Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Nr. 12 Allgemeine Berlin, 23. März 1917 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonneme nts-preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich Z IN. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an di» Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6*9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. flttfltfllt* Der Begriff iber „Entwicklung in der jüdischen Religion. Dr. B. Seligkowitz (Köthen). — Die Woche. — Die Ausstellung der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Aus dem ani Eröffnungstage erstatteten Bericht von Moritz Stern. — Feuilleton: Ein Purimspiel mit Hindernissen. Humoreske von M. Pulvermann. — Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Ein Lied zur Kriegsanleihe. Von Gustav Hochstetter. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Warum man Kriegsanleihe zeichnet. — Berlin, Posen, Hamburg, Köln, Frankfurt a. M., Mainz, Wien, Budapest, New I.ork. — Von Nah und Fern. Der tftegriff der „Entwicklung" in der Milchen Seligion. Dr. B. Seligkowitz (Köthen). 3 nt Fortschritt der neueren Wissenschaft hat sich kein Prinzip so fruchtbar erwiesen wie das der Entwicklung. Alle Zweige der modernen Wissenschaft wetteifern in seiner Anwendung und haben damit die erfreulichsten Resultate zutage gefördert. Die Geologie deutet die auseinander gelagerten, erhärteten Schichten der Erdkruste im Sinn einer Entwicklungsgeschichte des Erdballs. Die Biologie reiht die lebenden und versteinerten Exemplare von Pflanzen und Tieren aneinander und konstruiert die Entwicklungsgeschichte des organischen Lebens unserer Erde. Die Sprachforschung stellt den Stammbaum der menschlichen Sprachen auf und sucht in ihnen nach Merkmalen, die auf die vorgeschichtlichen Zeiten des Menschengeschlechts Licht werfen und Tatsachen enthüllen, für die seit Jahrhunderten keine Erinnerung mehr bestand. Die Anthropologie findet in Gestalt und Gesichtsausdruck des Menschen rudimentäre Anzeichen, die auf seine Entwicklung aus niederen Lebensformen schließen lassen. Die Geschichte endlich bringt die Kulturentwicklung der Menschheit seit historischen Zeiten zur Darstellung. In allen diesen Wiffenszweigen zeigt es sich, daß wir die Erscheinungen erst dann richtig verstehen, wenn wir ihr Werden richtig begriffen haben. Darum sagt schon der alte Heraklit: „Vielwisserei erzeugt nicht Vernunft; nicht in der Erkenntnis des einzelnen Gewordenen, sondern in der des Werdens liegt die Vernunft." Diesen Gesichtspunkt müssen wir sesthalteu, wenn wir die positiven Religionen überhaupt und die jüdische Religion insbesondere verstehen und begreifen wollen. Keine positive Religion, die je die Menschheit bewegt hat, hat die Fähigkeit besessen, einen neuen Anfang zu machen und sich so darzustellen, als ob hier zum erstenmal Religion zur Erscheinung käme. Vielmehr mußten sich die positiven Religionen auf einer Grundlage ausgestalten, die bereits durch die älteren religiösen Anschauungen und Bräuche in Anspruch genommen war; sie mußten davon verdrängen, was sie sich nicht anpassen konnten. Mochten sie aber die alten Bestandteile der alten religiösen Anschauungen und Bräuche verwerfen oder in sich aufnehmen, in jeder Hinsicht hatten sie mit ihnen zu rechnen und ihnen gegenüber feste Stellung einzunehmen. Um daher das Judentum sowohl nach seiner geschichtlichen Grundlage und Gestalt wie nach seinem inneren Grundgedanken^ und nach seinem inneren Wesen richtig zu verstehen, müffen wir uns zur Ueberzeugung führen, daß das Judentum auf einem jeden Stadium seines Entwicklungsganges als ein Glied der Menschheit betrachtet sein will, das wegen seiner ununterbrochenen Teilnahme an dem regen Leben des menschheitlichen Organismus die Bewegungen zeigen mußte, die es im Laufe der Weltgeschichte darstellte. Das Judentum ist mit der Menschheit vor- und rückwärts geschritten, nahm trotz seiner Isolierung den innigsten Anteil an ihren Jrrtümern und Schwächen sowohl als auch an ihren Entdeckungen und Krastäußertlngen. Die Juden kämpften für Herd und Vaterland in der antiken Welt, schwärmten mit Phantasiebildern ebensogut >vie ein Plotin und Porphyr; wetteiferten mit Mauren um den Sieg der aristotelischen Philosophie und in der gereimten Poesie; trieben mit ihren Zeitgenossen Astrologie rrnd Alchemie, verfertigten ihre Amulette und Talismane und erwiderten die grausamen Verfolgungen und die erduldeten Folterschmerzen oft mit Haß und Rachedurst. Nur unter diesem Gesichtspunkt der Entwicklung werden wir zum richtigen Verständnis des Unterschiedes gelangen zwischen dem Judentum in seiner äußeren Erscheinung auf seinen verschiedenen Entwicklungsstadien und dem Judentum nach seinem inneren Wesen, nach seiner inneren Idee. Man bilde sich aber aus keinen Fall ein, daß man durch die assyriologischen Funde der Neuzeit die israelitische Religion ins Herz getroffen habe. Schülerhafter und kindischer kann wahrlich das Wesen und die Idee des Judentums nicht aufgefaßt werden, als wenn man die buntscheckigsten Lappen der Keilinschriften-Literatur zusannnenflickt und sie als Judentum präsentiert! Die Ergebnisse der Asshriologie bestätigen nur das, was wir niemals bestritten haben und auch jetzt nicht bestreiten, daß die jüdische Religion auf dem Boden des semitischen Heidentums gewachsen ist; und eine Hauptaufgabe der alttestamentlichen Theologie wird es nunmehr sein, die Berührungspunkte zwischen Jsraelitismus und Semitismus darzustellen und abzuwägen. Aber dieses semitische Heidentum galt der israelitischen Religion nur als der Dünger, während die Kraft eines neuen, ihr allein eigenen Prinzips die Frucht ist, die noch jetzt die ganze zivilisierte Welt nährt. Wir dürfen uns also auf keinen Fall der Erwägung verschließen, daß es sich in der israelitischen Religion um die religiöse Entwicklung von mehr als einem Jahrtausend handelt. Jin Alten Testament handelt es sich nm den Glauben, die Sitten und die kultischen Institutionen eines Volks, dem zunächst nur die mit dem Willen seines Gottes sich deckende Volkssitte und die im Orakel der Priester, Seher und Propheten