Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229297--72964-3285418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gedankt, daß ich keine .keine Kinder habe, die sich mit mir schämen müßten! " . Der volle Ernst, mit dem das kleine Männchen diese Worte hervorstieß, verfehlten nicht, auch auf den etwas robuster veranlagten Uscher einen tiefen Eindruck zu machen. „Melle." sprach er dumpf, „es ist alles wahr und recht, was du mir sagst.. Du hast wirklich manchmal ganz gute Einfälle. Aber, sage mir, Melle, weißt du, wie man einem Bären das Tanzen lehrt? Ich werde es dir gleich sagen: man stellt ihn mit den Vorderfüßen auf eine eiserne Platte, die man heiß macht, und wenn sie anfängt zu glühen, muß er die Vorderfüße aufheben und bleibt auf den Hinterfüßen stehen. Die Menschen meinen, er tanzt — und lachen; aber, nebbich, der arme Bär möchte vor Schmerzen weinen. Und ein solcher Bär bin ich auch; mir wird auch manchmal heiß und kalt, ehe ich mir ein Stückchen trockenes Brot verdienen kann, und darum — tanze ich! Und was denkst du denn, das wir tun sollen, um uns zu ernähren?" „Ja, Uscher, das ist eben der „Harbe Rambam"; ich weiß es doch auch nicht, was wir Besseres beginnen könnten. Wenn wir wenigstens einige hundert Rubel hätten, könnten wir vielleicht ein kleines Krämchen aufmachen, um uns bekowed zu ernähren; aber, wer wird uns so viel Geld geben?" „Wer? Mansche Bähr," witzelte Uscher mit Galgenhumor, um seine tiefe Wehmut zu unterdrücken. Und beide schwiegen eine ganze Weile. „Uscher, ich habe einen Einfall, der . . ." „O weh! Sag lieber einen Reinfall!" unterbrach ihn dieser, da die trübselige Stimmung sich bei ihm bereits wieder zu verflüchtigen begann. „Ich sage dir ..." Auch er durfte seine Rede nicht beenden. „Du bist noch schlimmer als Bileams Esel," ries Melle, über Uschers Witz empört. „Jener hat erst gesprochen, als er Schläge bekommen. Tu aber brüllst schon, noch bevor du die Makkes kriegst." Jetzt aber war auch Uschers Wut weißglühend geworden. „So ein Zwerg will noch von Schlägen reden?" „Du grober Jung! Kennst du nicht die Geschichte von David und Goliath mit dem glatten Kieselstein?" „Was? Mit Steinen willst du mich werfen? Ich schlage dir alle Knochen im Leibe entzwei, wenn du heute den ganzen Tag noch ein einziges Wort zu mir sprichst! Und jetzt setz dich hin und erzähle mir deinen Einfall! Erst aber iß den Apfel, den ich dir mitgebracht habe." „Vielleicht wird es dir, du Dickwanst, passen, wenn ich nur einen halben esse? — In deinem Magen, der doch so groß ist wie ein Wollsack, wird wohl die andere Hälfte auch noch Platz finden!" Um ein Haar, so hätten beide bald wieder die Streitaxt geschwungen; aber der „Einfall" steckte Melle so sehr in den Gliedern, daß er, ohne einen Widerspruch abzuwarten, fortsuhr: „Unsere Possen und Schnurren können wir einstweilen noch nicht einstellen; denn von was sollten wir leben? Aber wir könnten diese doch ein bißchen verbessern und verfeinern, um etwas Schönes und Gediegenes daraus zu machen." Ein beseligendes Lächeln umspielte dabei seine bleichen und dünnen Lippen. . Vor lauter Staunen und Verwunderung wäre Uscher beinah an seinem halben Apfel erstickt; er begann fürchterlich zu husten, und erst nachdem Melle ihm eine ganze Weile mit beiden Fäusten auf dem Rücken herumgetrommelt hatte, erholte er sich wenigstens so weit, um noch das übrige zu vernehmen. Zu irgendeiner Bemerkung ließ ihn Melle sowieso noch nicht kommen. „Anstatt der dummen Faxen und Narrheiten wollen wir doch lieber ein richtiges Komödienstück mit