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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-16 · Heft 11 (16.3.1917) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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du ihm gabst. Egoisten sind schließlich alle Männer. Wenn es die Frauen sich gefallen lassen." — »Cilli, verzeih/ aber ich habe heute wenig Zeit." „Nee, mein Herze, so geht das nicht, nachdem du mir eben gesagt hast, daß dir ein Wirkungskreis fehlt. Auf die Art wirst du mich nicht los. Aber — wir können ja das Thema wechseln." Und ich, ganz zerbrochen vor innerer Verletztheit, „ich flehe dich darum." „Ach, armes Seelchen! So weh hat's getan? Na, Schluß. Eilli Benjamin hat mal wieder 'ne Eselei begangen. Passiert ihr öfter, unberufen! Ja, L propos, du wolltest wissen, was ich machte, wenn ich du wäre? Reisen tät ich" — ein verhaltener Jubelton schwingt aus dem Wort „reisen" —, „vor allem reisen." „Was wäre mir das?" sage ich müde. „Sein Weh schleppt man überall mit. Und dann käme ich heim, und die Einsamkeit wäre mir erst recht schrecklich. Reisen ist schön in lieber, guter Gesellschaft." Ich muß an meine letzte Reise denken, an die schönen Tage, da Vater noch gesund gewesen. Wie hat er sich immer gefreut, wenn ich so staunte und mich begeisterte! Es hat ihm so viel Spaß gemacht, mir alles Schöne zu zeigen und zu erklären. „Na ja doch, du geliebtes Schaf. Denkst du, ich meine allein? Gott soll mich beschützen. Gesellschaft fand' ich schon." Sie lachte seelenvergnügt. „Du, weißt du, eigentlich brauchen wir keinem Menschen zu sagen, vor wieviel Jahren wir zusammen in der Selekta saßen und für Dr. Kunzes Poetikstunde schwärmten. Ansehen tut's uns keiner. Freilich hier in Wostock, da können sie es uns leider nachrechnen. Aber sonst, — ein Glück, daß heutzutage die Frauen so viel länger jung bleiben als früher." „Oder es sich wenigstens einbilden", meinte ich müde. „Wer kann's wissen!" „Oho", sagt Cilli und steht auf einmal mit ernst prüfendem Blick vor dem großen Pfeilerspiegel. „Kein Mensch braucht das unterwegs zu erfahren. Wollen wir wetten?" (Fortsetzung folgt.) Litrrarilche Mitteilungen. 3 13 d) o t Leib Perez:- „Die goldene Kette." Das Drama einer chassidischen Fmrviilie. 1917. R. Löwit Verlag., Berl-in- Wien. Eine neue Dichtung von Perez nimmt man immer mit großen Erwartungen in die Hand; sie werden in gewisser Weise durch die Lektüre des. vorliegenden Dramas erfüllt. In ganz eigenartigen Versen, von denen ich nicht sagen kann, ob sie von dem Dichter oder dem Uebersetzer erfunden sind, wird das Drama einer Familie vorgefü'hrt. Me goldene Kette ist nicht ein Schnruckstück, sondern das Rabbinat, das gleichsam in Erbfolge von den Urahnen SalomonH auf dessen Sohn Pinchas, dann auf dessen Nachkommen Mosche und endlich auf dessen Kind Jonathan übergeht. Salomo ist der Idealist, der die Hawdoloh nicht machen will, weil er wünscht, daß ein ewiger Sabbat über der Erde herrschen soll. Pinchas ist der strenge Erdenmensch, der von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß in der Welt nur die Kraft herrscht. Mosche dagegen ein schwacher Schwärmer und der junge Jonathanwiederum ein Idealist, der dem Urahn gleicht. Eine eigentliche Handlung findet sich in dem Stück nicht, denn daß Mirjam, Jonathans Schwester, den Arzt Bergmann liebt, der ein Ueberläufer ist und der, nachdem er mit Mirjam ein blindes Kind erzeugt hat, die Frau verläßt und verschwindet, ist mit der Handlung nur lose verwoben», .und auch die prophetischen Visionen der Leah, der Mutter Mirjams, fördern das Geschehene nicht. Aber das Ganze ist voll von poetischen Stellen und gibt ein wundersames Bild des Lebens, des Treibens, der Anschauung der Chasstdim. Ob das Drama sich zur Aufführung eignet, läßt sich aus der bloßen Lektüre nicht sagen; immerhin ist es ein merkwürdiges Stück Poesie, das auf Beachtung zu rechnen hat. War es aber wirklich nötig, auf den Titel den voller: Vornamen des Dichters zu setzen? Bei allem Respekt vor der Vergangerchbi-t muß ich gestehen: Jizchok Leib klingt wirklich nicht -erfreulich. Ter berühmte Steinthal, der seinen auch nicht sonderlich sympathischen Vornamen Haynm, wennnötig, nicht verleugnete, bezeichne