Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-16 · Heft 11 (16.3.1917) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229297--72961-3285415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

126 —— essierte.und daß er geneigt war, eine Predigerstelle an einem durchaus reformistischen Tempel zu übernehmen. Der Historiker tut vielleicht nicht gut, sich in Ausmalung von Möglichkeiten zu verlieren, und doch widersteht man ungern dem Verlangen, sich auszumalen, was aus Zunz geworden wäre, wenn er wirklich die Stelle in Hamburg angenommen hätte und genötigt worden wäre, in streng reformistischem Sinne zu wirken. Die andere Bedeutung unserer Briefe liegt darin, daß sie die edle Menschlichkeit in dem Wesen unseres Gelehrten bekunden: er, der selbst keine Stelle hat und einer solchen zu seinem Lebensunterhalt dringend bedarf, tritt doch von ihr zurück, wenn es gilt, einem Freunde diese Stelle zu verschaffen. Dieser Freund ist der allerdings sehr früh, wenige Jahre nach der Abfassung unserer Briefe, gestorbene Moses Büschenthal, von dem in diesen Blättern in jüngster Zeit mehrfach die Rede war. Die beiden Briese, die eines weiteren Kommentars nicht bedürfen, sind beide an den „Notar Bresselau, Marienstraße, Hamburg" gerichtet und lauten folgendermaßen: Hochgeehrtester Herr! Aus Ihrem geehrten Schreiben vom 26. v. M. ersehe ich, daß die dortige Gemeinde die persönliche Gegenwart der Aspiranten verlangt, um von deren Fähigkeit zu reden sich zu überzeugen. Ungeachtet bei meinen noch ungewissen Aussichten zu der Anstellung mir der Zeitverlust und die Störung nicht gleichgültig sein kann, so sehe ich die Notwendigkeit dieser Maßregel zu gut ein, habe auch mündlich mich dazu anheischig gemacht, als daß ich nicht in die Reise eingehen sollte. Jedoch wünsche ich, daß meine Herren Konkurrenten auch den ersten August in Hamburg seien, damit wir den 2. sämtlich an die Ausarbeitung der Reden schreiten und höchstens bis zum 8. die Proben abgelegt haben können. Zugleich nehme ich mir die Freiheit, Ihnen beifolgende Exemplare meiner kleinen Schrift zu übersenden (etwas über die rabbinische Literatur 1818), und bitte Sie, es als einen schwachen Beweis der Achtung aufzunehmen, womit ich mich nenne Ihr Sie wahrhaft hochschätzender Berlin, den 3. Juli 1818. L. Zunz. Hochgeehrtester Herr! Es macht mir keine kleine Freude, daß meine Schrift Ihren Beifall hat. ungeachtet noch so manches darin nachzuholen, ist, das teils eine klarere Ansicht, teils noch reichhaltigere Nachweisung geben kann und das ich auch, so Gott will, einst nachzutragen gedenke. Was übrigens meine Konkurrenz zu der dortigen Predigerstelle betrifft, so trete ich freiwillig davon zurück aus Freundschaft für jenen Büschenthal. Wie ich erfahren, so hat dieser Mann sich noch nicht unmittelbar angetragen, — daß er die Stelle wünscht, weiß ich; daß er sie verdient, muß jeder bezeugen, der diesen vortrefflichen Mann näher kennt; daß er ihr gewachsen ist, beweisen seine schon gelieferten literarischen Arbeiten hinlänglich. Auch er ist ein Beispiel davon, daß die jüdische Nation die Köpfe, die sich unter ihr hervortun, nicht gehörig unterstützt, nicht einmal anerkennt. Mir werden sonst noch Aussichten übrigbleiben, zumal da ich noch jung bin, auch mein philologisches Studium zu beendigen wünsche. Auch haben sich sonst noch ältere und würdige Leute eingefunden, so daß die Unwahrscheinlichkeit meiner Wahl mir deutlicher wird. Nie aber würde Furchtsamkeit oder Mißtrauen gegen mich selbst mich vom Kampfplätze gejagt haben, täte es nicht die Freundschaft und meine wahrhafte Teilnahme