einer wunderschönen Moral machen, um dadurch die Menschen ein bißchen zu bessern und auf gute Wege zu bringen. Denn sage selbst, Uscher, was macht denn der „Maggid", der Wanderprediger, anders? Er erzählt feine „Moschelchen", gute Witzchen, die aber alle eine gute Lehre enthalten, so wie man einem Kinde eine bittere Pille mit Honig versüßt eingibt. — Und wie bekowed, mit welcher Liebe und Achtung wird der Maggid von allen einpfangen, wohin er nur kommt! Und so wollen auch wir die Menschen erheitern, aber dabei sie auch belehren, ohne uns selbst aber zum Gespött und Gelächter zu machen." Es war ein Glück, daß Uscher seinen Apfel bereits verzehrt hatte; denn jetzt war er so verblüfft und so überrascht, daß er unfehlbar erwürgt wäre; auch Melle hätte ihn diesmal nicht retten können: — denn dieser war in die Weiterentwicklung seiner Idee so vertieft, daß er die ganze Umgebung vergaß. „Sieh nur, was ich hier habe!" rief er triumphierend, während er seiner völlig kahl gewordenen Lammfellmütze einen Lederfetzen entnahm, den man mit einiger Phantasie als ehemalige Brieftasche sich Lenken konnte. Er brachte bald ein zerlesenes, mit vergilbter Tinte beschriebenes Blatt zum Vorschein, das er geschäftig vor sich ausbreitete und mit großer Fürsorge zärtlich glatt streichelte. „Es ist ein Brief von meinem älteren Bruder, er soll leben und gesund bleiben! Du weißt doch, Uscher, er ist erster Schauchet und zweiter Chasen in Skolow; dabei ist er ein großer „Lamden", ein großer Gelehrter, und kann fast die ganze „Gemore", den ganzen Talmud, auswendig. Diesen Brief hat er mir vor drei Jahren mit dem langen Gedalje geschickt, der in Skolow bei den Soldaten gestanden. Und sieh nur," rief er mit Stolz und Begeisterung, „der Brief ist in „Loschaun-Ha-Kaudesch", in unserer heiligen hebräischen Sprache, geschrieben. Und ich kann ihn ganz gut lesen. Ja, ja, Uscher," fuhr er mit weinerlicher Stimme fort; „ich bin nicht als Marschalik geboren, und in meiner Jugend habe ich drei Jahre die Talmud-Thora-Schule in Bialystok auch noch besucht." Uscher sing bereits an, ungeduldig zu werden, und nur zu gern wäre er Melle mit irgendeiner Grobheit über den Mund gefahren; doch dieser war heute wie verwandelt. Er entfaltete eine solche Energie, einen solchen Feuereifer, daß der andere wohl oder übel sich bescheiden mußte. Mit großer Umständlichkeit setzte sich Melle die große Hornbrille auf die Nase, und das Blatt nochmals glättend, fing er an zu lesen: An den Hvchangesehenen, Hochverehrten, Berühmten, Stolz meiner Seele, Wonne meines Lebens! An meinen vielgeliebten Bruder, er soll leben und gesund bleiben, bis hundert Jahr! „Es ist wahr und wahrhaftig, daß wir schon lange einander keine Briefe geschrieben, oder vielleicht noch gar keine in unserem ganzen Leben, bis Gott, gelobt sei er und gepriesen sein heiliger Namen, an uns ein Wunder geschehen ließ, indem er dem Kaiser in der Residenzstadt Petersburg den Gedanken ins Herz legte, daß er den langen Gedalje aus Deiner Khille hierher als Baal-Milchomo schicken soll, um von Dir zu erfahren, ob Du noch aus dieser Welt unter uns Lebenden weilst." ‘ Uschers Ungeduld wuchs zusehends und er gab dieses durch ein hörbares Knurren auch deutlich zu erkennen; Melle aber ließ sich dadurch nicht stören und las mit großer Andacht und Innigkeit weiter: „Ja, mein vielgeliebter Bruder, eS ist traurig und betrübend, und es zerbricht mir mein Herz, daß zwei Brüder, die Söhne eines Vaters und einer Mutter, so weit voneinander wohnen sollen und nicht einmal Schabbes oder Jom-Tow ein