Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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v W’’' MWM vernommene Gottesstimme Autoritäten sind, während sich eine heilige Schrift erst im Verlauf, ein Lehrstand erst gegen Ende seiner Geschichte sich bildete. Und doch hat sich in der bunten Fülle eines solchen Lebens, das noch dazu durch einen lebhaften und komplizierten Umbildungsprozeß hindurchgegangen ist, ein göttlicher Geist kristallisiert; und doch hat der ganze religiöse und ethische Inhalt des Neuen Testaments die entsprechenden jüdischen Gedanken zur Voraussetzung und wird von diesem aus erst völlig verständlich. Hinter den Gedanken des Neuen Testaments erblickt der Kundige überall die Gedankenwelt des zeitgenössischen Judentums. Das sind Tatsachen, die von allen christlichen Theologen und Bibelkritikern zugestanden werden. Daher werden uns die neuesten Ergebnisse der Assyriologie, aus der man manche Berührungspunkte zwischen Jsvaelitismus und Semitismus herausschnüffelt, durchaus nicht abschrecken. Es soll der Bekenner des Judentums durch diese Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugen, daß seine von den Vätern ererbte Religion zwar nicht dem Wesen und der Idee, aber der äußeren Erscheinung nach einen Entwicklungsgang fordert, daß das Judentum der Gegenwart nicht mehr dasselbe Gewand seiner Vorzeit trägt, und daß sich das jetzige auch für die Zukunft ändern wird. Diese Ueberzeugung möge ihn zum Unterscheiden führen zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Schale und Kern. Sie möge ihn aber auch ferner lehren, daß seine Religion nicht an Altersschwäche gestorben sei und begraben werden müsse, sondern daß sie in voller Lebenskraft sich befindet; daß sie wegen ihrer Selbsterhaltung sich zwar manchmal in ein Leichengewand hüllen mußte, um in dieser äußeren Erstarrung den inneren Lebenskeim gegen die heftigen Stürme der Weltgeschichte desto sicherer schützen zu können, daß sie aber diese Lebenskeime in voller Kraft sich wieder entwickeln läßt, sobald die Frühlingssonne der Toleranz, der Zivilisation und der Humanität es gestattet. Die Woche. Berlin, den 20. März 1017. nt Vordergrund der Ereignisse steht die r u s s i s ch e R e - % vvlution. Zunächst ist mitzuteilen, daß dort die lang erwartete Erhebung ausgebrochen und vollkommen siegreich verlaufen ist. Nachdem die Neichsduma entgegen der vom Zaren ausgesprochenen Auflösung ans ihrem Posten verblieben war, die provisorische Regierung übernommen und die Minister gesangengesetzt hatte, die nach einem der vielen verbreiteten Gerüchten ermordet sein sollen, hat der Zar Nikolaus abgedankt, und sein um zehn Jahre jüngerer Bruder Michael Alerandrowitsch ist zum Regenten proklamiert worden. Er will erst den Thron annehmen, wenn sich die neue Regierung konstituiert hat; auch die Ministerliste wird bereits initgeteilt. Das sind alles wirkliche Ereignisse. Daneben laufen unkontrvllierbare Gerüchte, wie das von der Ermordung des englischen Gesandten. Was über diese Revolution zu denken ist, läßt sich nicht bestimmt sagen. Aus den Kommentaren der englischen und französischen Blätter, die trotz ihrer ehemaligen abgöttischen Liebe zu dem Zaren die Revolution durchaus sympathisch begrüßen, so daß sogar eines der feindlichen Blätter die Erhebung das größte Ereignis der Weltgeschichte seit der Französischen Revolution nennt, kann man schließen, daß unsere Feinde in dem Ereignis einen für Deutschland ungünstigen Schlag sehen. Abgesehen von den lügnerischen Phrasen, die in dieser Erhebung nicht den Staatsstreich einer Partei, sondern den Sieg eines liberalen Umschwungs erblicken, scheint bei unseren Feinden die Ueberzeugung Vvrzuwalten, daß damit der dem Frieden geneigte oder wenigstens schwankende Selbstherrscher