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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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135 gestaüung unseres innerpolitischen Lebens in mancher Beziehung führen muß und führen wird, allen Widerständen zum Trotz." Er fügte hinzu: „Wir werden nach dem Krieg vor die gewaltigsten Aufgaben bestellt werden, die wohl je einem Volke beschicken sind, vor Aufgaben, die so gewaltig sind, daß das ganze Volk in allen seinen Schichten, daß jedermann im Volk mit Hand anlegen muß, wenn wir uns überhaupt wieder herausarbeiten wollen. Eine starke auswärtige Politik, auch sie wird nach dem Kriege notwendig sein gegenüber unseren Feinden, denen wir nicht gegenübertreten wollen mit großen Worten, mit Renommieren, mit Sichinszeugelegen, sondern mit der inneren Stärke des Volkes. Diese äußere Politik können wir nur treiben, wenn, das staatliche, das vaterländische Bewußtsein, das in diesem Krieg doch in ganz neuen und uns bisher unbekannten Formen zu wunderbarer Wirklichkeit geworden ist, beibehalten und gestärkt wird. Eine solche Politik der Stärke, und eine solche innere und äußere Politik können wir nur führen^ wenn die politischen Rechte der Gesamtheit des Volkes in allen seinen Schichten, auch in seinen breiten Massen, voll berechtigte und freudige Mitwirkung an der staatlichen Arbeit ermöglichen." Was er dann im einzelnen forderte und in Aussicht stellte, ist die Regelung des Arbeiterrechts und des preußischen Wahlrechts. Er versicherte zum Schluß, alle seine Kraft eineinzusetzen, um diese Gedanken zur Ausführung zu bringen. Das sind goldene Worte, die um so wertvoller sind, als man die Ueberzeugung hegen darf, daß sie zu Taten führen werden. Es ist wohl begreiflich, daß die Konservativen mit den liberalen Anschauungen des leitenden Staatsmannes sich nicht befreunden können, die in dieser Rede zum Ausdruck kommen. Schwerer zu fassen ist es, daß die Treibereien gegen die auswärtige Politik des Kanzlers weiter dauern. Ein Zeugnis dafür ist ein in den nächsten Tagen erscheinendes anonymes dickes Buch von 30 Bogen, von dem das „Berliner Tageblatt" einstweilen kurze Kunde gibt. Wir würden keinen Grund haben, auch dieses Buch zu erwähnen, wenn nicht nach derselben Quelle sich in dem Werke eine Ausführung fände, die das „Berliner Tageblatt" in folgender Weise wiedergibt: Ebenso entrüstet sich der ungenannte Verfasser darüber, daß der Kanzler vor Ausbruch des Krieges in dem Bestreben, den Krieg zu lokalisieren, England das Angebot gemacht hat, unter der Voraussetzung der Neutralität Englands, die territoriale Integrität Frankreichs zu gewährleisten. Darüber heißt es in dem Buche: „Man denke sich denselben Fall einmal in einem Volke, das noch nicht in so hohem Maße durch das Schlafgift der jüdischen Preffe um seinen politischen Verstand gebracht ist, wie das deutsche." Man erkennt daraus, daß der seit längerer Zeit mit allen Mitteln gegen den Kanzler geführte Feldzug nicht frei von antisemitischen Tendenzen ist. Schon aus diesem Grunde sind wir genötigt, ihn zu bekämpfen. * Zu den innerpolitischen Bewegungen, die große Wichtigkeit für uns besitzen — denn für uns deutsche Juden ist alles bedeutsam, was einen Fortschritt vorbereitet gehört auch das kühne Auftreten des preußischen Abgeordnetenhauses gegen das Herrenhaus. Dieser Ansturm, entstanden durch die Weigerung des Herrenhauses, die neue Diätenvorlage des Abgeordnetenhauses zu bewilligen, ist ein Zeugnis dafür, daß das letztere sich der Pflicht bewußt ist, gegen veraltete Institutionen Front zu machen, die unter dem Druck der Reaktion entstanden sind, und daß es den ernsten Willen hat, soviel an ihm liegt, ein Ueberbleibsel einer traurigen Epoche abzuschafsen. * Das Wichtigste aber, das in der vergangenen Woche geschehen ist und das in den nächsten Wochen bis zum 15. April unser Interesse