Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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.110 Lin Kurimlpirl mit hindernillrn. Humoreske von M. Pulvermann, n -der ganzen Stadt Awaren sie nur als „Melle mit Uscher" \ bekannt, was ungefähr als eine jüdische Umschreibung für „Hero und Leander" gelten könnte, derenheißglühende Liebe selbst der wässerige Hellespont nicht abzukühlen vermochte. Da aber diese Umschreibung möglicherweise als eine Vorspiegelung falscher Tatsachen aufgefaßt werden könnte, indem sie zu der Annahme verleitet, als habe man es auch hier mit einem Liebespärchen zu tun, so sei jetzt schon festgestellt, daß dieses nicht der -Fall -war und daß Melle mit Uscher aus vielerlei Gründen mit jenen historischen Liebenden nicht verglichen werden können. Denn erstens konnte keiner von ihnen schwimmen. Wie wäre dieses auch möglich? Die Mikwe war ja viel zu eng, der See hinwiederum viel zu kalt. Zweitens aber — und das ist der Haupthinderungsgrund — weil beide sich rühmten, dem starken Geschlecht anzugehören. Ter letzte Umstand wird wohl jedermann überzeugen, daß es sich hier um kein Liebesnoch viel weniger aber um ein Ehepaar handelt. Anderseits jedoch, da beide beständig zusammen waren, unzertrennlich in einer Dachkammer hausten, eine gemeinsame Wirtschaft führten und regelrecht wie Mann und Frau sich zankten, so war man in der Khill-e berechtigt, -sie als „Eins" zu betrachten und ihnen jenen Namen beizulegen. Im Lause der Zeiten war ihnen diese Benennung -so zur Gewohnheit geworden, daß sie den eigenen richtigen Namen fast selbst vergessen hatten. Vor vielen, vielen Jahren -nämlich waren sie auf ihrer „Weltreise" auch nach der frommen Gemeinde Plazki gekommen, wo sie, da es Freitag nachmittag -war, über Schabbes bleiben-mußten. Einer von ihnen — sie wußten es selbst nicht mehr, welcher von ihnen es war — hatte das Malheur, mit einem Fuß in einen Tümpel hineinzugeraten und bei dem Stolpern einen Arm zu brechen. Er wurde natürlich nach dem „Hekdisch", nach dem jüdischen Armenhause, gebracht, wo aber auch der treue Reisegefährte bei ihm blieb, um den Verunglückten nicht zu verlassen und ihn zärtlich, mit aller Sorgfalt zu pflegen. -Selbstverständlich wurden beide von den Gemeindemitgliedern reichlich mit Speise und Trank versehen, so daß Melles Bäckchen sich nach und nach mit der Naturschminke färbten, während Uscher, zu seiner eigenen Ueberraschung, den Ansatz zu einem Schmerbäuchlein an sich wahrnahm. Als der Verletzte endlich wiederhergestellt war, beschlossen beide, sich für die empfangenen Wohltaten dadurch dankbar zu erweisen, daß sie ihre Wanderschaft aufgaben und für immer in Plazki verblieben. Die Zeit verging. Melle mit Uscher waren bejahrte Männer geworden und hatten sich inzwischen zum Faktotum der Gemeinde herausgebildet: sie besorgten allerlei Botengänge, sie führten mannigfache Aufträge aus, sie liefen auf dem Pferdemarkt mit den alten Rosinanten Probegalopp, sie halsen bei Jahrzeiten das „Minjan" vollmachen, und was dergleichen nützliche und einträgliche Beschäftigungen noch mehr waren, um äüf diese Weise die Millionen zusammen zu scharren, die nach der heiligsten Versicherung unserer Antisemiten jeder Jude unzweifelhast besitzt. Außer diesen vielseitigen Fähigkeiten als „Mädchen für alles"'hatten Melle mit Uscher noch ein besonderes, extrafeines Geschäftchen in Händen, so daß sie schon mit -dem -Gedanken umgingen, sich bei Arnheim einen großen Geldschrank zu bestellen. Beide übten sie