Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
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------ 115 verknüpfte die älteste Tochter mit tnemen Schwestern und wir Knaben fühlten uns ungemein wohl in dem frischen Kreis, der sich um das liebenswürdige und anmutige Mädchen versammelte. Levy selbst, der bei seiner großen Familie und den knappen Einnahmen, die er als Lehrer an der Jüdischen Religionsschule und an den städtischen Höheren Lehranstalten bezog, schwer um seine Existenz ringen mußte, war eine außerordentlich frische und liebenswürdige Natur. Ungemein lebhaft in Diskussionen mit Gelehrten, wußte er sich eine unendliche Elastizität des Geistes zu wahren und,besaß ein beneidenswertes Geschick, mit Kindern zu verkehren, zu plaudern und zu -spielen. Ich erinnere mich mit Freude mancher Sommerabende, die wir mit ihm und seiner Familie in dem an der Promenade gelegenen Garten der „Gesellschaft der Freunde" verlebten, wo wir zu einem bescheidenen Trunk unsere mitgebrachten Butterbrote verzehrten, sowie mancher Sonntagssahrt nach Scheitnig, wo wir die mitgebrachten Kuchenvorräte mit unheimlicher Geschwindigkeit vertilgten, und ich sehe noch den beweglichen frischen Mann vor mir, wie er auf den großen Feldern, die unsere Sommerwohnung umgaben, mit uns um die Wette lief und den Preis davontrug. Im Verkehr mit Kindern vermied er es, den Lehrer herauszukehren, und war nur der freundliche, gefällige, geistig angeregte, unterhaltende und fröhliche Kamerad. Levy war einige Jahre auch mein Lehrer. Solange mein Vater die jüdische Religionsschule leitete, erteilte er nur Unterricht in Hebräisch, in biblischer und jüdischer Geschte. Seine Vorträge waren lichtvoll, von staunenswerter Kenntnis und doch berechnet für das Kindergemüt. Nach dem Fortgange meines Vaters übernahm er auch den Religionsunterricht und erwarb sich durch diesen, und namentlich durch den während vieler Jahrzehnte in den städtischen höheren Mädchenschulen .erteilten Unterricht, große Verdienste. Eine seiner Schülerinnen bekannte einmal den Segen, den sie durch diese Unterweisung empfangen hatte, mit den Worten: „Deutsche Aufsätze hatten wir bei ihm wie kaum sonst geliefert; mit solchem Eifer, wie er ihn eben zu wecken verstand." Auch sonst hatte er die schönsten Lehrerfolge: Ein so bedeutender Mann wie Eduard Lasker erinnerte sich noch in seiner späteren Zeit gern des lateinischen Unterrichts, den er bei ihm empfangen hatte. Levy war ein Glücklicher, obgleich er des Daseins Notdurft hart erarbeiten mußte. Zwar brachte er sein Leben nur auf 54 Jahre, aber diese Spanne Zeit war, wenn auch voll von Anstrengungen, doch reich an Freuden und Erfolgen. Er war selten bettlägerig; dem tückischen Leiden, das an ihm zehrte, unterlag er plötzlich und schmerzlos. Er führte ein sonniges Dasein in seinem Hause, das von einer munteren Kinderschar belebt war; er durfte sich an deren Entwicklung freuen, wenn es ihm auch nicht vergönnt war, die behagliche, teilweise glänzende Lebensstellung mitanzuschauen, in die manche unter ihnen gelangten. Er war mit einer anmutigen, fleißigen, strebsamen, musikalisch ungewöhnlich begabten Frau verheiratet, die, wenn sie auch ihre Kunst mit Eifer übte, doch die Arbeiten des Gatten teilnahmsvoll zu begleiten wußte, den Heranwachsenden Kindern eine liebevolle Führerin war und mit großer Kunst verstand, den engen Verhältnissen einen Anstrich von Wohlhabenheit und dem Gewöhnlichsten, was sie tat, einen unnachahmlichen Reiz zu gewähren. Sie verstand es, die geselligen Kreise durch ihre Fröhlichkeit zu beleben und hatte ein ganz eigenes Talent, den engen Räumen ihres Hauses den Schimmer von Anmut und Zierlichkeit zu gewähren. Wie von der Gattin, so wurde Levy geliebt und verehrt von seiner Schwiegermutter, die, aus Hamburg nach Breslau gezogen, ihren kränklichen Gatten und ihren scheinbar gesunden Schwiegersohn