Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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“■ ' 7 * ’■ ' " •-' 123 — Namen! die Namen!" sagte Defelice: „Ich meine in erster Linie den Beamten im Staatsarchiv Professor Hermann Löwinson aus Berlin. Dieser Herr besitzt Zwar die italienische Staatsangehörigkeit, ist aber im Herzen Deutscher geblieben; denn als seine Frau Mutter werden sollte, da schickte er sie nach Berlin, nur um Zu verhindern, daß das Kind in Rom zur Welt käme. (Entrüstung und Pfuirufe.) Die Nachricht interessiert uns besonders, weil Professor Löwinson, ein geborener Berliner, unser geschätzter Mitarbeiter ist. Zur Beruhigung italienischer Heißsporne sei gesagt, daß Frau Professor Löwinson eine geborene Berlinerin ist; sie war aus dem Grunde vor ihrer schweren Stunde nach Berlin geschickt worden, «da sie in Rom keine Verwandten besitzt und die beste Pflege bei ihrer Mutter finden konnte. Herr Professor Löwinson, italienischer Staatsbeamter, ein Mann, dessen zahlreiche Veröffentlichungen viel zur Aufklärung italienischer Vergangenheit beigetragen haben, ist, wie ich Ws sicherer Quelle weiß, in seinem Herzen voll und ganz WVmer geworden. * AM ForMon bringt das „Berliner Tageblatt" folgende bemerkenswe^ NachMM: Die Londoner BMttzv tzkÄchien über die vor kurzem stattgehabte Tagung der englischen ZromstM. daß an Stelle des Vorsitzenden oowen, der den Dienstzwang der emgewanderten russischen Juden im englischen Heere befürwortet hatte und auf Grund dieser Haltung das Präsidium aufgeben mußte, Professor Weißmann von der Universität in Manchester gewählt wurde. Auch der Nationalverein für die Rechte der Juden erhielt einen neuen Präsidenten durch die Wahl des portugiesischen Oberrabbiners Tr. Gaster. Dieser hat zusammen mit Cowen und Sokolow, der ebenfalls neu in den Ausschuß des britischen Zionistenbundes gewählt wurde, die Erklärung abgegeben, daß das zionistische jüdische Volk nie der Erfüllung seiner Wünsche w nahe gestanden habe wie jetzt. Das neugegründete Britische Palästina-Komitee in Manchester erklärt, es sei unbedingt notwendig, daß Palästina nach Beendigung des Krieges unter Englands Oberhoheit komme, damit den Juden aller Länder Gelegenheit zur Enthaltung ihres nationalen Lebens gegeben sei. Aus anderen Quellen ergibt sich, daß man sich in England bemüht, den Sitz des Zionistischen sentralbureaus von Berlin nach einem neutralen Land, vorzugsweise nach Holland, zu verlegen. & Im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" Anden wir folgenden gedankenreichen und zu ernsten Betrachi ungen ausfordernden Bericht des Feldrabbiners Dr. Baeck, den wir in gewohnter Weise unseren Lesern unterbreiten: In den abgelaufenen vier Wochen habe ich die übliche Reihe der Gottesdienste abgehalten. Es waren Wochen strengen Winters; aber unser gewohnter Kreis war trotzdem immer zusammen, und in den geschützten warmen Räumen, die für uns vorbereitet waren, konnte gie Beschwerde des Weges bald vergessen sein. Wenn Tage, wie diese, durch Frost und Schnee zu einer Stunde der Andacht und des Gedankenaustausches Zusanunenführen, dann ist in denen, die zusammengekommen sind, das Gefühl, miteinander verbunden zu sein, noch lebendiger als sonst. Man rückt gleichsam auch innerlich enger zusammen. So ist es in den harten Wochen, in denen die Erde erstarrt ist und auch der Himmel erkaltet und erstorben scheint mtb die Sonne wie gebannt zu leblosem, frostigem Glanze. Und ebenso ist es in lalten Tagen der Kriegszeit. Denn auch sie hat, in ihrem Auf und wieder, ihren Frühling und Sommer, und sie hat ihren Winter. Wenn °r‘ gekommen ist, dann suchen die Gemüter sich enger aneinander zu schließen. Sie suchen die Seele, die der ihren gleicht, von der sie sich verstanden hoffen. In Frühlingstagen schwingt sich der Ruf der Freude hinaus: „Seid umschlungen, Millionen!": in lalten Stunden will jeder bei denen sein, in welchen erklingt, was er in sich vernimmt. Auch diese Stimmung ruht auf einem guten' Recht; sie beruht darauf auch hier draußen. Das deutsche Heer weist nämlich sein Zwiefaches auf. Es hat zunächst seine Einheitlichkeit, seine uniforme Art. Der gleiche Rock stellt sie vor das Auge hin, die überall gleiche Ordnung gräbt sie dem Sinne rasch ein. Es ist eine wesentliche stacht und Milcht, die in dieser Gleichmäßigkeit gegeben wird. Aber als eigentliches, starkes Leben ist in ihr wieder eine vielgestaltige Mannigfaltigkeit. Alle die