beseitigt und die unbedingte Kriegspartei ans Ruder gekommen ist. Zu diesem Schlüsse ist man auch durch den Umstand berechtigt, daß nach einem der unzähligen umlaufenden Gerüchte der schlimmste Kriegshetzer und der größte Feind Deutschlands, Nikolai Nikolajewitsch, zum Generalissimus ernannt worden sein soll. Demgemäß hätten wir als Deutsche über dieses Ereignis eher zu trauern als zu jubeln, weil dadurch jede Hoffnung auf einen Separatfrieden mit Rußland, die immer wieder auftauchte, geschwunden ist und der Krieg ins Endlose verschleppt sein dürfte. Indessen läßt sich ein bestimmtes Urteil nicht fällen. Aus dem am 19. d. M. veröffentlichten Programm der Regierung, das von Krieg und Sieg nicht spricht, geht hervor, daß sie gewillt ist, Rußland liberal, ja demokratisch zu leiten. Für uns als deutsche Juden erhebt sich außer dem lebhaftesten Interesse für diese neue überraschende Wendung der Dinge — überraschend, obgleich viele Politiker schon seit Jahren eine Umwälzung in Rußland vorher verkündeten — nun die eine bange Frage: Wie wird sich die Lage der Juden in dem neuen Rußland gestalten? Zunächst kann man nur vermuten, daß die Erstürmung der Gefängnisse und die Befreiung der dort weilenden Insassen auch vielen eingekerkerten Juden die Freiheit gegeben haben wird. Aus den Namen der Minister, als bereit Präsident Fürst Lwow bezeichnet wird, und aus dem, was bisher von dem neuen Regenten bekannt geworden ist, kann man sichere Schlüsse nicht ziehen. Von dem neuen Regenten weiß man nur, daß er ein Sportsfreund ist, ein im Gegensatz zu seinem zehn Jahre älteren Brtlder, der nun schnell in das Reich der Vergangenheit zurückgegangen ist, selbständiger Charakter, ein Mann, der sich nach seiner Neigung mit einer nach der Meinung seiner Vertvaitdten unebenbürtigen Frau vermählt, allen Einflüssen seiner Familie getrotzt hat und erst unmittelbar vor Ausbruch des Krieges wieder in Gnaden ausgenommen. worden ist. Die politische Stellung vieler Minister wird als liberal bezeichnet. Zum Teil sind es Männer, die früher wegen ihrer politischen Stellung gemaßregelt waren, zttin Teil erklärte Freunde der Arbeiter, obgleich aus der gerade in Rußland starken Zahl der Sozialisten keiner Mitglied des neuen Kabinetts geworden ist. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die große Wandlung, die sich in den inneren Verhältnissen des Zarenreiches vollzieht, auch für unsere unglücklichen Glaubensgenossen bedeutsam werden könnte. # Auch in F r a n frei ch kriselt cs mächtig. Der Kriegsminister Liautey hat seine Stellung niedergelegt, ein anderer ist provisorisch mit dem Amte betraut worden. Einige Tage später ist das gesamte Ministerium zurückgetreten. Italien, gegen das energische Vorstöße seitens der Unsrigen geschehen sind, ist kriegsmüde und befindet sich in großer Not. Die Verhältnisse in Deutschland können uns hier nur teilweise beschäftigen. Die unqualifizicrbaren Reden des Abgeordneten Paul Hoffmann im prettßischen Abgeordnetenhause, die wie ein Echo der Ententeredner klingen, sollen hier nicht analysiert werden. Auch die Debatten über die Ernährungsfrage und das Sturmlatifen gegen den Minister der Landwirtschaft hat, wenn es auch jeden einzelnen angeht, mit dem Zwecke dieses Blattes nichts zu tun. Wichtiger für uns ist die große hochpolitische Auseinandersetzung, die der deutsche Reichskanzler als Preußischer Ministerpräsident im Abgeordnetenhause gehalten hat. Denn diese hochbedeutende Darlegung ergibt einen vollkommenen Bruch mit der Vergangenheit. Ter Reichskanzler sagte: „Ich habe mich im Reichstage wiederholt über große innerpolitische Fragen ausgesprochen. Ich habe dabei meiner unerschütterlichen Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß das Erleben dieses Krieges zu einer Um-