te sich auf seinen Schriften einfach als H. Steinthal, und auch Zunz legte keinen Wert daraus, den Vornamen Lippmann, obwohl er keinen so üblen Klang hatte, der Welt beständig vorzusetzen; I. L. Perez ist uns wahrhaftig lieber als Jizchok Leib. I.. 6. Jahrbuch für jüdische Geschichte u n d Literatur, zwanzigster Band. Berlin 1917. Verlag von M. Poppelauer. Das uns vorliegende Jahrbuch 1917 des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland reiht sich würdig den früheren Jahrgängen an und weist, was besondere Anerkennung verdient, trotz der ungeheuren Teuerungsaufschläge auf Papier und Druck einen nur wenig geschmälerten Umsang aus. Die Reihe der Beitrage eröffnet diesmal Jsmar Elbogen mit einem Rückblick auf das Jahr 5676, in welchem er mit ehrenden Worten des verstorbenen Martin P h i l i p p s o n , der, seitdem das Jahrbuch besteht, fast zwei Jahrzehnte den „Rückblick" geschrieben, gedenkt und gleich diesem „mit dem Blick des Historikers" die politischen Ereignisse des vergangenen Jahres in ihrer Beziehung zum jüdischen Stamm vorführt und hinreichend, für den Leser instruierend würdigt. Jsmar Elbogen zeigt sich m seiner Jahresschau nicht nur als objektiver Beurteiler, sondern auch als Meister der Darstellung und Aneinanderreihung der Begebenheiten, und man darf wohl sagen, daß das Jahrbuch in ihm einen würdigen und vorzüglich geeigneten Nachfolger für den bisherigen Verfasser der „Rückblicke" gesunden hat. Die „Literarische Jahresrevue" von Simon Bernfeld zeichnet sich diesmal besonders dadurch aus, daß sie keine allzulänge Einleitung enthält, weist im übrigen die alten Merkmale aus und darf als gut gelungen und, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, auclj als ziemlich erschöpfend gehalten bezeichnet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient der nun folgende Beitrag von I. Bergmann über „Judentum und Griechentum". Das Zusammentreffen dieser beiden schöpferischen Kulturelemente ist eines der reizvollsten Kapitel nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der allgemeinen Kulturgeschichte. Das beleuchtet der Verfasser in feinen lehrreichen, von gründlichen Quellenstudien und großer Belesenheit zeugenden Ausführungen, die dem Leser manche neue Gedanken übermitteln und in Sprache und Stil einen seelischen Genuß bieten. — Nicht minder interessant und lehrreich ist der sich anschließende Aufsatz von I. Lewkowitz über „Religion und Nationalismus". Es ist eine tiesgrüudliche Studie, die den Zweck verfolgt, „die mannigfachen und wechselnden Beziehungen, die zwischen Religion und Nationalismus in der Geschichte hervortreten, zur Darstellung zu bringen". Der Berfasser gelangt zu folgendem Ergebnis: „Wie sich im Judentum der Gegenwart die Religion vom Nationalgefühl gesondert hat, ebenso hat der' jüdische Nationalismus seinen religiösen Charakter verloren, ist politisch und profan geworden. Ein Nationalismus, der die Wiederherstellung des jüdisch-nationalen Lebens erstrebt, ohne die Erhaltung und Ausbreitung unseres Glaubens zu verlangen, bedeutet einen Bruch mit unserer Geschichte, eine Verkennung der kulturhistorischen Leistung und Stellung Israels." Allgemeines Interesse erregen die von Ludwig Geiger mitgeteilten Briefe von, an und über Moses Mendelssohn. Neben zwei bisher unveröffentlichten Briefen von Mendelssohn an Garde, in denen folgende bemerkenswerte Sätze Vorkommen: „Machen Sie es mit dem Cicero, wie ich es mit den Psalmen gemacht habe. lieber setzen Sie, wie es Ihnen recht und gut dünkt, und lassen Sie die Kritiker hinterher schreiben" und: „In den Morgenstunden, die ich meinem dreizehnjährigen Sohne widme, gehen wir die Pflichten durch, den Cicero zur Hand, vergleichen, belehren uns, und wenn Sie der Leser viele haben, die so lesen, sind Sie für Ihre Bemühung sattsam belohnt", fesseln in hohem Grade unsere Aufmerksamkeit, die von den bekanntesten christlichen Gelehrten an Mendelssohn gerichteten Briefe, die ein glänzendes Zeugnis von der hohen Verehrung ablegen, die der Berliner Weise, dessen Geist in Israels Mitte für alle Zeiten fortleben wird, in nichtjüdischen- Kreisen genossen hat. Das bezeugen auch.

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