Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ultb in noch gesteigertem Maße, die Briese über Mendelssohn, mit deren Zusammenstellung und Mitteilung Ludwig Geiger sich ein großes Verdienst nicht nur um die jüdische, sondern auch um die allgemeine Literatur erworben hat. - Es folgen dann ein Beitrag zur jüdischen Volkskunde von N. Al. Nathan: „Aus den Jugenderinnerungen Karl Friedrichs von K lüden", ein feindurchdachter und sehr beachtenswerter Aussatz „Jüdische Kriegsgedanken" von Rofalie Perles und eine interessante Erinnerungen darbietende Novelle „Mirele" von Ulla Wolfs-Frank, ans der wir alte, liebe Heimatsklänge vernehmen. Ten Abschluß bilden die Mitteilungen Nr. 24 aus dem Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland, die gegenwärtig 207 betragen. A Az. Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurückfendung der Bücher stndet in keinem Lalle statt. Neue Jüdische Monatshefte, 1. Jahrgang. 2.). Februar 1917. Heft 10. Verlag der Neuen Jüdischen Monatshefte, Berlin/München. Le Moniteur Polonais. Revue Politique. No. 3. 15 Fevrier 1917. Redaction et Administration: 27, Rue de Bourg, Lausanne. Ter Trotz unserer Feinde. Predigt an Kaisersgeburtstag 1917, gehalten von Rabbiner Dr. Auerbach. Truck von Neinhold Kühn, Elbing. St. A. Kempner: Die jüdische Frage in Polen. Erschienen :n „Nord und Süd", 41. Jahrgang, 1917, Marz. Polennmluner 23. Tie Psalmen. Herausgegeben von D. E. A. Witz-Oberlin und G. M. Loewen. Bad Nassau (Lahn) 1916, Verlag der Zentralstelle zur! Verbreitung guter deutscher Literatur. Jüdische Kriegsheste. 1. Heft. Unsere Friedenssrage. Von einem Zionisten. Moriah-Verlag, Wien 1917. Maria Janitscheks Gedichte. 1. bis 3. Tausend. Berlin 8 14, I. Hermann -Herz G. nt. b. H., 1917. Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871. Von Alfred Stern. Siebenter Band (Tritte Abteilung, erster Band): Geschichte Europas von 1848 bis 1871. I. Stuttgart und Berlin 1916. I. G. Eottasehe Buchhandlung Nachfolger. Sprrchlsal. Von der Unterzeichneten Stiftung sind die „Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden", Festschrift zum 70. Geburtstage Martin Philip p s o n s , herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, für jüdische Lehrer und Jugendvereine zum Preise von 3 Mart statt 14 Mark zu beziehen. Bestellungen unter gleichzeitiger Einsendung des Betrages an Herrn Tr. Nathan, Postscheckkonto Berlin 11 776. Die Bestellungen werden in der Reihenfolge ihres Einganges erledigt; sofern mehr; Bestellungen ein gehen, als Exemplare zur Verfügung stehen, erfolgt Rückzahlung! des Betrages. L u d w i g - P h i l i p p s o n - G e d ü ch t n i s - S t i f t it n g. I. A.: Tr. N. M. Nathan. Für die jüdischen Geisteskranken. Die folgende Darlegung möchte die jüdische Oeffentlichteir auf eine wichtige Aufgabe unserer sozialen Fürsorge Hinweisen. Unser Gefühl mitleidenden Nebenmenschen orientiert sich zurzeit fast ausschließlich am Kriege. Als vordringlich gelten nur die Angelegenheiten, die eine Beziehung zum Kriege haben. Daher auch unser Mitleid neben den vom Schwert Erschlagenen oder Verstümmelten sich vornehmlich den vielen Tausenden zuwendet, die irgendwie unter den Folgen des Krieges leiden. Unglücklichen Menschen, die sich nicht als Kriegsopfer legitimieren tonnen, gelingt es heute schwer, Erbarmen zu finden. So erklärlich und verständlich aber auch diese Konzentration des Mitleids auf die vom Kriege Betroffenen und unter dem Kriege Leidenden ist, so sollten wir doch nie vergessen, daß es auch unabhängig vom Kriege soziale Pflichten gibt, die nicht beiseite geschoben werden dürfen, soll der Krieg, so rücksichtslos wie er materielles Gut zerstört, nicht auch unersetzliche seelische Werte vernichten. In der Einseitigkeit, mit welcher wir vom Kriege unser seelisches Inventar requirieren lassen, liegt eine kulturelle Gefahr, die am allerwenigsten von den Bekennern einer Religion unterschätzt werden sollte, die auch ihre Kriegsgesetze mit ethischen Forderungen durchsetzt. Zu den vom Kriege unabhängigen sozialen Pflichten gehört auch die Fürsorge für die Geisteskranken. Wer jemals eine Irrenanstalt besuchte, weiß, daß unter allen Krankheiten vielleicht keine so wie die des Geistes Mitleid herausfordert und Mitleid verdient.. Den Geisteskranken ihr bedauernswertes Los möglichst erträglich zu machen, wirb