterdrückten einzutreten, während die Franzosen, nicht bloß ein einzelner Minister, sondern die ganze Nation, ihre Tradition, Vorkämpferin der Freiheit und Gleichheit zu sein, vollkommen aufgegeben haben, sobald ihr Verbündeter Rußland in Frage kommt. Man möchte ja immer hoffen, daß Frankreich nun, da Rußlands Verhältnisse sich in ihrer ganzen Erbärmlichkeit enthüllt haben, zu einer besseren Einsicht gelangt, aber es ist schwer, hier an eine Umkehr zu glauben. Es bleibt schon einmal bei dem Goetheschen Wort: „Töricht, auf Besserung der Toren zu harren." Wie weit die eben vollzogene Revolution in Rußland, aus die wir oben eingegangen sind, einen vollkommenen Umschwung in Rußland vorbereiten wird, wagen wir nicht zu sagen, aber es wäre höchst beschämend für Frankreich und England, wenn sie nicht imstande gewesen wären, ihren

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