um Jahrzehnte überlebte. Sie erschien mir ip meiner Knabenzeit und erscheint mir noch. wenn ich an sie denke, durch ihr Aussehen und Wesen wie eine seine adlige Dame, wie eine Fürstin (dieser Name wurde ihr scherzhaft im Familienkreise gegeben), mit ihren schneeweißen Locken, stets in schlichtem, doch vornehm wirkendem Gewände und von einer Hoheit des Benehmens, die nicht Furcht erregte und keine Vertraulichkeit ausschloß, aber doch zwischen ihr und dem Gewöhnlichen einen weiten Abstand schuf. Levy war glücklich auch in seinem Berufe, ein wahrhafter Lehrer, eine wirkliche Lehrernatur, ein Mann, der in seinem Unterricht das oft Vorgetragene nicht gewohnheitsmäßig ableierte, sondern durch sorgfältige Vorbereitung vertiefte und durch glückliche Improvisation sich erneute und den Schülern angenehm zu machen verstand. Er war ein Forscher, der durch einen glücklichen Zufall, wohl auch, wenn ich mich recht erinnere, durch Anregung meines Vaters, auf wenig bearbeitete Fächer, das der Münzkunde und der phönizischen Sprache gelenkt, leichter als dies auf oft und viel begangenen Pfaden möglich ist, sich auszeichnen konnte, der aber durch Scharfsinn, Beharrlichkeit und Gelehrsamkeit, sich zu einem Meister aufschwang, der von den Besten anerkannt wurde. Er besaß Naivität genug, um sich an brieflichen Anerkennungen, öffentlichen Ehrungen, dem Prosessorentitel und akademischen Würden zu erfreuen und die liebenswürdige Art, mit der er von solchen Belobigungen sprach, hatte etwas Kindlich- Rührendes an sich, das niemand verletzte. Er war ein talentvoller Schriftsteller, der, ohne durch Glanz und eigenartigen Stil zu bestechen, sowohl in Arbeiten seines Faches als in den zahlreichen Uebersetzungen, die er meist des Erwerbes wegen unternahm und doch niemals auf Bücher wendete, die ganz außerhalb seines weiten Gebietes lagen, als endlich in vielen Lehrbüchern, Erzeugnissen und Hilfsmitteln seines reichen pädagogischen Talents klar und verständlich darzustellen wußte. Endlich ein Redner, der, wenn er auch die höchsten oratorischen Wirkungen nicht erreichte, eindringlich und überzeugend zu wirken wußte, weil die Gradheit seines Wesens, die innere Ueberzeugung in der Schlichtheit seines Tones zum lebendigen Ausdruck kam. Und was dem Ganzen die Krone aufsetzte: er war ein trefflicher Mensch, neidlos gegenüber den Höherbegabten und Erfolgreicheren, hilfsbereit denen, die wissenschaftliche Förderung bei ihm suchten und persönliches Wohlwollen heischten, ein erprobter Freund, ein liebevoller Gatte, ein sorgsamer Vater. Er arbeitete, solange es Tag war, nicht von zehrender Sorge um die Zukunft der Seinen erfüllt, die er, soweit es seine Kräfte erlaubten, zu sichern sich bestrebte. Er durfte darauf vertrauen, daß die eigene Kraft der ihm eng verbundenen und die Fürsorge des großen Kreises seiner Verehrer die Seinen vor Not bewahren würden. Mir ist's, wenn ich an ihn denke, als wenn ich eine Lichtgestalt vor mir sähe, denn er war ein Mann, der das Leben zu genießen verstand mit jener bescheidenen Anspruchslosigkeit, die eine Eigentümlichkeit vergangener Jahrzehnte ist, ein Mann, der stets nach dem Höchsten rang, feine Kraft nicht überschätzte, hinter dem in wesenlosem Scheine das Gemeine lag und der im trauten Kreise der Seinen, im regen geselligen Verkehr, im Leben und in der Wissenschaft heiter und unermüdlich, willig und tätig, bescheiden und zufrieden seine Kräfte regte und die Gaben benutzte, die ein gnädiges Geschick ihm gewährt hatte. Hermann Mrs Ham. ermann Abraham, der bekannte Begründer vieler Berliner Wohlfahrtseinrichtungen, feiert am 11. März seinen 70. Geburtstag. Er wurde in einer kleinen Stadt des Ostens geboren, kam frühzeitig nach Berlin und war hier als Kaufmann mit großem Erfolge tätig. Vor nunmehr 25 Jahren zog sich Herr Abraham im Besitz eines Vermögens, das ihm gestattet hätte, das behagliche Leben