dementsprechend überall als eine hohe soziale Pslicyt empfunden, seitdem die mittelalterliche Anschauung, die in jeoem Geisteskranken ein schuldbeladenes Opfer finsterer Dämonen sah, einer menschenfreundlicheren Dent- und Gefühlsweise gewichen ist. Es ist nun eine bekannte Tatsache, daß leider ein großer Prozentsatz der Geisteskranken der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehört. Was immer der Grund dieser schmerzlichen Erscheinung ist — zu ihrer restlosen Ergründung wird unseres Erachtens der Psychiater auch die Winke der neuzeitlichen Religions- und Kulturgeschichte der Ji'den wohl beachten müssen — sie ist eine Tatsache, an der unsere humanitäre und religiöse Fürsorge nicht achtlos vvrübergehen darf. Eine unablveisbare Pflicht der jüdischen Gemeinschaft ist es, ihren Geisteskranken eine Existenzmögllchkeit zu verschaffen, die ihren Ansprüchen als Kranken wie als Juden in gleicher Weise gerecht wird. Tie weitverbreitete Meinung, daß Geisteskranke mit der Gesundheit ihres Geistes auch das religiöse Bewußtsein eingebüßt haben, ist ein schwerer Irrtum. Jeder Seelsorger, zu dessen amtlichen Aufgaben auch der Besilch jüdischer Geisteskranker zählt, hat Gelegenheit, zu beobachten, wie erstaunlich rege und hell in lichten Momenten das jüdische Bewußtsein auch in kranken Gemütern ist, wie in diesen armen, bedauernswerten Seelen das religiöse Gewissen nicht erloschen! ist, vielmehr bei jeder Gelegenheit wie eine entfesselte Flamme hervorbricht, sobald sich die Patienten nur etwas freier und wohler fühlen. Insbesondere wird es von gar manchen Kranken als eine schwere Gewissensnot empfunden, wenn es ihnen nicht möglich ist, sich rituell zu verköstigen. Um hier Abhilfe zu schassen, tjt vor kurzem der „Verein für rituelle Verpflegung israelitischer Nerven- und Geisteskranker" gegründet worden, der die rituelle Verköstigung der in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr a. M. untergebrachten Kranken bezweckt. Während früher in erster Reihe nur bayerische Kranke Aufnahme fanden, ist es nun dank dem Entgegenkommen der Königl. Anstaltsdirettion und der Königl. Bayerischen Regierung ermöglicht worden, daß auch außerbayerische Kranke, wenn ihre Angehörigen den Antrag aus Unterbringung in Lohr im Hinblick auf die daselbst mögliche rituelle Verpflegung stellen, berücksichtigt werden. UHU der Gründung dieses unter dem Vorsitz der Herren Distriktsrabbiner Dr. Breuer in Aschaffenburg und Dr. Stein in Schweinfurt stehenden Vereins ist einem Bedürfnis, das in weiten Kreisen des deutschen Judentums als ein dringendes enrpfunden wird, entsprochen worden. Diesen Verein finanziell in den Stand zu setzen, seinen Ausgaben gerecht zu werden, müßte , daher ein ernstes Anliegen aller sein, die Verständnis und Gefühl besitzen für die bedauernswerte Lage jüdischer Geisteskranker, deren Schicksal doppelt tragisch ist, wenn sie sich in ihrer Vereinsamung auch vom Judentum abgeschnitten fühlen. Der genannte Verein nimmt sich der jüdischen Geisteskranken an, ohne aus dieser Fürsorge irgendwelchen geschäftlichen Vorteil zu ziehen. Während in den vorhandenen jüdischen Sanatorien die Kosten der Verpflegung so hoch sind, daß nur sehr vermögende Patienten aus Unterkunft rechnen können, ist es bei dem mäßigen Verpflegungssatz, den dieser Verein aufgestellt hat, und bei den verhältnismäßig iliedrigen Anstaltskosten auch minderbemittelten Kranken möglich, die Wohltaten einer unter staatlicher Aufsicht stehenden Heilanstalt nebst ritueller Verpflegung zu genießen. Sicherlich stellt der Krieg an die Gebesreudigkeit unserer Glaubensgenossen große, ungeahnte Ansprüche. Gleichwohl sollten und müßten alle jüdischen Kreise als eine heilige Pflicht es betrachten, den einzigen in Deutschland bestehenden Verein zur religiösen Versorgung jüdischer Geisteskranker in einer seiner wichtigen Ausgabe entsprechenden Weise zu unterstützen, um so mehr, als eine Förderung dieses Vereins in gewissem Sinne auch als Kriegsfürsorge bezeichnet werden kann. Denn nicht bloß Gut und Blut wird in diesem schaudervollen Kriege verschleudert und vergossen. Gar mancher erleidet als eine Folge des Krieges den Zusammenbruch seiner Nerven. Und so darf sich wohl auch ein Verein, der sich der Geisteskranken annimmt, zu den Einrichtungen gesellen, die berufen sind, die Wunden des Krieges zu heilen.