Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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120 jii gleicher Zeit in Leib Klappkes Lade» anlangten, der mit leisem Lächeln Uscher das Brot und Melle den Hering einhändigte, um jedem einen Teil zu geben. Triumphierende Blicke einander zuwerfcnd, da ja jeder den Sieg davongctragen, zogen sie beide heim, um bald das schwelgerische und üppige Mahl zu verzehren, das sie abermals mit einem grobkörnigen Wortkampf würzten. , Das; diese gutmütigen SchlcmihlS, ungeachtet ihrer ausgedehnten und umfangreichen Geschäfte, doch von der ersten Million ziemlich weit entfernt waren, wird >vohl jedem ohne weiteres einleuchten: im Gegenteil, in ihrem Haushalt war Schmalhans gar oft Küchenmeister, besonders in der Winterszeit, wo nicht nur der Ofen, sondern auch der Meusch tüchtig eingeheizt werden muß! zumal bei diesen beiden Leutchen, deren Nebengeschäfte sich doch meistens im Freien abzuwickeln pflegten. Melle mit Uscher hielten es daher für eine sehr weise und vernünftige Einrichtung der Vorsehung, daß alle jüdischen Feste, an denen das Lustigsein nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten war, und bei denen sie ihren Hauptberuf als Marschalik ausüben konnten, gerade in der kälteren Jahreszeit gefeiert wurden. Zunächst war da, zwar noch etwas früh in der Saison, daS Simchas - Thora-Fest, sodann das lang, lang andauernde Ehanukafeft, endlich das geliebte Purim, dem sie vor allen anderen entschieden den Vorzug gaben. Denn Simchas-Thora ist doch ein strenger Feiertag, an welchem sie ihre Späße lind Faxen nicht voll und ganz entfalten konnten — das Geldeinsammcln war ja auch an einem Jom-Tow vollständig ausgeschlossen - und mit Honigkuchen und einmarinierten Heringen kann man keinen Vorrat für den Winter anlegen! Was aber diesem Feste zu viel an Heiligkeit anhaftete, das ging wieder dem Channka ganz und gar ab; dieses war doch überhaupt kein Feiertag, sondern durch und durch wochentägig und ließ so eine echte und rechte lustige Stimmung gar nicht aufkommen; denn wenn es acht Tage auch dauerte, so brennen die Lichtlein, das einzige Kennzeichen der Festesfreude, doch nur eine halbe Stunde — und was kann man in dieser beschränkten Zeit viel unternehmen und ansrichten? Mit einem Magen kann mau nicht zu gleicher Zeit auf zwei Simchas tanzen! - - Hingegen Purim! Ach, du geliebtes Purimchen! Das Wasser läuft einem im Munde zusammen, wenn man nur au dich denkt! - - Für Melle mit Uscher war dieses die Hauptsaison, der „Goldene Sonntag", an dem es auf allen Seiten „Silberlinge" regnete, und wenn ein günstiger Wind blies, kam auch hin und wieder so ein buntes „Papierchen" angeflogen! Ja, Purim, hochgepriesen vor allen anderen Festen! Feiertag und Wochentag so harmonisch, so einträchtig vereint, wo irdische und himmlische Freuden so lieblich die Hände sich reichten; wo leibliche und geistige Genüsse so reichlich in Hülle und Fülle geboten werden; wo die Seele aufjauchzt, daß man Haman und sein ganzes Lumpengesindel an den Galgeu gehängt, wo aber auch der Magen Freudensprünge macht bei den wohlschmeckenden „Kräppchen", bei der leckeren Szude, für die er sich durch das voraufgegangene Fasten würdig vorbereitet hat. Darum: Hoch, Esther! Hoch, geliebter Mordechai! Ihr sollt leben! Melle mit Uscher hatten sich bei der Besprechung des bevorstehenden Purimfestcs so in Ekstase geredet, daß sie, wie auf Kommando, ihre Sammetkäppchen hoch in die Luft warfen und, voller Begeisterung die langen Rockschöße unter die Arme nehmend, ansingen, den feurigen und zappelnden, berühmten „Kosak"-Tanz mit all seinen