deutschen Staaten und Landschaften, alle die Stände und die Bekenntnisse leben auch im Heere mit ihrer Eigenheit und ihren Unterschieden, lind seiner Kraft ist damit die reiche Fülle des Besonderen Zugeführt. Mit immer neuen Eindrücken prägt sich diese Erkenntnis hier jedem ein, dem sein Dienst ein größeres Gebiet zuweist. Wenn der vorgezeichnete Weg von Truppenteil zu Truppenteil weiterziehen heißt, dann finb wenige Tage hier bisweilen wie eine Fahrt durch das ganze Deutsche Reich, wie eine Wanderung inmitten seiner Menschengestaltungen. Bald ist es ein ostpreußischer oder ein mecklenburgischer Sandmann, der den Wagen führt, bald ein thüringischer Handwerker oder ein Schäfer ans Westfalen, bald ein schlesischer Bauernsohn, bald ein Kleinbürger aus dem Elsaß. Und wenn dann die Stunden sich dehnen imb der Wunsch, von dem Woher und dem Ergehen-zu erzählen, nur auf die Frage wartet, um zu sagen und Zu berichten, welche Mannigfaltigkeit des Wesens, welch eigene Art im Denken, Sorgen und Hoffen kann sich dann erschließen! Immer von neuem drängt es sich dann auf, wie in jener Einheit sich diese Verschiedenheit sammelt, wie erst durch sie jene Gleichmäßigkeit ihren Wert und auch ihre ganze Kraft erhält. Diese Erfahrung haben viele hier machen können, und es ist zu hoffen, daß die Zukunft an ihr nicht vorübergehen wird. Die Bedeutung, die den Unterschieden menschlicher Art zukommt, wird dann einem klareren Urteil begegnen: das Recht, anders zu sein, wird ehrlicher anerkannt werden. Und sicherlich ist zu erwarten, daß viele ihrer eigenen Besonderheit und des Wertes, der in ihr liegt, stärker bewußt sein werden. Sie sind es hier geworden, weil sie unmittelbar neben andere gestellt waren, weil die Zwischenräume, die der Gleichgültigkeit und der Fremdheit ihren Platz lassen, hier kleiner geworden sind. Alle sind aufeinander angewiesen. sie sehen einander, imb sie können und müssen vergleichen. Jeder Nachdenkende erfährt hier alsbald, was er selber besitzt und was er besitzen soll. Am anderen lernt man ja sich selber kennen. Auch die gute jüdische Eigenart, dieses alte Erbe des Herzens, des Gewissens und des Willens, - das darf offen ausgesprochen werden ist so entschiedener zum Bewußtsein gekommen. An den anderen hat sie sich selber gesunden. Es ist etwas Begreifliches, daß die, welche an Zahl geringer sind, öfter um sich schauen als einer, der von vielen ist und darum immer nur die erblickt, welche ihm gleichen. Die Wenigen finden ihresgleichen oft nur, wenn sie Einkehr halten bei ihren GedanAn und sie hinziehen lassen zu allen denen, welchen sie sich verbunden und verwandt wissen. Ihnen naht häufiger die Stunde, in der sie zu sich selber kommen, um in ihrer inneren Heimat zu weilen. Jede solche Besinnung auf die eigene Art, jede innere Selbständigkeit bringt der Gesamtheit nur einen Gewinn. Denn nur, wenn einer um sich selber weiß, besitzt er die stetige Kraft, die standhält und auch andere aufrichtet. Und auch der wirkliche Zusammenhalt, der kameradschaftliche Sinn und die kameradschaftliche Achtung ist am stärksten dort, wo es Menschen gibt, die etwas Eigenes sind, etwas Persönliches in sich tragen. Jeder, der die vielen Monate hier erlebt hat, vermag davon zn berichten, wie das bestimmteste Ansehen und die sicherste Treue der immer erfährt, der sich selber treu bleibt, dessen Charakter sich frei und offen bekennen darf. Gerade unsere jüdischen Mannschaften könnten davon erzählen. Die große Gesamtheit, Staat wie Heer, braucht denkende Menschen, und Denken ist nicht Sache des Verstandes bloß, sondern ebenso Sache des Charakters. Anfang und Grund für wahres Denken ist das Bewußtsein von der Verantwortlichkeit vor der eigenen Seele, dieser Wille zu sich selber. Gedankenlosigkeit ist wie eine Heimatlosigkeit, wie eine Unstetheit; der Gedankenlose geht an seiner Stätte vorüber. Sich finden und denken ist im Grunde eins. Je mehr bestimmte Eigenart es gibt, desto mehr gibt es jene Gedanken, welche Kräfte sind. Darum haben auch die Wintertage ihr Gutes, die in der Natur wie die im Geschehen. Sie lassen die Menschen zusammenrücken, die sich verstehen wollen: sie lassen der inneren Heimat, des seelischen Eigentums bewußt werden. Das gibt dem Herzen seinen festen, ruhigen Schlag, sein sicheres Lebensgefühl, und diese innere Wärme überwindet Starrheit und Frost. * Folgende Depesche vom 5. März ist uns leider für die vorige Nummer verspätet aus Königsberg zugegangen. Wir