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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-09 · Heft 10 (9.3.1917) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 ei »es Rentiers zu führen, von seinem Geschäft zurück. Der Arbeitsame konnte jedoch nicht rasten. Er weihte sein ganzes ferneres Leben, von seinem warmen, mitfühlenden Herzen geleitet, dem Allgemeinwohl, der sozialen Arbeit. Eine kleine Episode im Herbst 1892 legte den Grund zu einer Fürsorgetätigkeit, die außergewöhnliche Dimensionen annehmen sollte. Zwei hungernde Gemeindeschulkinder stellten sich Herrn Abraham, als er im Begriff war, die von ihm begründete „Israelitische Volksküche" in der Klosterstraße z>l besuchen, um Esten bittend, in den Weg. Von der Not der Kleinen aufs tiefste gerührt, reifte in dem jetzt Siebzigjährigen der Gedanke, eine umfassende Fürsorge für die bedürftigen Berliner Kinder einzurichten. Lange bevor irgendein Wohlfährtsunternehmen an die Schulkinderspeisung dachte, begründete Herr Abraham diese so überaus wichtige Einrichtung, die er als Vorsitzender des von ihm begründeten „Vereins für Kindervolksküchen und Volkskinderhvrte" leitete. Fünfzehn Jahre hindurch speiste dieser Verein die Kinder aus eigenen Mitteln, später gab die Stadt Berlin eine Subvention bis zu dem Zeitpunkt, da sie diese Speisung im Oktober 1916 der bestehenden Masienspeisung angliederte. Es würde zu weit führen, aus die Erfolge der Tätigkeit im einzelnen einzugehen. Wir führen nurZissern an, die ein beredtes Wort über die geleistete Fürsorgearbeit sprechen. Seit Bestehen des Vereins wurden 30 363 514 Mahlzeiten anSgegeben, darunter 8253900 Freispeisungen. Im Anschluß an diese Schulkinderspeisungen begründete Herr Abraham 3 4 H orte, in denen bis auf den heutigen Tag täglich 3 0 0 0 aufsichtslose S ch u l k i n d e r betreut werden. Der Krieg brach aus. Jetztsollte sich dasOrganisationstalent des Herrn Abraham in außergewöhnlichem Maßstab bewähren. Bald nach Kriegsausbruch reifte in dem Genannten der Gedanke, seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Volksernährung zur Verfügung zu stellen, den bei Ausbruch des Krieges Geschädigten, dem sogenannten bereits schwer eine wertvolle wirtschaftlich Mittelstand, Unterstützung angedeihen zu lassen. Durch die Einrichtung der Mittelstandsküchen machte er sich in hohem Maße verdient. Nach zweieinhalbjähriger Dauer des furchtbaren Ringens, das nicht nur im blutigen Kampf, sondern auch im wirtschaftlichen Krieg seinen Höhepunkt erreichte, bedeuten die 39 „Beamten- und Mittelstandsküchen", in denen täglich 50 000 Personen gespeist werden, einen Faktor, mit dem gerechnet werden muß, und ohne deren Bestehen es schlimm um viele bestellt wäre. Neben diesen Mittelstandsküchen richtete Herr Abraham außerdem noch 35 Suppenküchen ein, in denen täglich etwa 30 000 Liter nahrhafte Suppen und Knochenbrühe verausgabt werden. Möge es dem verdienten Manne, der trotz seiner körperlichen Leiden und trotz vieler Anfeindungen, an denen es ihm in seinem langen gesegneten Leben nicht gefehlt hat, vergönnt sein, an seinem frei gewählten Berufe zum Segen der ärmeren Klassen noch lange seine Tätigkeit zu -üben, die den Armen ohne Unterschied der Kommission gewidmet ist, und möge sein Beispiel eines der Allgemeinheit zugewendeten Strebens, das ein hell leuchtendes Zeugnis unserer Eigenart bildet, unter unseren Glaubensgenossen Nachahmung und Nachfolge erwecken. Dies ist der beste Glückwunsch zu seinem 70. Geburtstag. L. G. Mch einmal der enMche Lwmsmus. H^^em Engländer jüdischen Glaubens, dessen Meinung die „Allg. Zeitung des Judentums" 1916, S. 585, wiedergab, antworteten im „F o r t n i g h t l y Review" des Dezember I. H. Hertz, der Chief Rabbi van Britannien, und der Zionist Herbert Bentwich. Beide erklären es für historisch unrichtig, daß der Jude nur gegen Aufgabe seines Strebens nach politischer Herstellung des jüdischen Staates das britische Bürgerrecht und Gleichberechtigung erlangt habe. Und solch eine Erkaufung weltlichen Vorteiles durch Abfall von Zion wäre Verrat gewesen. — Hertz macht sich die Widerlegung seines Gegners recht bequem, indem er (was niemand geleugnet hat) die alte Zivnshoffnung in Jesajas und Psalm 137 nachweist: als sei sie mit dem heute sogenannten Zionismus identisch! Was mag der Hauptrabbiner wohl mit dem Rätselworte meinen: „Die Wiedergeburt des Willens Israels, seine Identität zu bewahren, und die Erweckung des religiösen Lebens Israels haben sich als untrennbar erwiesen." Wann war letzteres erstorben? Hat es der Wiederbelebung durch den Zionismus bedurft? Der Chief Rabbi verdient übrigens, daß ihm das Ministerium eine Ehrenstellung neben dem Erzbischof von Canterbury anweise. Denn Britanniens Kampf, den es doch in Wahrheit ficht für die Alleinherrschaft zur See, für ein Imperium über etwa ein Fünftel des bewohnbaren Erdballs und für die Vormacht in Handel und Industrie, erscheint hier als „heiliger" Krieg für die Rechte der kleineren Nationen. Der Mann, der das sagt, kommt aus Südafrika und hat Englands Burenkrieg vergessen! Er spricht von seinem „Kirchspiel von Jmperiumsweite" und rechnet offenbar alle die Juden unter Georgs V. Szepter zu seiner „geistlichen Fürsorge". Uns deutschen Juden erscheinen diese Wendungen stark zu christeln und der Stellung der Gemeindemitglieder zum Rabbiner keineswegs zu entsprechen. Er meint, die Mehrheit seiner Pfarrkinder — der Ausdruck, den er nicht braucht, denkt obige hierarchische Gesinnung nur zu Ende — sympathisiere mit den „Hauptzielen" des Zionismus. Was sind aber die Hauptziele?

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