wach erhält, ist die s e ch st e Kriegsanleihe. Schon in dem Inseratenteil unserer vorigen Nummer waren die Zeichnungsbedingungen angegeben, und an der Spitze des letzten „Gemeindeboten" ist nachdrücklich auf die Bedeutsamkeit der neuen Anleihe hingewiesen. Wir dürfen es an einem solchen Hinweis gleichfalls nicht fehlen lassen. Obgleich oder weil unsere Feinde sich in der letzten Zeit gemehrt haben, denn außer Amerika hat sich auch China zu ihnen gesellt, das, ohne die Feindseligkeiten zu eröffnen, doch die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland abgebrochen hat, ist die Hoffnung, ja, die Zuversicht auf einen nahen Frieden eine allgemeine. Aber bis dahin muß der furchtbare Krieg mit aller Energie weitergeführt werden. Daß zu der Kriegführung Geld gebraucht wird, ist ein altes, oft wiederholtes Axiom. Die Kriegskosten sind, wie in allen Ländern, so auch in Deutschland ungeheuer, und doch müssen sie willig getragen werden. Der deutsche Patriotismus hat sich bei den fünf bisherigen Kriegsanleihen glänzend bewährt; er wird, darauf vertrauen wir sicher, sich auch bei dieser neuen Kriegsanleihe, und wenn sie auch nicht die letzte bleibt, wiederum zeigen. Es ist diePflicht eines jedenDeutschen, nach seinen Kräften für diese Anleihe beiz u st e u e r n. Jeder, der verfügbares Geld hat, muß es dem Vaterlande zur Verfügung stellen. Jeder, der sein Geld in anderen Kapitalien angelegt hat, muß sich sagen, daß er es zunächst dem Vaterlande schuldet. Die Sicherung und die glänzende Ausgestaltung dieser neuen Kriegsanleihe ist aber eine der vornehmsten Pflichten namentlich aller derer, die zu Hause geblieben sind, der wenigen, die in ihrem Kreise von den unmittelbaren Schrecknissen des Krieges verschont worden sind. Aber aller, wenn sie auch äußerlich und innerlich gelitten haben, heiligste Gewissenssache ist es, von ihrem eigenen Leiden abzusehen und dem Ganzen sich anzuschließen, denn jeder muß muß sich sagen, daß die Sache des Vaterlandes seine eigene ist und daß die Gewährung der Mittel zu einer glorreichen Beendigung des Krieges und zur Herbeiführung eines gesegneten Friedens auch für ihn die wichtigste Lebensfrage genannt werden muß. Daher säume keiner, sein Scherflein beizutragen. * Von den eigentlichen K r i e g s e r e i g n i s s e u ist nur zu sagen, daß auch in den letzten Wochen die Tätigkeit der Unterseeboote sehr groß gewesen ist. Nach einer amtlichen Feststellung sind im Laufe des Monats Februar gegen 780 000 Registertonnen feindlicher und neutraler Schiffe versenkt worden. In den letzten Tagen sind wieder 116 000 Registertonnen vernichtet worden. An allen Fronten wird heftig gekämpft; nirgends indessen sind entscheidende Ereignisse geschehen: auS den amtlichen Berichten geht hervor, daß unsere herrlichen Truppen an manchen Stellen hübsche Erfolge zu verzeichnen haben. * Von deutsch - jüdischen Verhältnissen ist folgende Zuschrift des Abgeordneten Karl Kanzow an das „Berliner Tageblatt" zu erwähnen: In der mir vorliegenden Nr. 15 der „Apvthckcrzeitung" vom 21. v. M. fordert der Regierungspräsident in Magdeburg geeignete Bewerber auf, sich um die erledigte Konzession der Nordsrvnt-Apothekc in Magdeburg zu bewerben. Er verlangt von den Bewerbern Angabe ihres Glaubensbekenntnisses. Scheinbar reimt sich zwar Konzession und Konfession. Sachlich haben sie aber nichts miteinander zu tun. Ich verstehe nicht, auf welche Gesetzesbestimmung oder aus welche Berwaltungsanordnung der Regierungspräsident in Magdeburg sich zu stützen glaubt, wenn er Angabe des Glaubensbekenntnisses verlangt. In Preußen gilt doch immer noch § 5 II, 11 des Allgemeinen Landrechts, daß der Staat von dein einzelnen Untertan die Angabe, zu welcher Religion er sich bekenne, nur dann fordern darf, wenn die Kraft und Gültigkeit gewisser bürgerlicher Handlungen

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