Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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‘i'' ■ >r-.- ■ IW bißchen miteinander schmusen können!-Doch Jammern und Klagen ist nur ein schwacher Trost sür Narren in Kummer und Sorgen; damit aber Dein älterer Bruder nicht als Chammer vor dem jüngeren stehen soll, will ich Dir lieber berichten, wie es uns allen hier ergeht. Erstens sollst Du wissen und erfahren, daß meine Frau, sie soll mir am Leben bleiben, mir noch eine Tochter geschenkt hat, so daß meine gesegnete Nachkommenschaft — unberufen — die Zahl dreizehn erreicht hat! Ich weiß auch nicht, womit ich mir diese große Gnade bei Gott, boruch hu, verdient habe. Tenn dreizehn ist doch eine heilige Zahl, die uns an den Erzvater Jakob erinnert, dem doch die zwölf Stämme Israels und eine Tochter Dinah geboren wurden, die alle. . ." Länger konnte sich Ufcher nicht mehr halten. „Höre, Melle," unterbrach er ihn rücksichtslos; „ich werde dir, deinem Bruder mitsamt seinen zwölf Stämmen, den struppigen Ziegenbart ausreißen, wenn du nicht bald einen Szoff inachst! Warum erzählst du mir nicht von deinem Einfall? Wie lange soll ich denn noch warten?" „Gleich, Uscher, gleich erzähle ich dir alles," und er las weiter: „Was mein Vermögen anbelangt, so habe ich bis jetzt noch keins erworben, vielmehr, gelobt sei Gott auch dafür, geht es mir noch ein bißchen schlechter als früher, seitdem Perez Wedel, der die größte Fleischerei in der Khille hatte, die hiesige Stadt verlassen hat und meine Schächtgebühren dadurch viel geringer geworden sind." Mit wild rollenden Augen sprang Uscher auf und brüllte wie besessen: „Sollst du, Perez Wedel und alle seine Ochsen und Kälber in die unterste Hölle versinken!" „Gleich, gleich, Uscher," war Melles Antwort, der, im Lesen vertieft, den frommen Wunsch seines lieben Gefährten gar nicht beachtet hatte. „Höre nur weiter, Uscher; jetzt kommt -doch erst die Hauptsache." l Fortsetzung folgt.) Csnte Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt, hl Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ch habe seine Wirtin besucht und ihr warm ins Gewissen T geredet, habe ihm eine kleine Kaffeemaschine geschenkt, die „überhaupt ein Jdealstück" ist, und über seine Unannehmlichkeiten helfe ich ihn am besten, wenn ich so recht tüchtig aus den kleinlichen Kollegen schelte (es kommt mir vom Herzen. Wie kann man einem so herzensguten Menschen Schwierigkeiten in den Weg legen! Noch dazu in heutiger Zeit!). Dann muß seine Gerechtigkeitsliebe den Geschmähten fortwährend verteidigen. Ich merke es ihm an, das tut ihm wohl, dabei besänftigt sich sein schwer gereiztes und doch so versöhnliches Gemüt. „Tante Trude, wenn man's Ihnen gesagt hat, ist schon alles nicht mehr schlimm." Ach, wenn er wüßte, wie wohl er mir damit tut. Wenn Günther mehr Zeit für mich hätte! Aber so? Eilli Benjamin hat iminer Zeit, so sehr sie auch über ihre viele Arbeit im „Beruf" klagt. Der Beruf befriedigt sie wenig. Sie hat sich wohl anderes darunter vorgestellt. Ich kann mir Eilli auch gar nicht so recht als Pflegerin denken. Günther, der sie vom Lazarett aus kennt, sagt, Fräulein Benjamin in Schwesterntracht sei eine eontraäietio in adjecto. Ich weiß nicht, wie es kommt: ist es die allzu stattliche Gestalt mit dem beinahe herrisch selbstbewußten Gang, sind es ihre blitzenden, schnellen Augen, ich denke immer, die Oberschwester und die Krankenschwestern werden auch