an jenem Büschenthal. Der Mann verdient es, glaube ich, daß die Herren Direktoren ihm einen Wink geben, es sei ihnen angenehm, wenn er konkurriere; ergehen doch selbst von Regierungen Einladungen an ausgezeichnete Männer zu angebotenen Stellen. Daß ich nun meine Reise nach Hamburg aufgeben muß und meine wackeren Freunde dort, auch Sie, hochgeehrtester Herr, nicht Wiedersehen werde, ist ein Opfer, das die Treue an Grundsätze bei jeder solchen Handlung zu heischen pflegt. Die Erinnerung der Freunde und mein Trost, durch gegenwärtigen Schritt in Ihrer Achtung nicht zu verlieren, beruhigt und erheitert Ew. Hochwohlgeboren achtungsvoll verehrenden L. Zunz. Ihrer lieben Frau Gemahlin bitte ich mich gehorfamst zu empfehlen. Berlin, den 28. Juli 1818. | Xouis Bamberger. I Von Albert Katz. er am 20. Februar d. I., wenige Tage vor Vollendung des achtzigsten Lebensjahres, verstorbene Louis Bam - b e r g e r war der Sproß einer alten Berliner Familie, in deren Stammbuch mit goldenen Lettern der salomonische Spruch (Proverbia 17,6) geschrieben steht: Die Krone der Großeltern sind ihre Kindeskinder und der Schmuck der Kinder ihre Eltern. Er wurde am 28. Februar 1837 zu Berlin, in dem Haufe Königstraße Nr. 57, das schon seinem Urgroßvater ge hörte, geboren. Dieser, ein Sohn des aus Bayern eingewanderten Hirsch Bamberg, hieß Rabbi Michel und war verheirate: mit Frau Hendel, einer Tochter des DT’"!1? ITK“ Vorsitzenden der Berliner Dajanim Samuel Hal - b erst« dt, deren Tochter Esther, mit Liepman» Meyer Wulf vermählt, die Stammutter der berühmten Beerschen Familie wurde. Michel Bamberg, der den Titel führte, aber, wie es schein:, den Posten als Aeltester der Berliner Rabbinatsassessoren nur ehrenamtlich bekleidete, begründete im Jahre 1750 die in der Folgezeit in Berliner Finanzkreisen dominierende Firma L. M. Bamberger, die nach seinem 1773 erfolgten Tode auf seinen Sohn Lewin Bamberger (geb. 1747, gest. 1831, verheirate: mit einer Tochter von Joseph Elkisch, namens Sara, die 1842 starb) überging. Das inzwischen zu großem Ansehen emporgeblühte Bankhaus übernahm im Jahre 1820 der 1797 geborene Michael Bamberger, der volle fünfzig Jahre, bis 1870, als ältester Chef die Firma leitete. Er war verheiratet mit Frau Rebekka, geborene Mossner (ged. >800, gest. 1849), die eine Enkeltochter des Königlich Preußischen Oberlandesältesten Jacob Moses (gest. 1802) war, und widmete sich, nachdem er sich aus dem Geschäft zurüclgezvgen hatte, ausschließlich der Verwaltung milder Stiftungen, die teilweise von ihm geschaffen, teilweise unter seinen: Kuratorium standen, wie er denn überhaupt ein Mann von ausgesprochener humaner Gesinnung war, der im Wohltn» seine schönste und beste Befriedigung fand. Er starb, von weiten Kreisen tief betrauert, im August 1877, und ihm folg» als Chef des florierenden Bankhauses sein Sohn, der nun ans dem Leben geschiedene Louis Bamberger, der, von seine» frommen Eltern in echt jüdischem Geiste erzogen und für de» kaufmännischen Beruf vorzüglich ausgebildet, im Jahre 185: in das Geschäft eintrat und von 1867 bis 1905 alleiniger I» Haber der Firma war. Im Jahre 1858 schloß er auch da: Bündnis für das Leben mit Minna Poppelauer aus Breslau einer Eschet chajil im wahren Sinne des Wortes, und Hain die Freude, am 10. Januar 1908 zusammen mit ihr das schon: Fest der goldenen Hochzeit zu begehen. Der überaus glückliche: Ehe entsprossen vier Kinder, ein Sohn, der im jugendliche: Alter starb, und drei Töchter: die verwitweten Elise Lud linski und Benedikte Meyer und Anna Bach mann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.