Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Weit bedeutender ist die andere Antwort von einem klar denkenden und historisch gebildeten Zionisten. Nachdem die älteren Gleichberechtigungskämpfer unter den englischen Juden vor sieben Jahren die jüdischen Studenten vergeblich vor dem Zionismus gewarnt hatten, gewannen letztere, die „ihrem Staate nur ihr Tun und nicht ihr Denken" unterwerfen wollen, weiteren Anhang. Freilich halten jene noch Reste der Macht und die Vertretung der nun anders gesinnten Gemeinden in Händen. Doch schon fand 1914 ihr geplanter Aufruf an das ganze jüdische Volk gegen den Zionismus keinen Boden und mußte unterbleiben. So lassen sie nun einen Anonymus schreiben, der Zionismus bedrohe die Gleichberechtigung. So weit Bentwich. Er erzählt dann die Geschichte der englischen Juden im 19. Jahrhundert; sie enthält mehrere neue Einzelheiten, berührt uns aber hier nicht. Wichtig ist sein klares Ziel: eine Heimat mit Nationalität in Palästina, mit hebräischer Sprache und jüdischer Sonderkültur und hebräischen Idealen, wie sie „außer in Deutschland bereits überall angenommen sind" ein (vielleicht nicht unabhängiger) Staat, ein Mittelpunkt, der allein (!) berechtigt sei, als Organ aller Juden der Erde zu sprechen, wenn beim Frieden die anderen kleinen Nationen zu Worte kommen werden. Nur so werde die Gefahr beschworen, daß infolge der Assimilation auch der Glaube untergehe; die Emanzipation nämlich, auch der sechs Millionen russischen Juden, wenn sie eintrete, verschärfe nur jene Gefahr der Aufsaugung. Das alles sagt der deutsche Zionist auch - - und man höre nun, wie der folgerichtige praktisch-politische Engländer fortfährt: „Jetzt tritt Palästina ins Gebiet britischer Interessen. Unsere Bestrebungen als gute Briten wie als treue Juden leiten uns dorthin." Ein Judenstaat in Palästina mit Selbstverwaltung unter britischem Imperium! Ob Frankreich, der Beschützer lateinischer Christenheit, ob Rußland und die griechische Orthodoxie mit Freuden das Heilige Grab gegen die vermutlich nicht sehr freundlichen jüdischen Kommunalbehörden durch englische Policemen oder Tommies werden bewachen lassen, fragt Bentwich nicht. Uns genügt, daß sein Ziel die Niederlage der Türkei voraussetzt und, da diese dem Deutschen Reiche verbündet ist, von einem deutschen Staatsbürger mit oder ohne irgendwelchen Glauben nicht verfolgt werden darf. Der deutsche Zionist erhofft Britanniens Niederlage, also einen jüdischen Kleinstaat unter der Türkei. Vielleicht hat er an deutscher Hochschule nicht gelernt, daß sich ein Staat nicht künstlich wie eine Aktiengesellschaft gründen läßt. Viel-! leicht auch glaubt dieser Idealist an die wirkliche Unabhängig- | fett der auf Diplomatenpapier als neutral verbrieften Klein-! staaten. Vielleicht sogar meint dieser Denker, der bald archaisiert, bald Zukunftspolitik treibt, plötzlich werde der Sturm des Glaubenshasses, der gerade in Jerusalem seit jeher wütet, sich brechen, nicht etwa an einem ehernen Herrscherwillen, sondern an dem schwanken, erst zu errichtenden Bau einer Demokratie verschiedenster Bestandteile. Aber er stelle sich im Ministerium des Auswärtigen oder auch nur im Abgeordnetenhause zu Jerusalem als Amtsgenossen Bentwich und als Frage die Beziehung zum Westen vor: da wird er für Deutschland, dieser für Britannien stimmen, weil sie bei allem gemeinsamen Zionismus von verschiedenem Staatsgesühl beseelt sind. F. L i e b e r m a n n. Das lchöntte Schlach-Mones kür unlm Jugend?u Kurim. Von Adolf Rothschild, Lehrer (Achim-Bremen), er Jugend gehört die Zukunft. — Was müssen wir ihr entgegenbringen? Der grausige Weltkrieg gibt uns die Fingerzeige. — Mehr denn je bedarf die Zukunft eines gesunden, kräftigen, arbeitstüchtigen Menschenschlages. Hier