ihre sachlichen Gründe haben, wenn sie, wie Eilli immer klagt, sie „aus purer Eifersucht" noch nicht mal zu den Krankenstuben der Mannschaften, geschweige denn der Offiziere lassen. „Verbände vorbereiten darf man im Vorraum bis zur Bewußtlosigkeit, daß einen nur, Gott verhüte, keiner sieht." Aber ich begreife ihre Unrast und ihr Sehnen nach innerem Frieden. Warum begreift sie mich nur so gar nicht? Ich bleibe für sie „der Glückspilz", obgleich sie mich doch in schwacher Stunde, gleich in den Tagen der ersten unbeherrschten Trauer, gesehen hat. „Du hast ja keine Idee, Menschenskind, wie schön du es hast." Unser liebes, altes Wohnzimmer mit den dunkelgrünen, geschweiften Polstern, den breiten Goldpfeilern an den Spiegeln und den alten Oelbildern ist für Eilli der Gipfel der Behaglichkeit. Nun ja, bei Benjamins sieht es anders aus. Ein bißchen Alt, und ein bißchen Neu durcheinander, alles ohne Liebe und Geschmack zusammengekauft und schlecht gehalten. „Freilich ist es gemütlich, Eilli, an der Einrichtung ist ja auch nichts geändert, aber — man ist doch halt allein." „Allein und unabhängig", sagt Eilli und dehnt weit die Arme. „Kind, wenn ich du wäre, wie wollte ich mir mein Leben zimmern!" „Was würdest du denn tun, Eilli?" „Leben würde ich", und ein tiefer Atemzug folgt dem Wort. „So?" sag' ich, und ich weiß nicht, ob es ein wenig spöttisch klingt: „Wie macht man denn das?" Und sie: „Menschenkind, bist du denn wirklich so unschuldig, oder tust du nur so, und heißt es bei dir auch: stille Wasser sind tief? Gehabt hast du doch noch nichts vom Leben, was hat dich denn so ruhig und wunschlos gemacht?" Und ich müde: „Was weißt du denn von mir, Eilli?!" — „Na eben! Ich sage ja, du hast's vielleicht in dir. Dann kannst du dich übrigens großartig beherrschen, höre mal. Aber wozu denn eigentlich? Du bist ja frei, frei nach jeder Richtung hin!" Wieder dehnt sie weit die Arme/ „Ich dächte an deiner Stelle darüber nach, wie ich all die schöne Zeit und das schöne Geld —, ja, guck nicht so dumm, es ist doch mal so. Ohne Geld kann man nichts anfangen —, am feinsten ausnutzen könnte." „Das tue ich ja auch, Eilli. Das ist ja das einzige, worüber ich nachdenke. Ich muß doch wieder einen richtigen, fest umgrenzten Wirkungskreis haben." Eilli sieht mich spöttisch an. Ich weiß nicht, ihr Blick hat oft so etwas Zersetzendes. „Hat dich dein Vater nur gut erzogen!" sagt sie kopfschüttelnd. „Sündhaft gut." Mir schlägt das Blut ins Gesicht. „Was soll das heißen, Eilli? Soll das ein Vorwurf gegen Vater sein?" „Ja! wenn du willst. Mach kein so betroffenes Gesicht, ich will dich doch am wenigsten verletzen! Aber ich finde, dein Vater hat gar zu sehr Mustertochter aus dir gemacht. Von Natur kann der Mensch nicht aus lauter Tugend und Selbstlosigkeit bestehen. Er käme auch zu kurz dabei. Du hast doch dein ganzes Leben deinem Vater gewidmet, und er hat's angenommen. Eigentlich hast du dich geopfert." „Eilli!" Ich bin vom Stuhl aufgesprungen, habe mich wie schutzsuchend dahintergestellt und beide Hände gefaltet aus die Lehne gelegt. Ich sehe unwillkürlich zur Stafselei hinüber, auf das Bild im grünen Laubgewinde. Vater, wenn Eilli wiederkommt, verhänge ich dein Bild. „Mein Gott", sagt sie gutmütig in ganz unbefangenem Ton; sie hat keine Ahnung, wie weh sie einem mitunter tun kann. „Er hat es ja gar nicht einmal gemerkt, hat das einfach sür selbstverständlich hingenommen, was deine Mutter und