nämlich auch noch den schönen Beruf eines „Pojaz" oder „Badchen" oder „Marschalik" aus, das heißt, bei Famllienfestlichkeiteu oder sonstigen freudigen Veranlassungen -als Possenreißer, Spaßmacher und Hanswurst die -Gäste zu belustigen, zu unterhalten und deren Verdauung zu fördern. Beide waren sie gutmütige, harmlose Menschen, die keine Fliege beleidigen konnten; dementsprechend waren sie unter sich, in ihrem Privatleben, ein Herz und eine Seele, und jeder hatte -sich bereits daran gewöhnt, den andern als „Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinein Beine" zu betrachten, so daß die urwüchsigen und herzhaften Grobheiten, -die sie sich gegenseitig bei allen möglichen und unmöglichen Veranlassungen an die Köpfe warfen, weder kränkender noch beschämender Art waren, sondern der Aus- und Ueberfluß ihrer aufrichtigen, ehrlichen Zuneigung. Diese ihre zärtlichen Kundgebungen und Anwürfe spielten sich jedesmal in gleicher Weise ab, wobei bemerkt werden muß, daß Melle klein und mager, Uscher hingegen stark und groß war. „Melle," eröffnet« Uscher -das Gefecht, „ich weiß ganz bestimmt, -daß du niemals sterben wirst. Und warum nicht? Weil -doch nur ein Mensch sterben kann, der eine Seele hat. Wo aber soll eine Seele in so einem kleinen Knirps, wie -du bist, einen richtigen Platz finden?" „Und wenn du, sterben wirst, Uscher," flog der stachlige Pfeil wieder prompt zurück, „dann wird der „Maloch ha- Mvwes", der Todesengel, den lieben Gott um ein neues Schlachtmesser bitten müssen. Und warum? Weil er bei einem Dicksack, wie du bist, glauben wird, daß er ein Schwein geschlachtet und daher sein altes Messer „Trefe" geworden ist." „Du bist ein großer Asuß-Ponim!" „Und du ein großer Ehuzpenik!" „Du Meschummed, sei still!" „Ehasersresser, ich will nicht!" Und ohne jeden Uebergang, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen, als hätten sie eben die zärtlichsten Liebkosungen miteinander ausget-auscht, sprach Uscher: „Melle, weil du vom Fressen sprichst, fällt mir ein, daß du doch noch nicht gesrühstückt hast und sicherlich sehr hungrig bist. Ich werde bald zu Leib Klappke laufen, um dir Brot und Hering zu holen." „Und du, Vielfraß, hast du vielleicht schon gegessen? Oder willst du dir noch extra einen Jom Kippur machen und heute fasten?" „Nein!"; der kleine Melle geriet wieder in Hahnenkampsstimmung. „Du wirst nicht gehen, sondern ich werde gehen. Auf der Straße ist es naß, und deine Stiefel sind doch ganz zerrissen. Du meinst wohl, ich habe nicht gehört, wie du die ganze Nacht gehustet hast." „Du, Strohwisch, willst mich wohl in Watte verpacken! Sieh einer doch nur den Riesen Goliath an! Meinst du, ich habe bei dem Tefillinlegen nicht dein Gestöhn gehört, weil du solches schreckliches Reißen im linken Arm hast? Rede nicht so -viel; ich werde gehen." „Nein, du wirst nicht gehen, sondern ich!" schrie Melle mit vor Zorn weinerlicher Stimme. Auch bei Uscher fing es jetzt an überzukochen. „Du alter Schaute! Ich sage dir, ich werde gehen!" „Nun gerade nicht, du Chammer!" „Du Trotzkopf, du eigensinniger Mensch, sei still!" So begann der Streit alle fünf Minuten aufs neue und so setzten sie ihn noch eine ganze Weile fort, und die Folge davon war, daß sie über den Streit, wer das Frühstück holen sollte, noch eine halbe Stunde länger hungerten, bis Uscher mit wild rollenden Augen und einem roten Puterkopf davonstürmte, die Tür krachend hinter sich zuschlagend — von Melle mit keuchender Brust und schweratmend gefolgt, so daßbeide