ist unsere Ausgabe in ihrem ganzem Umfange und in ihrer großen Bedeutung, deren wir uns bewußt werden müssen. Ungeachtet der vielen, fast unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeiten möchten wir an deren Lösung Herangehen. Eine doppelte Pflicht mahnt uns hier zur Arbeit: die Pflicht gegen die Jugend und die Pflicht gegen die Zukunft. Es ist leider jetzt durch das Kriegsgetöse manches Kulturnotwendige übersehen, ja vergessen worden, aber die Jugend darf nicht vergessen werden. Diese Aufgaben dürfen nicht zurückgeftellt werden, sonst kann für die zweckmäßige Ausnutzung durch den Krieg Gewonnenes nicht garantiert werden. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn hier behauptet wird, daß die gesamte Jugend unter den Folgen des Krieges unterschiedslos körperlich und damit auch geistig leidet. Aber ein beträchtlicher Teil unserer Jugend, namentlich in den Großstädten, leider derart, daß hier zur Rettung mancher zarten Seele dringendste Hilfe angebracht erscheint. Es müßten wirklich Menschen ein Herz von Stein haben, die hier nicht mithelfen wollten. Für die zahlreichen Kinder unbemittelter Eltern in Großstädten, vor allem auch für die Kriegerkinder, muß diesen Sommer etwas geschehen. Infolge der Lebensmittelknappheit sind nicht nur zahlreiche Fälle von Unterernährung festgestellt, sondern sogar eine Art Schwächezustand entstanden, der die Kinder in erheblichem Maße in der weiteren Entwicklung hemmt. Vielen Lesern dürfte bekanntgeworden fein, daß etwa 5000 erholungsbedürftige Kinder in menschenfreundlicher Weise bei wohlhabenden Familien in Holland für einige Wochen Aufnahme gesunden haben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es uns gelingen würde, auch eine Anzahl jüdischer Kinder in jüdischen Familien Hollands unterzubringen. Das hier nur nebenbei. Ich möchte hier die Anregung geben, eine größere Anzahl jüdischer Kinder (Knaben und Mädchen) auf dem Lande innerhalb Deutschlands diesen Sommer unterzubringen, weil ich die Meinung auszusprechen wage, daß es dort noch viele Familien gibt, die in der Lage sind und auch das Herz haben, ein solches Kind einige Wochen ohne jedes Entgelt angemessen zu verpflegen. Knaben und Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren könnten als Gegendienst bei leichten Landarbeiten beschäftigt werden. Es wollen sich zunächst Gleichgesinnte melden, die mithelfen wollen, das große Werk zu organisieren. Um einen Ueberblick über die Größe und den Umfang der Arbeit zu gewinnen, wäre es auch gleichzeitig zweckdienlich, wenn sich die in Frage kommenden Eltern melden wollten, die gern ein oder mehrere Kinder während der Sommerferien untergebracht haben möchten. Dann endlich wollen auch diejenigen hervortreten, die ein Kind aufnehmen oder die eventuellen Kosten für die Unterbringung übernehmen möchten. (Für einen Monat pro Kind 75 Mark.) Hier muß viel Kleinarbeit gemacht werden. Wenn es unseren Kleinen auf dem Lande gefällt, was nicht zu bezweifeln ist, so wäre mit der Möglichkeit zu rechnen, daß manche bei ihrer Rückkehr die Eltern zu veranlassen in der Lage wären, von der Großstadt aufs Land zu ziehen und sich hier eine Existenz zu gründen. Die Existenzbedingungen und Möglichkeiten dürften aller Voraussichtlichkeit nach nach dem Kriege bedeutend günstiger sein als in der Stadt. Diese Rückwanderung von der Großin die Kleinstadt ist schon seit langer Zeit vor dem Kriege und jetzt erst recht von vielen Seiten aus vielen Gründen gefordert worden. Wenn auch an eine Abflutung in größerem Maße nicht zu denken ist, so ist zu bedenken, daß aller Anfang schwer ist und daß wir hier schon mit kleinen Anfängen zufrieden sein wollen. Eine Verpflanzung der Großstadtjuden aufs Land (eigentlich ist es nur eine