Feinheiten und Eigenheiten an Luftsprüngen und Purzelbäumen in der engen Dachkammer auszuführen. „Siehst du, du wilder Bock," sprach Uscher, im Schweiß gebadet aus den einzigen vorhandenen Stuhl sinkend: „Siehst du, welche Kraft im Purim steckt, daß schon die bloße Erinnerung daran uns so behaglich, so mollig und. so warm machen kann, daß wir das Einheizen für heute ersparen — und also dadurch schon Geld sparen und verdienen!" „Ja, ja, du meschuggener Fisch," keuchte Melle atemlos, mit aller Anstrengung bemüht, ja nur keine Antwort schuldig zu bleiben. „Und da wir gerade so lustig und fröhlich sind, wäre es auch die richtige Zeit, etwas Schönes und wirklich Gutes für den nächsten Purim auszudenken, woran die ganze Khille ihre Freude haben soll." Und beide fingen an zu planen und zu grübeln, -um für die beiden Festtage und Nächte ein wirkungsvolles, aber auch ein einträgliches Programm zu entwerfen. Die Tage sollten mit Besuchen ausgefüllt werden, die zwar nicht viel einbrachten, die aber auch nicht viel beanspruchten: für einen einzigen Groschen, ein kurzeskleines Liedchen: „Ae guten Purim, ä guten Purim, ihr lieben Leub! Ich will euch sagen, was Purim bedeull: Auf Vasti's Stirn is gewachsen ä Horn, Esther aber is Königin gewor'n! Haman hat man auf den Galgen gebracht, Mordechai bekam einen Ring von großer Pracht! Und jetzt iS mei Liedche schon wieder aus, Gebt mir ä Groschen und werft mich raus!" Das waren so kleine Einkünfte, die sich im Laufe der beiden! Festtage auf ein paar Rubel zusammenläpperten. Doch der j Haupttreffer kam erst am zweiten Abend, der für die Vor- I nehmsten der Gemeinde reserviert blieb; besonders für solche; Häuser, wo gerade an diesem Abend irgendeine Familienfestlichkeit gefeiert wurde. Als Uscher nach einigen Tagen von einem Geschäftsgänge : heimkehrte, fand er Melle ganz in Gedanken versunken, die j Augen geschlossen, den kleinen Kopf nach allen Seiten bej wegend.! „Was fehlt dir denn, du Unflat?" war Uschers teilnahmsvolle Nachfrage mit aufrichtig bekümmerter Miene.? Melle blickte ihn schweigend an; endlich sprach er wehmütig:! „Ich habe eben über unsere Spaßmacherei, über unsere i Narrenpossen nachgedacht, daß wir uns für alle zum Hanswurst hergeben, und weißt du, Uscher, es will mir gar nicht mehr gefallen." „Möchtest wohl lieber Parneß werden, als noch länger Khillenarr spielen! Aber sage mir nur, du Schaute, was ist dir denn in den Kopf geflogen, daß du auf solche Gedanken kommst? Ist denn ein böser Ruach, ein böser Geist in dich gefahren?" „Ach, wo!" war Melles gelassene Antwort, als hätte Uscher ihn einfach gefragt, ob die Uhr schon sieben geschlagen. „Aber höre, ich will dir alles erzählen," fuhr er mit erstickter Stimme fort, da er Uschers verblüfftes Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen bemerkte, die voller Befremden auf ihm ruhten, „mir ist eben eingefallen, daß es sich für Männer in unseren Jahren gar nicht paßt, uns selbst öffentlich zum Narren zu stempeln und uns über unsere eigenen Faxen auslachen zu lassen. Wenn wir uns zu Hause ein bißchen miteinander bespaßen und uns gegenseitig ein bißchen ärgern, so tun wir es zu unserem eigenen Vergnügen, weil es uns so gefällt — und geht keinen anderen was an. — Aber öffentlich sich selbst zum Narren und Hampelmann machen und für jung und alt sich zum Gespött hergeben, das schickt sich doch wirklich nicht für zwei ehrliche Juden, die wir doch sind. Und weißt du, lvie ich eigentlich darauf gekommen bin," sprach er als Entschuldigung weiter, da er sich bei Uschers beharrlichem Schweigen etwas unbehaglich zu fühlen begann. (Fortsetzung folgt.)